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So werden die Saarländer auf Kaffeefahrten abgezockt

Von SZ-Redakteur Johannes Schleuning

Lauterbourg.„Geh’ fort“, sagt Willi, winkt mit der Hand ab und lacht. Willi ist einer von 24 Senioren auf Kaffeefahrt. Soeben hat Verkäufer Stefan bekannt gegeben, was er für das „Sauerstofftherapie-Gerät“ haben will, für das er seit rund zwei Stunden in einem abgedunkelten Hinterzimmer eines Restaurants im elsässischen Lauterbourg geworben hat: 898 Euro. Der Plastikbehälter sieht aus wie eine Tupperdose und ist über einen Schlauch mit einer Atemmaske verbunden. Wenn man sich täglich Zeit nehme, den hochprozentig aufbereiteten Sauerstoff aus dem Gerät zu inhalieren, könne dies altersbedingten Krankheiten wie beispielsweise Alzheimer vorbeugen, sagt Stefan. Vier hoch betagte Saarländer bekunden Interesse am Erwerb des Gerätes von „Dr. Oxygen“. Zwei kaufen es. Macht zusammen 1796 Euro. Im Internet findet man exakt das gleiche Gerät für 89 Euro.

„Unter all den Produkten, die man anbietet, muss eines sein, das richtig Geld bringt“, erklärt Michael draußen vor dem Restaurant im Gespräch mit unserer Zeitung. Der 40-Jährige ist ein Kollege von Stefan und ebenso wie dieser Verkäufer auf der Kaffeefahrt.  „Bei uns ist dieses Produkt das Sauerstofftherapie-Gerät.“ Michael will anonym bleiben – „obwohl wir hier ja nichts illegales machen“. „Dieses Produkt muss man dann so bewerben, dass die Leute es nachher unbedingt haben wollen“, erklärt Michael.



Was wäre dazu besser geeignet, als möglichst glaubhaft zu belegen, dass das Produkt die versprochenen Wunder auch tatsächlich bewirkt? Verkaufskollege Stefan hat dazu ein Schreiben von Dr. Mathias Lindstedt im Publikum herumgereicht, in dem der Allgemeinmediziner aus Göttingen bestätigt, dass er „von der Wirksamkeit dieser Therapieform überzeugt“ ist. Ruft man diesen Dr. Lindstedt an, dessen Telefonnummer auf dem Briefkopf steht, sagt der: „Das ist völliger Unsinn. Ich versuche seit Jahren per Anwalt, diesen Kaffeefahrtanbietern die Verwendung meines Namens zu verbieten.“ Bislang ohne Erfolg, weil sich die Anbieter immer wieder als Briefkastenfirmen entpuppten. Was Dr. Lindstedt tatsächlich befürwortet, ist eine alternativmedizinische Sauerstofftherapie nach Professor Manfred von Ardenne. „Aber selbst die kann nicht vor Alzheimer schützen“, sagt Lindstedt. Bei einem Sanitätsfachhandel wie der Lattrich GmbH in Neunkirchen erfährt man zudem, dass das bei der Kaffeefahrt angebotene Gerät selbst „für eine Sauerstofflangzeittherapie nach Professor von Ardenne nicht geeignet ist“.



Was die Kaffeefahrtanbieter hier treiben, ist strafbar.  Nach Angaben der Staatsanwaltschaft in Saarbrücken handelt es sich um Betrug, „wenn mit unwahren Behauptungen für ein Gerät geworben und dieses dann verkauft wird“. Antje Klostermann von der Verbraucherschutzzentrale im Saarland rät Opfern solcher Verkaufsmaschen, „von ihrem 14-tägigen Widerrufsrecht Gebrauch zu machen oder wegen arglistiger Täuschung den Kaufvertrag anzufechten“.
Draußen vor dem Restaurant im elsässischen Lauterbourg spricht Verkäufer Michael über einen weiteren Trick in seiner Branche: „Man muss den Leuten das Gefühl geben, dass sie etwas gewonnen oder geschenkt bekommen haben – dann kaufen sie bereitwillig.“

 Angewendet hat den Trick eben noch seine Verkaufskollegin Angelika im Hinterzimmer des Restaurants. Sie hat den Teilnehmern der Kaffeefahrt erklärt, dass das Mittagessen kostenlos sei. „Allerdings: Eine Hand wäscht die andere. Damit wir ihr Essen und ihre Busanreise finanzieren können, sollten sie auch etwas für uns tun.“ Daraufhin wechseln etliche „Laser“-Staubsauger (49,90 Euro), Rasierapparate (24,90 Euro) und Fleckenlöser (9,90 Euro) ihren Besitzer. Zum Mittagessen gibt’s dann Putenschnitzel mit Soße und Nudeln. Getränke kosten extra.



„Die Einladungen zu diesen Verkaufsfahrten, die verschickt eine Fremdfirma“, behauptet Verkäufer Michael. „Da heißt es ja immer, dass man was gewonnen hat. Das stimmt natürlich nicht.  Davon distanzieren wir uns.“ Der 40-Jährige gibt an, dass er ebenso wie sein Kollege Stefan bei dem Gesundheitsprodukte-Hersteller „Dr. Förster“ in Neuisenburg beschäftigt sei und monatlich 1500 Euro plus Spesen verdiene. Ein Anruf in Neuisenburg ergibt: Das ist gelogen. Eine Sprecherin sagt, die Firma beschäftige niemanden im Außendienst.

Dem 69-jährigen Willi aus Heusweiler ist das alles egal. „Ich hab’ den Spieß umgedreht“, sagt er. „Ich besorge mir auf den Kaffeefahrten immer billige Urlaubsreisen. Am Reiseziel geht da zwar meist ein Tag für eine Verkaufsveranstaltung drauf, aber ich kaufe nichts – und bin günstig im Ausland.“ Bei Verkäuferin Angelika hat er soeben eine fünftägige Schweiz-Reise mit Halbpenison erstanden. Für 78 Euro. Willi grinst. „Und das Mittagessen heute war kostenlos.“
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