A620 Saarlouis Richtung Saarbrücken AS Saarbrücken-Gersweiler gefährliche Situation in der Einfahrt, Unfallaufnahme, Gefahr (06:47)

A620

Priorität: Dringend

8°C
Saarbrücken
weather-Saarbrücken
8°C
Saarbrücken
weather-Saarbrücken

So kommt gutes Essen auf saarländische Teller

Saarbrücken. Das Kilo Bio-Rumpsteak kostet 38,50 Euro. Margit Weller schneidet ein daumendickes Stück ab. Die Waage zeigt 170 Gramm, macht 6,55 Euro. Frau Weller packt das Fleisch in einen kleinen Plastikbeutel und dann in eine braune Papiertüte.
Im Discounter gibt es Rumpsteak in einer schwarzen Plastikschale. Das Kilo kostet 16 Euro, weniger als die Hälfte. Schmeckt Bio deshalb doppelt so gut? Das ist Geschmacksache. Aber im heimischen Esszimmer fällt die Bewertung eindeutig aus: Ja. Das Bio-Fleisch ist so zart, dass man beinahe kein Messer braucht.

Dass Fleisch und Wurst in ihrer Metzgerei in Blieskastel-Aßweiler deutlich teurer sind, liegt für Margit Weller im wahrsten Sinne in der Natur der Sache. Bio, so erklärt sie, heißt zum Beispiel artgerechte Tierhaltung, Futter aus eigenem Anbau, keine Chemie bei Dünger und Pflanzenschutz, keine langen Transportwege vor der Schlachtung. Das Rind, das ihr Mann Karl-Heinz zerlegt hat, stammt aus dem 17 Kilometer entfernten Zweibrücken. Von einem Züchter, dem die Wellers seit Jahren vertrauen.

Das Vertrauen der Menschen in das, was sie essen, wird in diesen Tagen einmal mehr auf die Probe gestellt. Der Dioxin-Skandal hat auch eine Diskussion darüber entfacht, was gutes Essen eigentlich ist – und was es kosten darf. „Wenn das erste Kind auf der Welt ist“, sagt Frau Weller, „fangen viele Familien an, sich ernsthaft mit bewusster Ernährung zu beschäftigen.“ Sie kaufen dann auch mal Bio-Steak für 38,50.

Doch was heißt das eigentlich – Bio? „Lange Zeit hieß das Spinner, Birkenstock, Körnerfresser“, sagt Gemüsebauer Mathias Paul. An der Tür zum Hofladen im fein renovierten Bauernhaus der Pauls in der Hauptstraße von Nalbach-Piesbach hängt das Zertifikat, das ihn und seine Frau Sabine zu Bio-Bauern macht: „Gemäß EG-Öko-Verordnung zertifiziert für Gemüse, Kartoffeln, Kräuter, Obst.“ Die Richtlinien geben vor, wie Bio-Produkte erzeugt, verarbeitet, gekennzeichnet und kontrolliert werden müssen. Konkret legt die Verordnung zum Beispiel fest, wie viele Tiere pro Hektar Fläche gehalten werden dürfen: 230 Hennen, 580 Hähnchen, 14 Mastschweine. Wer die Regeln befolgt, darf mit dem offiziellen Bio-Siegel werben. Daneben hat sich gut die Hälfte der Öko-Betriebe in Deutschland Verbänden wie Bioland, Demeter oder Naturland angeschlossen, die sich an noch strengere Vorgaben halten.

„Wo Bio draufsteht, ist Bio drin“, sagt Gemüsebauer Paul. Der Mann sieht aus, als hätte er in seinem Leben viele Stunden an der frischen Luft verbracht – ein Naturbursche von 51 Jahren. Mit seiner Frau Sabine hat er sich 1985 nach dem gemeinsamen Studium der Agrarwissenschaft einen Traum erfüllt: „Wir sind stolz auf unsere Arbeit. Wir kümmern uns um einen der wichtigsten Bereiche der Menschheit.“ Als sie anfingen, wurde Bio meist noch müde belächelt. Dann kam der Rinderwahnsinn.

Mit der BSE-Krise, die Anfang 2001 auch den Minister Karl-Heinz Funke das Amt kostete, habe ein Bewusstseinswandel in Politik und Gesellschaft stattgefunden, sagt Paul. Und Funkes Nachfolgerin Renate Künast habe Bio aus der Nische geholt – „durch eine große Aufklärungskampagne vom Kindergarten bis zum Seniorenheim“. Die Zahl der Menschen, die den Wert von Lebensmitteln als „Mittel zum Leben“ erkennen, nimmt zu, sagen die Pauls. Bei ihnen kauft nicht mehr nur der „Hardcore-Biofreund“, sondern inzwischen auch der Anzugträger, der abends was Gesundes im Haus haben will. 20 bis 40 Prozent teurer seien die Waren. Hauptgründe: niedrigerer Ertrag, höherer Aufwand mit viel Handarbeit, höheres Risiko bei Schädlingen und Krankheiten. Dafür aber: „Mehr Geschmack dank besonderer Sorten.“ Auch die Optik sei bei Bio heute wichtiger denn je: „Kein Mensch kauft mehr einen verschrumpelten Bio-Apfel.“

Eva-Maria Leimroth dürfte ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Für die 37-Jährige bedeutet Bio „Verantwortung für Umwelt, Mensch und Tier“. Gemeinsam mit ihrem Vater Siegfried (55) leitet sie die Geschäfte der „Biofrischmarkt“-Kette mit fünf Filialen im Saarland. Ende Februar öffnet in Saarlouis Filiale Nummer sechs. Eine Folge des Bio-Booms? Siegfried Leimroth mag das Wort nicht. „Boom klingt nach Explosion. Ich sehe ein vernünftiges Wachstum, es entwickelt sich.“ Die Zahlen belegen es: Vor 20 Jahren lag der Bio-Anteil am Lebensmittelumsatz bei unter 0,5 Prozent, inzwischen sind es 3,5 Prozent. 21000 Betriebe sind deutschlandweit tätig, 250 davon im Saarland, das in Sachen Bio zur deutschen Spitze zählt. Seit 1999 haben sich die Öko-Flächen auf über 7000 Hektar fast verdreifacht, der Anteil an der landwirtschaftlichen Gesamtfläche stieg auf 9,1 Prozent. Nur Brandenburg und Hessen haben noch höhere Werte, der Schnitt liegt bei 5,6 Prozent.

„Die Leute kaufen, weil es besser schmeckt“, sagt Leimroth. „Es sind längst nicht mehr nur Idealisten, sondern auch Egoisten im besten Sinne, die sich etwas Gutes tun wollen. Und die verstehen, warum Bio besser ist. Wissen hat noch nie blöd gemacht.“
Doch wie gut ist Bio? „Geruch, Geschmack, Mundgefühl – viele Verbraucher schätzen vor allem die sensorischen Qualitäten von Bio-Produkten“, sagt der Saarbrücker Ernährungswissenschaftler Christoph Bier. Bei der Frage, ob Bio besser ist, gibt es für ihn keine eindeutige Antwort. „Die Ökobilanz von heimischen und saisonal erzeugten Bio-Lebensmitteln ist deutlich besser“, erklärt der Experte. Er sagt aber auch: „Ein höherer Gesundheitswert ist nicht messbar.“

Die Leimroths setzen überwiegend auf Produkte aus der Nachbarschaft: die Säfte kommen aus Kleinblittersdorf, das Gemüse aus Saarlouis, die Milch aus dem Bliesgau, die Wurst aus St. Wendel und Losheim. Bio hat für die Familie auch eine sozial-ethische Komponente. „Uns ist nicht egal, was mit den Plantagenarbeitern in der Dritten Welt passiert“, sagt Siegfried Leimroth, den die verbreitete „Geiz ist geil“-Mentalität beim Essen noch immer wundert. „Billig, billig, billig. Das ist doch furchtbar. Stellen Sie sich vor, wir würden so unseren Partner fürs Leben aussuchen.“ Das Vorurteil „Bio = teuer“ müsse man relativieren: „Vor 50 Jahren hat ein Bundesbürger noch fast die Hälfte seines Einkommens für Essen ausgegeben, heute sind es nur noch 14 Prozent.“ Leimroth glaubt, dass sich das Rad der Zeit wieder etwas zurückdreht, dass Lebensmittel wieder wichtiger werden gegenüber dem „oberflächlichen Konsum von Autos oder Uhren“. Er selbst jedenfalls ist froh, dass er machen kann, was er macht: „Meine Lebensenergie für etwas einzusetzen, damit nicht allen großer Schaden entsteht, ist das Beste, was mir passieren konnte. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen.“
Hat dir dieser Artikel gefallen?
Ja Nein