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Sie trinken Schnaps, um cool zu sein


Ottweiler/Neunkirchen. Sie sitzen fast täglich zusammen. Trinken – saufen, wohl eher. Bis zum Umfallen. So geht es zu, wenn Jugendliche „komasaufen“.

Es ist wieder einer dieser Abende, als Timo S. (17, alle Namen geändert) Handy klingelt. Er ist auf dem Heimweg vom Fitness-Studio. Ein Freund ist dran, sagt, er solle schnell hoch zum Park kommen. Als er dort ankommt, liegt da ein Mädchen.(16). Timo: „Ich habe sofort versucht, mit ihr zu reden. Als sie nicht mehr reagiert hat, habe ich den Krankenwagen gerufen.“ Sie kommt mit einer Alkoholvergiftung in die Klinik. Dominique Jünemann vom Ottweiler’ Kreiskrankenhaus: „Überrascht ist niemand mehr, wenn teilweise auch schon Zwölf- oder Dreizehnjährige bei uns landen.“ Ähnliches haben die Ärzte im Städtischen Krankenhaus Neunkirchen beobachtet. Der Oberarzt der Inneren Station, Wolfgang Maurer: „Wir haben alle paar Wochen einen solchen Fall. Der Alkoholpegel ist auch gelegentlich über drei Promille.“ In der Kinderklinik Kohlhof sind es rund 30 Fälle pro Jahr. Zahlen des Saar-Gesundheitsministeriums unterstützen die Erzählungen der Ärzte: 20.Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 25.Jahren trinken regelmäßig Alkohol – nicht selten viel zu viel.
Die Gruppe Jugendlicher, von der Timo berichtet, trifft sich fast täglich im Park in Ottweiler, „um zu saufen“. Zum Teil sind es Kinder von erst zwölf Jahren. Nur einer ist 18. Der besorgt den Alkohol. Timo selbst hat keine Lust darauf, geht lieber ins Fitness-Studio. Die Sauferei, erinnert sich Timo, habe angefangen, als die Freundin von Tobias (heute 16) Schluss machte. Der Junge ertränkte seinen Frust im Alkohol. Und wachte erst im Krankenhaus wieder auf. Timo: „Seitdem trinken die fast jeden Tag.“
Einer, der das Treiben seit Jahren beobachtet, ist Paul Kessler (53), seit acht Jahren Kontaktpolizist in Ottweiler. Fast täglich ist er vor Ort. Kessler: „Die kennen mich genauso, wie ich sie kenne. Aber sobald ich komme, verschwinden die Flaschen.“ Ähnliches erlebt sein Kollege Werner Delles (56) in Neunkirchen. In Neunkirchen hat Delles Präsenz dazu geführt, dass sich die Jugendlichen vom Hüttenpark verzogen haben. Delles: „Aber ganz verhindern werden wir es nicht können, es ist immer nur eine Verdrängung an einen anderen Ort.“ Auf die Frage, ob es überhaupt jemanden in der Gruppe gebe, der nicht trinkt, überlegt Timo kurz und sagt dann mit Bestimmheit: "Nein. Am Anfang machen sie mit, weil sie dazu gehören wollen, und dann geht es immer so weiter."

Das haben auch die Kontaktpolizisten beobachtet. "Für so manche ist es die einzige Freizeitgestaltung", mutmaßt Werner Delles, "momentan ist es in, für viele ist es cool. Ich bin aber überzeugt, dass in ein paar Jahren was anderes aktuell ist, die Gruppen kommen aus dem Nichts, werden immer mehr, bleiben ein paar Jahre und verschwinden dann wieder." In Ottweiler sei das Problem erst vor drei, vier Jahren aufgetaucht, berichtet Paul Kessler: "Ich kann mir nicht erklären, woher das kommt." Damit es bei den Saufgelagen nicht langweilig wird, erzählt Timo, gibt es Spiele. Die Jugendlichen sitzen zusammen und lassen eine Zigarette kreisen. „Derjenige, bei dem die Asche runter fällt, muss eine viertel Flasche Schnaps auf ex trinken.“ Oder die Jungs machen Armdrücken. Bei einem anderen Spiel muss man eine halbe Minute an einer Zigarette ziehen und so viel wie möglich runter rauchen. "Manche Mädchen sind da schon umgefallen", erzählt Timo trocken. "Für das Phänomen gibt es keine Ursache, die Jugendlichen wissen oft selbst nicht, wie sie dazu kommen", sagt Werner Delles.
Und die Eltern? Die Kontaktpolizisten vereinbaren oft Termine mit Eltern. Dort könne man schnell einschätzen, ob die hinter den Jugendlichen stehen oder nicht. "Bei manchen redet man aber gegen eine Wand", sagt Werner Delles, "oft sind es Familien, in denen Erziehung nicht mehr stattfindet." Wir hoffen oft auf Einsicht und werden oft enttäuscht", sagt Paul Kessler. Er klingt etwas verbittert. Man hört den Kampf gegen Windmühlen raus. Endstation: Klinik. Kessler: „Die Jungs, die im Krankenhaus landen, empfinden das noch nicht mal als Schande, sondern sind dann erst recht die Helden. Jeder will eine noch höhere Promillezahl haben.“ szn/bie

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