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So kehren Soldaten ins normale Leben zurück

Saarlouis/Steingaden. Torsten Peters (Name geändert) hat die Verantwortung für das Leben dutzender Männer und für sein eigenes getragen. "Mein Motor ist monatelang auf Hochtouren gelaufen - 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche", erinnert er sich. Er spürte die Gefahr in jedem Augenblick; es gab immer wieder Feuergefechte. Peters hielt dem Druck stand. "Alle meine Männer sind nach Hause zurückgekehrt", sagt er stolz. Dass er keine Schwäche zeigt, ist für ihn selbstverständlich: "Entweder man funktioniert - oder man wird abgelöst."

Einen Moment aber gab es, in dem Peters nicht wie eine Maschine funktioniert hat: Am Vatertag hat er sich zurückgezogen und Fotos seiner jüngsten Tochter in die Hand genommen. Als er nach Afghanistan aufbrach, war sie ein halbes Jahr alt. Während Peters auf die Bilder blickte, vergaß er für kurze Zeit, wo er sich gerade befand. Er vergaß die düsteren Lageberichte, das Heulen der Sirenen, die Raketeneinschläge. Stattdessen sah er auf den Farbfotos, wie sich seine kleine Laura entwickelt hatte, wie viel vom Leben er verpasst hatte. Wie viel er verlieren könnte. Tränen liefen über die spitzen Wangenknochen des mächtigen Mannes in Uniform.

Nun steht er in einer kleinen Kapelle im Allgäu, links und rechts neben ihm seine Frau Martha und seine vier Töchter, 13, elf, sechs und drei Jahre alt. Die Glocke läutet. Insgesamt 90 Männer, Frauen und Kinder haben sich zur Andacht versammelt. Es sind vor allem Soldaten der Saarlandbrigade mit ihren Familien. Sie nehmen an der "Familienrüstzeit" der evangelischen Militärseelsorge Saarlouis teil. Die 14-tägige Freizeit soll ihnen die Gelegenheit geben, aus dem Soldatenalltag auszusteigen. Sie sollen zur Ruhe kommen und den Zusammenhalt ihrer Familien stärken, das Leben genießen - und sich damit auseinander setzen, im Gottesdienst und in Gesprächen. "Ehrfurcht vor dem Leben - das Werk Albert Schweitzers", lautet das Rahmenthema.

Begleitet von Militärseelsorgerin Annegret Wirges singen die Soldatenfamilien "Weißt du, wo der Himmel ist?". Die Kinder sind zum Altar gekommen, formen mit ihren Armen die Weite des Himmels. Kurz darauf liest Wirges einen Auszug aus dem Buch des Propheten Joel. Katastrophen brechen darin über die Welt herein - und werfen die Frage nach dem Warum auf. "Die Welt ist ein Wunderwerk voller Schönheit, aber auch voller Grausamkeit. Und ein Unglück ist immer auch ein Anlass, sich über sich selbst klar zu werden und Dankbarkeit für das Glück zu entwickeln", predigt Wirges.

Papa, der Fremdkörper

Torsten Peters hat mit seiner Frau Petra auf einer Bank vor dem Rüstzeitheim Platz genommen. Es ist ein gelbes, mit Efeu umranktes Haus mitten im Allgäu, in einer friedlichen, fast schon kitschigen Bilderbuch-Welt. Afghanistan und der Krieg könnten nicht weiter weg sein.

Doch die Zeit dort hat Folgen, die in die Gegenwart ragen. "Jeder Einsatz ist wie ein schwarzes Loch. Gestohlene Lebenszeit. Meine Kleinste hat mich nach meiner Rückkehr nicht erkannt", sagt Peters. "Jeder Einsatz erhöht aber auch die Wertschätzung für das Leben und die Familie", fügt er hinzu. Auch wenn die Wertschätzung steigt - diese Zeit verwandelt den Soldaten in einen Fremdkörper für die Familie. Nicht selten bleibt das so: Viele Ehen zerbrechen. "Wenn der Mann zurückkehrt, muss er sich an die Familie gewöhnen - und die Familie sich an ihn", sagt Peters.

Die härteste Prüfung muss die Familie jedoch während des Einsatzes bestehen: Wie soll sie die Angst aushalten? "An Weihnachten war es besonders schlimm", erzählt Peters' älteste Tochter. Sie hat dann oft geweint. Wie Peters seinen Kindern den Einsatz erklärt? "Ich sage ihnen, dass wir den Terrorismus bekämpfen müssen, sonst kommt der Terrorismus zu uns. Und dass wir dafür sorgen, dass die Menschen in Afghanistan besser leben können, in Frieden."

Während ihr Vater weit weg ist, werden die Kinder zu "Nachrichten-Junkies". Jede Schlagzeile aus Afghanistan lässt sie zusammenzucken, kann ihnen tagelang den Schlaf rauben. Die moderne Kommunikationswelt ist Fluch und Segen zugleich: Einerseits kann sich das Ehepaar Peters täglich E-Mails schreiben und so die Entfremdung abfedern, andererseits kann jede Nachricht Angst auslösen. Martha Peters erlaubt sich deshalb - wie ihr Mann im Einsatz - keine Schwäche: "Ich vertraue auf seine Fähigkeiten. Er ist ein ausgezeichneter Soldat. Man muss die Angst ausblenden, sonst würde sie einen lähmen. Die ganze Familie muss sich zusammenreißen", sagt sie bestimmt.  Und: "Niemand, der nicht selbst betroffen ist, kann sich vorstellen, wie viel Kraft das kostet - zumal ich alles alleine stemmen muss, wenn mein Mann nicht da ist." Umso mehr verletzt es sie, dass viele Deutsche nicht hinter den Soldaten stehen: "In Deutschland bekommen Soldatenfamilien keine Anerkennung - in den USA ist man stolz auf seine Soldaten." Einmal habe eine Nachbarin gesagt: "Jetzt, wo ihr Mann im Einsatz ist, verdienen Sie bestimmt viel Geld."

Am Abend wird gegrillt. Die Soldaten sitzen mit ihren Familien auf Holzbänken, genießen Schwenker, Rostwurst, Bier - und die Tatsache, dass sie nur Streitereien der Kinder um Buntstifte schlichten müssen und die weinende Tochter trösten. Zärtlichere Väter und Ehemänner kann man sich kaum vorstellen: Die Paare halten Händchen und knutschen, als hätten sie sich gerade kennengelernt; die Kinder werden durch die Luft gewirbelt und haben ein Dauerrecht darauf, auf Papas Schoß zu sitzen.



Unfassbare Brutalität


Manfred Schulz ist ein angesehener Soldat, ein Vorbild, kaum einer sei so gefestigt, heißt es: "Es stimmt, ich verkrafte die Einsätze sehr gut." Mit der Zeit stumpfe man ohnehin ab, lerne, mit der Gefahr zu leben. Seinen ersten Einsatz jedoch werde er nie vergessen: "Ich war zunächst geschockt über diese unfassbare Brutalität. Live und in Farbe, ich mittendrin. Kurz darauf habe ich einfach nur noch funktioniert." Die Instinkte und Automatismen übernehmen seitdem die Kontrolle in solchen Situationen: "Wenn die erste Rakete einschlägt, empfinde ich keine Angst, sondern denke schon an die zweite Rakete."

Immer wenn es einen "Zwischenfall" gegeben hat, gibt er seiner Familie so schnell wie möglich Entwarnung. "Es gab ein Feuergefecht. Ich war dabei. Alles OK", schreibt er dann lakonisch per E-Mail. Wie die Politiker haben auch die Soldaten Sprachregelungen. Und auch sie greifen - um ihre Nächsten zu schützen - zu schwammigen Begriffen, die die Grausamkeit verschleiern. "Ich liebe meinen Beruf. Es gibt keinen interessanteren", sagt Schulz. Er wisse, "dass jeder Einsatz unsere Familie zerstören kann. Aber wenn ich Maurer wäre, könnte mir auch etwas zustoßen".

"Es ist meine Pflicht"

Es wird gelacht, getrunken, getanzt an diesem Abend, doch der Einsatz bleibt präsent. Es gibt neue, schlechte Nachrichten aus Afghanistan, die bei den Soldaten quälende Fragen aufwerfen: Ist dieser Einsatz nicht längst aussichtslos? Wäre es nicht klüger, mehr Soldaten zu entsenden, statt einen Einsatz voller Kompromisse zu führen, der womöglich umsonst gewesen ist, wenn die Bundeswehr 2014 abzieht? Wie viele Kameraden werden noch fallen?

Wer als Außenstehender eine Zeit mit den Soldaten verbringt, kann nicht nachvollziehen, wie sie mit dieser Zerrissenheit, diesem Doppelleben fertig werden - hier die Liebe zur Familie und zum Leben, dort die Pflicht und das Verlangen, in den Einsat zu gehen. Hin- und hergerissen zu sein zwischen Mensch und Maschine, zwischen einem tiefen Bedürfnis nach Spiritualität und dem Rückgriff auf Automatismen und Verdrängungstaktiken. Aber vielleicht ist es auch so, dass diese Gegensätze für die Soldaten keine mehr sind.

Am vorigen Donnerstag, ein paar Wochen nach der Rüstzeit, kommt die Eilmeldung, dass bei einem Anschlag in Afghanistan erneut ein Deutscher ums Leben gekommen ist. Der junge Soldat Sebastian Jürgens, ebenfalls im Allgäu dabei, hat die Nachrichten selbstverständlich verfolgt. Er ist inzwischen Vater geworden, es ist ein Mädchen. Jürgens war bei der Geburt dabei: "Es war herzergreifend. Ich musste weinen", erzählt er. Im kommenden Jahr muss er vielleicht nach Afghanistan. Trotz der Geburt seiner Tochter und der neuen Hiobsbotschaften - Sebastian Jürgens würde gehen: "Es ist meine Pflicht als Soldat. Sollte es so kommen, würde ich mir nichts mehr wünschen, als dass ich dann mein Testament umsonst gemacht hätte. Aber ich muss immer damit rechnen, dass etwas passiert." 
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