B423 Homburg Richtung Habkirchen Zwischen AS Einöd und Einmündung L212 ein Fahrstreifen blockiert, Unfall (15:41)

B423

Priorität: Dringend

17°C
Saarbrücken
weather-Saarbrücken
17°C
Saarbrücken
weather-Saarbrücken

Stress-Alarm: Öfters mal Pause machen

Saarbrücken/Berlin. Ein Büroarbeiter mit Aktentasche steht kurz vor 20 Uhr im Supermarkt. Er hat elf Stunden Stress hinter sich, muss umschalten. Er rastert das bunte Warenangebot ab, dann greift er nach zwei, drei Packungen und tappt zur Kasse. „Ach ja, ich wollte ja noch“, sagt er plötzlich zu sich selbst und schnappt sich noch ein Brot. Als er zahlt, sieht er bleich aus.

Eine Mutter ist mit ihren zwei Kindern auf dem Spielplatz. Der Nachwuchs tobt im Sandkasten, teilnahmslos schaut die Mutter zu, entspannt sich. Dann erhält sie einen Anruf, wird hektisch, stopft die wimmernden Kleinen ins Auto. „Wir müssen jetzt los, basta!“, schreit sie.

Konzentrationsschwierigkeiten, Ermattung, Depression

Wir sind Getriebene, haben wenig Zeit für uns und andere. Wir sind restlos verplant, oft überfordert und vergesslich. Mussten sich Menschen früher vor Epidemien fürchten, vor Pest und Cholera, ängstigen wir uns vor dem anstrengenden Alltag und den Folgen – Konzentrationsschwierigkeiten, Ermattung, Depression. Die erschöpfte Gesellschaft verlässt das Hamsterrad des täglichen Stress-Einerleis erst, wenn der Körper dazu zwingt.

Der Karlsruher Medientheoretiker Byung-Chul Han erklärt jetzt in seinem Buch „Müdigkeitsgesellschaft“, dass aus der Disziplinargesellschaft eine Leistungsgesellschaft geworden ist. Unsere Vorfahren waren Befehlsempfänger, ihre Welt war klar und übersichtlich. Wir sind Unternehmer unseres Lebens, unsere Welt ist unübersichtlich, Langeweile gibt es kaum. Viele halten das lange durch. Aber immer mehr machen schlapp, Han nennt sie die „Invaliden eines verinnerlichten Krieges“.

Multi-Tasker können vieles, und das oft gleichzeitig. Auto fahren und dabei telefonieren, E-Mails lesen und Termine machen. Mehrgleisiges Arbeiten und Denken gilt als typisches Merkmal des modernen Lebens. Doch das menschliche Gehirn ist dazu nicht geeignet. Das zeigen Studien. Der US-Psychologe James Watson etwa sagt: „Die Chance, ein Supertasker zu sein, ist ungefähr so groß wie die Chance, beim Münzwurf fünf Mal nacheinander die Kopfseite zu werfen.“

„Yes, we can“ zermürbt die Menschen

 Dennoch wird das Unmögliche ständig versucht, „Yes, we can“, heißt das anerkannte Lebensmotto. Es zermürbt Menschen, weil sie es partout nicht schaffen, das scheinbar lebensfreudige Motto umzusetzen. Sie quälen sich mit Vorwürfen, können niemanden beschuldigen, wenn es doch nicht gelingt. Dann folgt die Erschöpfung. Sie schlägt sich zuerst fast immer in Schlafstörungen nieder, die auf psychische Erkrankungen wie depressive Störungen oder tiefsitzende Angst hinweisen.

Bewusst verzichten

Zwar fördert die moderne Welt mit E-Mail, SMS und Facebook die Fähigkeit zur Reizselektion. Doch das Dauer-Bombardement legt das Gehirn lahm. Zudem macht es einsam. Neurowissenschaftler warnen bereits davor, dass vor allem bei Heranwachsenden, die jeden Tag viele Stunden am PC verbringen, die neuronalen Bahnen für herkömmliche Kommunikationsfähigkeiten nicht mehr richtig ausgebildet werden. Ein neuer Typ des sozialen Analphabeten wächst heran.

In alarmierender Weise hat die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in dieser Woche darauf hingewiesen, dass Schlafstörungen weit verbreitet sind. Sie sind ein Zeichen für körperliche Erkrankungen. Wer weniger als sechs Stunden schläft oder häufig aufwacht, braucht Hilfe. Seit 1990 ging die durchschnittliche Schlafdauer um eine Stunde zurück. Aber „Schlaf ist eine wichtige gesundheitliche Ressource, die nicht beliebig verkürzt oder zerstückelt werden sollte“, sagen die Experten. Die erschöpfte Gesellschaft braucht mehr Schlaf.

Bewusster Verzicht

Byung-Chul Han sieht nur eine Lösung: die Unterbrechung. Der Mensch muss sich besinnen auf seine ursprüngliche Fähigkeit, etwas nicht zu tun. Er plädiert für den bewussten Verzicht. Für Han besteht darin kein Versagen. Vielmehr sieht der Philosoph chinesischer Abstammung darin die höchste Form der Selbstbestimmung – nein zu sagen, wieder das Wesentliche im Berufs- oder Familienalltag zu finden. Mensch, mach mal Pause!

Hat dir dieser Artikel gefallen?
Ja Nein