A8 Neunkirchen Richtung Saarlouis Zwischen AS Schwalbach/Schwarzenholz und AS Schwalbach Dauerbaustelle, Arbeiten am Mittelstreifen, linker Fahrstreifen gesperrt bis 28.10.2017 16:00 Uhr Zweiter Fahrstreifen auf Standspur eingerichtet. (26.05.2017, 13:53)

A8

Priorität: Normal

9°C
Saarbrücken
weather-Saarbrücken
9°C
Saarbrücken
weather-Saarbrücken

„Sitzenbleiben“ erhitzt die Gemüter

Am Freitag ging es für die saarländischen Schüler in die freudig erwarteten Sommerferien. Doch bei dem einen oder anderen sitzt der Schock der Zeugnisübergabe tief. Denn 1189 Schüler der weiterführenden Schulen im Saarland wurden nach Angaben des Statistischen Landesamts am Ende dieses Schuljahres nicht versetzt. Zwar gab es 2004/2005 noch deutlich mehr Wiederholer, nämlich 2260, aber für Lehrer, Eltern und Politiker sind es immer noch zu viel.

Allein an Gymnasien hat sich die Zahl der Nichtversetzten um mehr als 200 reduziert. Heute sind es nur noch 629 Jugendliche, die die Klasse wiederholen müssen. Das Saar-Bildungsministerium führt die positive Entwicklung auf ein verändertes Unterrichtskonzept zurück, es werde individueller gefördert. Trotzdem seien es immer noch zu viele Schüler , die wiederholen müssen, meint Judith Franz-Lehmann, Vorsitzende der Gesamtlandeselternvertretung (GLEV) Saar: „Sitzenbleiben war noch nie nützlich.“ Oft seien bei Wiederholern Defizite in einem oder zwei Fächern ausschlaggebend, daher bringe es nichts, den Unterrichtsstoff aller Schulfächer eines gesamten Schuljahres zu wiederholen. „Ganz viele Lücken sind bereits im Laufe des Jahres sichtbar und können mit spezieller Förderung aus der Welt geschafft werden“, so Franz-Lehmann.

Andreas Sánchez, stellvertretender Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), sieht das ähnlich: „Es ist fraglich, ob Sitzenbleiben einen pädagogischen Nutzen hat.“ Es sei eine Illusion zu glauben, dass Wiederholer deutlich bessere Noten abliefern würden als im Schuljahr zuvor. Wichtig sei es, schwächere Schüler individuell zu fördern. Sei es mit Nachmittags- und Hausaufgabenbetreuung oder zusätzlichen Unterrichtsstunden, meint Sánchez. Eine Wiederholung mache nur Sinn, so das Bildungsministerium , falls ein Schüler über längere Zeit zum Beispiel wegen Krankheit nicht am Unterricht teilnehmen könne.

„Die Kinder müssen lernen zu lernen“, fügt Sánchez hinzu. Er habe selbst in seiner Schulzeit eine Klasse wiederholen müssen. Viel gebracht habe es ihm nicht und so gehe es den meisten Sitzenbleibern, sagt er: „Sitzenbleiben ist ein Angst-Szenario, das die Schüler nicht motiviert, sondern vielmehr runterzieht.“ Daher müssten Schulen ihre Unterrichtskonzepte anpassen. Die Devise laute: weg vom Frontalunterricht, hin zur individuellen Förderung. „Es muss versucht werden, keinen zurückzulassen“, sagt Sánchez.

Der Saarländische Lehrerinnen- und Lehrerverband (SLLV) sieht die Sache gleichwohl etwas anders. „Das Wiederholen einer Klassenstufe kann durchaus hilfreich und manchmal sogar sehr heilsam sein“, sagte die Landesvorsitzende Lisa Brausch vor wenigen Tagen in einem SZ-Interview. „Beispielsweise wenn grundlegende Bildungselemente fehlen, die Arbeitshaltung überhaupt nicht stimmt oder es eine Reifeverzögerung bei einem Kind gibt.“ Im Allgemeinen gehe es aber darum, mehr individuelle Förderung anzubieten, damit niemand eine Klasse wiederholen müsse. Doch dafür brauchten die Schulen mehr Personal.

Statistisch gesehen trage Sitzenbleiben wenig zur Verbesserung bei, so Dirk Hochscheid-Mauel, Leiter der Geschäftsstelle des Zentrums für Lehrerbildung an der Saar-Uni: „Bereits in den 1980er Jahren wurde erfasst, dass das Sitzenbleiben nichts bringt.“ Es sei demotivierend, schnell würden Schüler in ein Muster verfallen. „Wer einmal sitzenbleibt, wird gerne auch ein zweites Mal nicht versetzt“, erklärt Hochscheid-Mauel. Empirische Studien belegten, dass das Sitzenbleiben zu negativen Begleiterscheinungen bei der Persönlichkeitsentwicklung führe: „Sie verlieren ihr gewohntes Umfeld und müssen sich an eine neue Klassengemeinschaft gewöhnen.“ Das belaste die Kinder sehr.

An den saarländischen Gymnasien soll, so das Bildungsministerium , ab dem kommenden Schuljahr das Projekt „Profil“ Abhilfe schaffen. Es richtet sich an die fünften und sechsten Klassen. Ziel sei es, „ Schüler nach dem Übergang von der Grundschule an die Gymnasien in ihrer neuen Lernwelt zu stabilisieren.“ Der Fokus werde auch auf eine stärkere individuelle Förderung gelegt. In den vergangenen Jahren war bereits mit dem Modellversuch „Fördern statt Sitzenbleiben“ das Sitzenbleiben in der Unterstufe ausgesetzt worden.

Die Grünen fordern, das zwangsweise Sitzenbleiben bis in Klassenstufe acht abzuschaffen. „Es ist ein völlig falscher Ansatz, um die Leistung von Schülern zu steigern“, erklärt der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Klaus Kessler .
Hat dir dieser Artikel gefallen?
Ja Nein