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Sitzenbleiben war gestern

Saarbrücken. An einem alten Zopf des deutschen Schulwesens hat Bildungsminister Klaus Kessler jetzt ganz vorsichtig die Schere angesetzt: dem Sitzenbleiben. „Die Wiederholung eines Schuljahrs trägt in der Regel nicht zu einer Leistungssteigerung bei den betroffenen Schülern bei. Das belegen wissenschaftliche Studien. Häufig löst ein Sitzenbleiben dagegen Frustration bei den Kindern aus“, sagte Kessler gestern vor Journalisten in der Saarbrücker Staatskanzlei. Um diesen Zustand zu ändern, hat Kessler einen Erlass zum Modellversuch „Fördern statt Sitzenbleiben“ auf den Weg gebracht, der beinhaltet, dass ab dem nächsten Schuljahr 2011/2012 an elf Gymnasien im Saarland im fünften Schuljahr das Sitzenbleiben probeweise ausgesetzt wird. „Ich setze damit den Koalitionsvertrag um“, betonte Kessler.

Grundvoraussetzungen für die Teilnahme am Modellversuch seien die Vorlage eines Förderkonzeptes und die Zustimmung der Schulkonferenz. Diese Voraussetzungen hätten die Marienschule, Willi-Graf- und Deutsch-Französisches Gymnasium in Saarbrücken, das Saarpfalz-Gymnasium in Homburg, das Johannes-Kepler- und das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Lebach, das Dillinger Albert-Schweitzer-Gymnasium, das Waderner Hochwald-Gymnasium und alle drei Saarlouiser Gymnasien erfüllt, so Kessler. „Ab dem Schuljahr 2012/13 wird an diesen Schulen auch im 6. Schuljahr das Sitzenbleiben ausgesetzt“, fügte er an. Ziel sei es, dass die Kinder in ihrer Leistung stabiler würden. Das gelte vor allem für schwächere Schüler. „Die Eltern sollen von Nachhilfekosten entlastet werden“, betonte Kessler.

Das Förderkonzept beinhalte eine Leistungsstand-Diagnostik. Zudem sollten die Kinder „das Lernen lernen“: Sie sollten die eigene Organisation des Lernens verbessern. Mit der Einführung von Lerntagebüchern soll den Schülern ihr Arbeitspensum bewusster gemacht werden. Lerntagebücher werden bereits an weiterführenden Montessori-Schulen erfolgreich eingesetzt. Zudem sollten die Schüler in Lernwerkstätten in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen unterstützt werden. „Jede der elf Schulen bekommt pro teilnehmende Klasse eine Förderstunde mehr“, sagte Kessler. Die Schulen könnten sich bis zu ein Drittel dieser Lehrer-Förderstunden auszahlen lassen, was in bar etwa 2000 Euro seien. Von diesem Geld ließen sich etwa 200 Förderstunden je zehn Euro bezahlen, die etwa durch Studenten oder Oberstufenschüler gehalten werden können. Im Schnitt würden im Saarland 40 bis 90 Sextaner sitzenbleiben. Diese Quote verdreifache sich bis zum 8. und 9. Schuljahr wegen der Pubertäts-Problematik, räumte Kessler ein. Deshalb sah Kessler perspektivisch, dass das Sitzenbleiben nach einem erfolgreichen Abschluss 2016 auf weitere Klassenstufen ausgeweitet werden kann. Anderswo in Europa ist das längst der Fall.

Klaus Lessel, Chef des Philologenverbandes Saar, sagte der SZ: „Wir sind der Meinung, dass der Versuch unnötig ist.“ Zum einen blieben kaum noch Schüler in den Eingangsklassen der Gymnasien sitzen, zum anderen würden „falsche Schullaufbahnentscheidungen“ in die Mittelstufe verschleppt. Zudem würden nur schwächere Schüler gefördert, starke Schüler nicht. Das Illinger Illtalgymnasium, wo er der Chef ist, habe sich gegen den Modellversuch entschieden. Gut sei, dass die Teilnahme freiwillig sei, so Lessel. Der Vize-Chef des nicht am Versuch teilnehmenden Neunkircher Steinwald-Gymnasiums Sascha Schlicker machte geltend, das dort bereits ein gutes Förderkonzept existiere. Das Problem seien zu große Klassen mit 29 Schülern.

Meinung
Ein zarter Modellversuch
Von SZ-Redakteur Dietmar Klostermann


Ja, der Ex-Lehrer Klaus Kessler kennt die Befindlichkeiten seiner Ex-Kollegen. Um diese nicht zu verprellen, nimmt er die Schulen auf freiwilliger Basis mit auf eine Reise, die in einer kleinen Reform enden könnte. Denn nichts ist den Gymnasien mehr zuwider als Veränderungen, die ihnen von der Politik übergestülpt werden. Deshalb ist es ein zartes Pflänzchen Hoffnung, dass den Schülern an den elf Gymnasien erblüht. Sie werden vermehrt gefördert und brauchen zwei Jahre lang keine Angst um die Versetzung zu haben. Aber was dann? Wenn die Pubertät erst richtig losgeht, die Lust auf Schule gegen Null sinkt, wird nach alter Paukersitte ausgesiebt. Daran können die Studienräte nicht viel ändern, denn die Frustrationen, die viele Schüler dann erleiden, sind systemimmanent. Eine gute Schule sieht eben anders aus: Viel kleinere Klassen als mit 29 Pubertierenden vollgestopfte sind die Basis. Und zwei Lehrer pro Klasse, die sich kümmern. Bisher ist kein Politiker gewillt, dies zu bezahlen.
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