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So verlief der „Blitz-Marathon“ im Saarland

Der Mann reißt ungläubig die Augen auf: „110 Euro?“ Damit hatte er nicht gerechnet. Der 27-jährige Franzose ist von der Polizei auf der A 620 bei Völklingen erwischt worden: mit 107 Kilometern pro Stunde in einer 80er-Zone. Bundesweit sind beim „Blitz- Marathon“ fast 15 000 Polizisten Temposündern auf der Spur. Zwei davon sind die Polizeikommissare Friedhelm David und Pascal Lieser-Vaccaro. Sie sind mit einem Provida-Wagen, einem Geschwindigkeitsmessfahrzeug, auf Autobahnen unterwegs – ein unauffälliger silbergrauer BMW, im Inneren aber mit modernster Technik ausgestattet. Als ihnen der Peugeot des Mannes ins Auge sticht, geht alles ganz schnell. Per Fernbedienung startet David eine kleine Kamera neben dem Rückspiegel. Auf einem Bildschirm im Armaturenbrett sind die Bilder zu sehen. Der 54-Jährige beginnt mit der Messung: exakt 107 Stundenkilometer – abzüglich fünf Prozent Toleranzwert. Zügig überholen sie den Peugeot, im Heckfenster blinkt eine Anzeige auf: „Polizei – bitte folgen“.

Als der 27-Jährige erfährt, dass er 80 Euro Bußgeld plus 30 Euro Verwaltungsgebühr zahlen muss, wird er sauer: „110 Stundenkilometer, das ist doch nicht so schnell.“ Bei Rasern, die weder in Deutschland wohnen noch arbeiten, kann die Polizei das Geld sofort verlangen – als Sicherheitsleistung. „Sobald jemand über der Grenze ist, haben wir keinen Zugriff mehr“, erklärt David. Doch der junge Franzose hat kein Bargeld bei sich. Also machen sich die Polizisten mit ihm auf den Weg zur nächsten Bank. Lieser-Vaccaro ist verärgert: „Mehr als 400 Mal im Jahr müssen wir zur Bank fahren.“ In anderen Bundesländern seien die Polizeifahrzeuge mit Kartenlesegeräten ausgerüstet, sodass der Temposünder direkt vor Ort mit Karte zahlen kann. „Da hängen wir im Saarland ein bisschen hinterher“, sagt der 44-Jährige. An der Bank wartet das nächste Problem: Der Automat spuckt kein Geld aus – ob das dem Kontostand oder der Technik geschuldet ist, bleibt unklar. Lieser-Vaccaro überlegt kurz. Theoretisch könnte er jetzt Dinge aus dem Besitz des Mannes beschlagnahmen, doch das machen die Beamten nur selten: „Was soll die Bußgeldbehörde schon mit einem Autoradio?“, fragt David. Also schärft Lieser-Vaccaro dem Franzosen ein, am nächsten Tag auf der Merziger Dienststelle seine Schuld zu begleichen.

Die Provida-Fahrzeuge setzt die Polizei vor allem ein, um extreme Temposünder zu schnappen, die ihr Fahrzeug regelrecht als „Waffe“ benutzen. Heute ist ein ruhiger Tag – vermutlich auch deshalb, weil der „Blitz-Marathon“ groß angekündigt worden war. Doch vor allem an Sonn- und Feiertagen gehen dem Team Dutzende Raser ins Netz. Um jeden Preis wollen sie die Verkehrsrowdys aber nicht kriegen. „Wenn es zu extrem wird, brechen wir ab“, sagt Lieser-Vaccaro. Unnötig in Gefahr sollten sie sich schließlich nicht bringen.

Ob durch Geschwindigkeitskontrollen bei den Fahrern tatsächlich langfristig ein „Lerneffekt“ einsetzt, ist bei Verkehrsexperten umstritten. David und Lieser-Vaccaro sind überzeugt, dass die Erwischten zumindest mittelfristig langsamer fahren. Während ihrer Schicht müssen sie stets die Augen offenhalten. Wer könnte sich als Raser entpuppen? Denn die Kamera darf nur bei einem Anfangsverdacht eingeschaltet werden. Liefe sie durchgehend, verstieße das gegen den Datenschutz.

Plötzlich taucht ein silbergrauer BMW vor ihnen auf. Er fliegt geradezu über die Autobahn. Lieser-Vaccaro hängt sich dran: 180 Kilometer pro Stunde – 200 – 240. Die Tachonadel ist im Anschlag. Doch noch hat sich der Fahrer nichts zuschulden kommen lassen, auf der Strecke gibt es kein Tempolimit. Als eine 120er-Zone auftaucht, bremst der BMW ab. Glück gehabt.
 

MEINUNG

Einfach mal ans Limit halten

Von SZ-Redakteurin Nora Ernst

Ist der „Blitz-Marathon“ eine sinnvolle Aktion, um die Nation der Raser zur Räson zu bringen? Oder geht es nur darum, möglichst viel Geld in die leeren Haushaltskassen zu spülen? Ob solche Aktionen Temposünder wirklich dazu bringen, ihr Tempo dauerhaft zu drosseln, ist umstritten. Doch Abzocke kann man der Polizei schwerlich vorwerfen, hat sie doch sämtliche Kontrollstellen vorab angekündigt. Und selbst wenn – was ist falsch daran, diejenigen, die gedankenlos sich und andere in Gefahr bringen, zur Kasse zu bitten? Wem das gegen den Strich geht, der hat es schließlich selbst in der Hand: Er kann sich einfach an das Tempolimit halten.

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