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Stricher im Saarland: Sozialarbeiter hilft männlichen Prostituierten

Saarbrücken. "Teilweise wollen die Leute nichts von meiner Arbeit wissen. Sie empfinden sie als anrüchig und schmuddelig", sagt Alexander Kuhn. Der 40-Jährige arbeitet mit Männern, die ihren Körper für Geld anbieten: mit Strichern. Im Rahmen der Aidshilfe Saar betreut er das Projekt BISS, die Beratungs- und Interventionsstelle für Stricher. Zu verhindern, dass sich die männlichen Prostituierten mit Geschlechtskrankheiten wie Aids anstecken, ist die offizielle Aufgabe Kuhns. Doch in Wirklichkeit geht sie noch viel weiter: Kuhn kümmert sich um die allgemeine Lebenssituation der Klienten, die Wohnungssituation, die finanzielle Lage, persönliche Probleme, Drogenabhängigkeit.

"Bei den meisten sind Geldprobleme die Ursache für Prostitution"

Ungefähr 100 männliche Prostituierte gibt es im Saarland, schätzt er. Mit etwa 50 von ihnen steht er in Kontakt. Durchschnittlich sind seine Klienten zwischen 20 und 30 Jahre alt, die Spannweite reicht aber von 15 Jahren bis zu 41 Jahren. "Das Einstiegsalter hat sich in den letzten Jahren verändert", stellt Kuhn fest. "Jetzt steigen auch verstärkt Männer ein, die zwischen 20 und 30 Jahre alt sind; sie sehen das anscheinend als Chance, vermeintlich unkompliziert Geld zu machen."

Nach wie vor gibt es aber die "klassische" Biografie des Strichers: zerrüttete Familie, Aufenthalte in Heimen, kein Ausbildungsplatz. Und irgendwann kommt der Punkt, an dem die Männer auf der Straße stehen und Geld brauchen. Genau hier soll das Projekt der Aidshilfe greifen: den Jungen und Männern sollen Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie sie aus vermeintlich aussichtslosen Situationen anders heraus kommen können. Wie bei dem 16-Jährigen, den Kuhn an die Jugendhilfe vermitteln konnte. "Bei den meisten sind Geldprobleme die Ursache für Prostitution", so der Sozialarbeiter.

Der Ausstieg aus der Prostitution ist keine Bedingung für die Beratung und Hilfe. Das Projekt verfolgt vielmehr die Philosophie, die Klienten mit ihrer speziellen Lebenssituation so zu akzeptieren, wie sie sind. "Hauptsächlich kommen die Männer zu mir, wenn sie konkrete Anliegen haben, zum Beispiel Schulden oder wenn sie in Bezug auf Geschlechtskrankheiten beraten werden wollen oder Hilfe bei Behördengängen benötigen."

Den Hauptteil seiner Arbeitszeit verbringt Kuhn auf der Straße, in der Szene, bei Klienten zu Hause und in Behörden. In der Szene ist er schon bekannt, denn immerhin ist er hier seit knapp zwölf Jahren unterwegs.

"Mitleid und Selbstvorwürfe helfen nicht"

Die Allermeisten akzeptieren ihn. Nur selten geschieht es, dass ihm jemand ablehnend gegenübersteht. Das, so erzählt er, sind diejenigen, die die Prostitution überhaupt nicht an sich heran lassen. Viele von ihnen würden den Verkauf des eigenen Körpers auch nicht als Problem begreifen, sie sähen das Risiko, auch das der psychischen Folgen, nicht in seiner ganzen Dimension. Kuhn: "Man muss auch die Grenzen akzeptieren, die andere einem setzen."

Die emotionale Distanz zu wahren ist wichtig in seinem Job. Er hatte auch schon Fälle, in denen er ehemalige Klienten nach Jahren wiedertraf, die zwischenzeitlich einen richtigen Absturz erlebt hatten. Er sei dann schon betroffen, sagt er. "Aber ich kann dann nichts anderes tun, als mein Angebot noch einmal zu erneuern. Mitleid und Selbstvorwürfe helfen nicht."

Kuhn ist der einzige Mitarbeiter, der das Projekt BISS betreut. Das ist nicht immer ganz einfach, vor allem, weil auch die Szene von den neuen Medien wie Internet und Handy betroffen ist. Das macht es den potentiellen Klienten leichter, in die Anonymität zu verschwinden. "Viele Stricher bieten ihre Dienstleistungen nur übers Internet an. Den klassischen Straßenstrich gibt es in Saarbrücken nicht mehr."

Zwar ist die Beratungs- und Interventionsstelle seit einigen Jahren auch im Internet präsent, aber ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, so die Erfahrung, ist online schwieriger als durch persönlichen Kontakt.

Dennoch: Die Zahl von Kuhns Klienten ist kaum gesunken. Das liegt daran, dass er es geschafft hat, das Projekt in den 13 Jahren des Bestehens zu etablieren. Sein Anerkennungsjahr nach dem Sozialpädagogik-Studium hat Kuhn hier gemacht und ist geblieben. "Damals wurden Stricher als neues Klientel entdeckt. Vorher hat sich niemand für sie interessiert, das kam erst mit dem Aids-Thema."

Projekt auf Spenden angewiesen

Einziger Mitarbeiter zu sein bedeutet auch, alle Entscheidungen allein treffen zu müssen. "Manchmal habe ich auch eine Sinnkrise", sagt Kuhn. Dazu kommt der ständige Druck der Finanzierung: Wie jede soziale Einrichtung muss auch das Projekt BISS einen Teil seiner Ausgaben selbst tragen. Manchmal weiß Kuhn nicht, ob er das Geld bis zum Jahresende zusammenbekommt, denn er ist auf Spenden angewiesen. "Bei uns geht es nun mal nicht um kleine, krebskranke Kinder, da bleiben die Geldbeutel zu", konstatiert er. Auch in diesem Jahr wird es knapp: Ungefähr 4000 Euro fehlen noch. Aber auch hier bleibt Kuhn gelassen: "Irgendwie gibt es immer einen Ausweg. Und Sinnkrisen hätte ich auch als Kneipenbesitzer."

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