A8 Luxemburg Richtung Saarlouis AS Rehlingen Anschlussstelle gesperrt, Bauarbeiten, die Situation dauert voraussichtlich längere Zeit an (vorraussichtlich Mitte Oktober) (12.09.2017, 18:54)

A8

Priorität: Dringend

18°C
Saarbrücken
weather-Saarbrücken
18°C
Saarbrücken
weather-Saarbrücken

So fühlt sich's an: Eisschwimmen live vom Itzenplitzer Weiher

 Heiligenwald. Moment, in dem sich der große Zeh so langsam, aber sicher vom Gefühlsleben des restlichen Körpers verabschiedet. Der Moment, in dem er seinen vier kleineren Kollegen mitteilt: „Jungs, hier isses zu kalt. Wir machen Feierabend.“ Genau das erlebe ich, als ich am Itzenplitzer Weiher stehe und auf ein etwa vierzig Quadratmeter großes Loch in der Eisfläche blicke. Wohl gemerkt stehe ich noch auf festem Untergrund, dick eingepackt in mehrere Schichten Baumwolle und Polyester, bis unters Kinn zugeknöpft, Wollmütze und Handschuhe inklusive. Nur bei der Wahl der Fußbekleidung habe ich mit lediglich einem Paar Socken und herkömmlichen Turnschuhen kläglich versagt. Was sich jetzt rächt. Da meine Füße schon beim Gang durch den Schnee Bekanntschaft mit Gefrierbrand machen, stelle ich mir ernsthaft die Frage, wie das erst sein wird, wenn ich gleich ins drei Grad kalte Wasser steige. Denn genau aus diesem Grund bin ich hier. Um am Neujahrs-Eisschwimmen der Merchweiler Seelöwen teilzunehmen. Die Kaltwasser-Freaks sagen auf diese Weise schon zum achten Mal in Folge „Hallo“ zum neuen Jahr. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass einem als Beobachter dieses frostigen Schauspiels automatisch zwei Dinge durch den Kopf gehen: 1. Für kein Geld der Welt würde ich da reingehen. 2. Die müssen verrückt sein.

Auch ich halte es bei einer derzeitigen Außentemperatur von zwei Grad unter Null gerade für so ziemlich die schlechteste Idee aller Zeiten, mich bis auf die Badehose auszuziehen und in den Itzenplitzer Weiher zu latschen. Aber immerhin habe ich irgendwo gelesen, dass man in Russland mit dem Brauch des Eisschwimmens zu Jahresbeginn seine Seele reinwaschen kann. Ob in meinem Fall dazu ein Sprung in das kleine Gewässer in Heiligenwald ausreicht, wage ich zu bezweifeln. Vermutlich müsste ich dazu eher bis auf den Grund des Marianengrabens tauchen, aber vielleicht kann ich wenigstens ein paar kleine Sünden im „Itzenplitzer“ versenken.

„Es ist vor allem dieser Moment, wenn man wieder aus dem Wasser rauskommt, der so unglaublich ist. Das ist, wie wenn man in Schokolade beißt“, teilt mir eine erfahrene Eisschwimmerin mit, die mir sicherlich nur Mut machen will. Für mich heißt das im Klartext: Das Schöne ist, wenn der Schmerz nachlässt. Auch wenn mir alle anderen bestätigen, dass sich nach dem Baden ein unglaubliches Glücksgefühl breitmacht und die Endorphine im Körper Hula-Hoop tanzen, kann und will ich mich noch immer nicht mit dem Gedanken anfreunden, mich in wenigen Minuten diesem kaltnassen Härtetest zu unterziehen.

„Problematisch sind heute die Außenbedingungen. Vor allem der Wind wird uns nach dem Baden zu schaffen machen“, sagt Michael Marx von den Seelöwen. Er klärt mich noch mal darüber auf, in welcher körperlichen Verfassung man sein sollte, um beim Eisschwimmen mitzumachen: „Grundvoraussetzung fürs Eisschwimmen ist Gesundheit und körperliche Fitness. Mit Herzproblemen oder Kreislaufbeschwerden sollte man diesen Sport nicht ausüben“, sagt Marx und klopft mir auf die Schulter: „Los geht’s. Komm, wir machen uns warm.“

Mit einem Läufchen um den Weiher bringen wir uns auf Betriebstemperatur, angefeuert von vielen Zuschauern, die sich rund ums Ufer versammelt haben. „Wenn wir am Ziel sind, zügig die Klamotten aus, Badeschuhe an, um die Füße zu schützen, Mütze auf, um die Körperwärme nicht zu rasch zu verlieren und dann langsam, aber bestimmt ins Wasser“, rät mir einer der 30 Mitschwimmer, die zwischen 13 und 70 Jahren sind, und fügt hinzu: „Ganz wichtig: das Atmen nicht vergessen.“ Aber das sollte man ja ohnehin nie vergessen. Im Gleichschritt nähern wir uns dem Unvermeidbaren. Kneifen kommt jetzt auf keinen Fall infrage. Dann lieber als Eisklotz in Würde untergehen. Am Ziel herrscht Partystimmung, und plötzlich geht alles ganz schnell. Ehe ich mich versehe, wirft ein Pulk Hartgesottener die Klamotten von sich und schreitet in Richtung Weiher. Ich mittendrin. Der erste Schritt ins Wasser ist getan. Wie mir geraten wurde, schreite ich einfach voran, ohne mir weiter Gedanken zu machen. Als ich bis zur Brust im Wasser stehe, stockt der Atem. Ich entsinne mich des Ratschlags und fülle meine Lungenflügel wieder mit Luft.

Ich bin drin, mache ein paar Schwimmzüge, treibe auf dem Rücken, hebe eine Eisscholle hoch und fühle mich – mit Verlaub – sauwohl. Es folgen knapp zwei Minuten Halligalli im Rausch der Kälte. Durch leichtes Schütteln signalisiert mein Körper, dass er sich nach einem trockenen Handtuch sehnt. Also raus aus dem Wasser und rein ins beheizte Zelt, wo unter den Schwimmern eine Stimmung herrscht wie auf dem Oktoberfest.

Freude über die warmen Klamotten mischt sich mit Euphorie. Ein Gefühl, das weitaus über meinen Erfahrungen mit dem Verzehr von Schokolade liegt. Ich habe es tatsächlich getan. Ich war mitten im Winter schwimmen. In eiskaltem Wasser. Irre.

Stolz und irgendwie auch frei von Sünde verabschiede ich mich. „Im nächsten Jahr sehen wir uns wieder“, versichere ich im Glückstaumel. Auf dem Weg zum Parkplatz steigt langsam Kälte in mir hoch. Jede Pore sehnt sich nach einer warmen Dusche. Zu Hause angekommen, genieße ich diese ausgiebig und hoch temperiert. Wenn ich mir jetzt vorstelle, in den Itzenplitzer Weiher zu springen, schießen mir zwei Dinge in den Kopf: 1. Für kein Geld der Welt. 2. Ich bin doch nicht verrückt.

Hat dir dieser Artikel gefallen?
Ja Nein