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Sprit-Desaster: Warum will keiner E10?

Berlin.  Am Dienstag soll bei einem Benzingipfel eine Lösung gefunden werden. Wer ist wirklich schuld?

Die Mineralölwirtschaft: Sie war immer gegen E10, denn Ethanol ist ein Produkt von Bauern, nicht von Ölkonzernen. „Unter Marktbedingungen würden wir natürlich einen solchen Kraftstoff wieder zurückziehen“, sagte ganz offen der Hauptgeschäftsführer der Branche, Klaus Picard. Wie man Chaos organisiert, kann man derzeit im Osten und Süden Deutschlands beobachten, wo die Umstellung zuerst stattfand.



Verunsicherte Autofahrer

Über Nacht waren die Super 95-Säulen weg, es gibt nur noch E10 oder das teurere Super 98. Verunsicherte Autofahrer bekommen einen Informationszettel, Beispiel Aral: „Bevor Sie zum ersten Mal E10 tanken, vergewissern Sie sich unbedingt beim Hersteller, ob Ihr Auto E10 verträgt!“ Es folgt nicht etwa eine Liste mit Autotypen, sondern mit Telefonnummern von Hotlines. Und der Tipp: „Falls Sie sich nicht sicher sind, tanken Sie . . . Super Plus“. Im Ergebnis griffen nur 40 Prozent der Kunden zum neuen Biosprit. Super Plus , der teuerste Treibstoff, wurde knapp.


„Damit torpedieren sie die notwendige Energiewende im Verkehrssektor“

Für die Konzerne ist diese Entwicklung Grund genug, um nun die Produktion von E10 wieder drastisch zu drosseln. „Damit torpedieren sie die notwendige Energiewende im Verkehrssektor“, schimpfte der Präsident des Bundesverbandes Erneuerbare Energien, Dietmar Schütz. Als wolle sie den Zorn noch weiter steigern, verkündete die Mineralölwirtschaft außerdem, sie werde die gesetzliche Strafzahlung für die Nichterfüllung der Biosprit-Quote auf den Benzinpreis umlegen – zwei Cent pro Liter. „Der Gipfel der Frechheit“, sagte Schütz, und das Bundesumweltministerium meinte: „Absolut nicht akzeptabel.“

Die Automobilwirtschaft: Als die EU Ende 2008 die Grenzwerte auf 134 Gramm CO&-2;-Ausstoß pro Kilometer senkte, setzten die deutschen Hersteller durch, dass das nicht nur durch bessere Motoren, sondern auch durch mehr Biosprit erreicht werden kann. Mercedes, BMW, VW und Co. hätten mit ihren schweren Modellen sonst Probleme bekommen. Bei der Umsetzung halfen sie jedoch nicht. Während die Firmen sonst wegen jeder Neuheit Werbebriefe verschicken, hielten sie in Sachen E10-Verträglichkeit ihrer Modelle gegenüber den Kunden Funkstille. „Sonst wäre klar gewesen, dass über 90 Prozent der Autos das vertragen“, kritisierte Schütz. Immerhin gibt es von der Branche jetzt eine Internetseite, auf der sich jeder informieren kann: www.dat.de/e10 .


„Kommunikationsdesaster“ der Mineralölindustrie?

Die Politik: Sie hätte gewarnt sein müssen. 2008 machte der damalige Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) mit E10 schon einmal eine Bauchlandung. Damals war es die Automobilindustrie, die die Sache chaotisierte. Erst verkündete sie, dass nur 359 000 Oldtimer den neuen Sprit nicht vertragen würden, dann hieß es plötzlich, es könnten eine, vielleicht sogar drei Millionen Autos sein. Gabriel musste die Einführung stoppen und war düpiert. Sein Nachfolger Norbert Röttgen (CDU) reagierte gestern entsprechend harsch: Er warf der Mineralölindustrie ein „Kommunikationsdesaster“ vor. Allerdings: Offenbar hat sein Ministerium die Einführung nicht eng genug begleitet und rechtzeitig eine ausreichende Kommunikation angemahnt. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP), der den Benzingipfel veranstaltet, vermied Beschuldigungen. Man müsse jetzt Lösungen suchen, ließ er verlauten.

Die Verbraucher: Der ökologische Sinn von Biosprit ist umstritten. Wenn dafür Urwälder gerodet werden, ist er kontraproduktiv. Und wenn Ackerflächen umgewidmet werden, bedeutet das Tank statt Teller. Allerdings verweisen die Bauernverbände darauf, dass Ethanol vorwiegend aus Zuckerrüben hergestellt wird. Auch der Bundesverband der Erneuerbaren Energien hält die Öko-Bilanz für positiv: „Der Treibhausgasausstoß ist 50 bis 80 Prozent niedriger“, so Schütz. „Bioethanol erfüllt problemlos die neuen gesetzlichen Vorgaben zur Nachhaltigkeit“.

Eine Rolle spielt bei den Problemen wohl auch die Mentalität vieler deutscher Autobesitzer, nur das vermeintlich Beste tanken zu wollen. In anderen Ländern, etwa den USA, Brasilien, Schweden oder Frankreich ist Biosprit, mit zum Teil noch höheren Beimischungen, weitgehend Alltag.

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