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Tierversuche: Über 20 000 Tiere wurden im Saarland 2013 in der Forschung eingesetzt

. Die Maus liegt auf einem Tisch, sie ist narkotisiert, schläft, atmet ruhig und gleichmäßig. Eine Mitarbeiterin zwickt sie kurz ins Bein; keine Reaktion, das heißt, die Maus ist wirklich weg. Dann steckt die Mitarbeiterin der Maus ein Röhrchen durch ein Auge. Das herauslaufende Blut wird in einem kleinen Behältnis aufgefangen. Es ist nicht viel, ein bis zwei Milliliter, mehr ist nicht zu holen. „Ausbluten“ nennt die Mitarbeiterin den Vorgang. Dann bricht sie der Maus, die durch den Blutverlust bereits beinahe tot ist, mit einer Pinzette das Genick. Die Prozedur wird sie noch einige Male wiederholen, ein paar Mäuse sind bereits narkotisiert, zwei weitere sind noch wach und laufen in einem Käfig herum, unwissend, was sie gleich erwartet.

Diese unbehandelten Mäuse sind so etwas wie Blutspender. Ihr Blut gilt als Bezugswert für das Blut von anderen Mäusen, an denen potenzielle neue Medikamente getestet werden. Sie gehören zu den mehr als 20 000 Tieren, die jedes Jahr im Saarland für Tierversuche verwendet und in der Regel getötet werden. 22 243 waren es 2013, das sind 122 mehr als im Jahr zuvor. In erster Linie werden Mäuse und Ratten eingesetzt, aber auch Meerschweinchen, Kaninchen, Vögel, Schweine, Schafe. Im Saarland werden die meisten Tierversuche an der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni in Homburg, weitere in einem privaten Unternehmen, das neue Medikamente für Pharma-Firmen prüft.

Tierversuche sind umstritten. Denn ihnen liegt ein ethisches Dilemma zugrunde: Tiere werden krank gemacht, ihnen wird Leid zugefügt, sie werden getötet, damit Menschen länger leben, Krankheiten besser behandelt werden können. „Wir müssten uns entscheiden“, sagt Christine Batzl-Hartmann, in deren Unternehmen Tierversuche stattfinden: „Wollen wir neue Medikamente, neue Heilverfahren?“ Das sei die „Gretchenfrage“ – denn das beinhalte auch Tierversuche . Batzl-Hartmann will den Namen ihrer Firma nicht nennen, um ihre Mitarbeiter vor etwaigen Übergriffen zu schützen. In ihrem Berufsleben habe sie andernorts entsprechende Erfahrungen schon gemacht.

Trotzdem gewährt sie einen Einblick in ihre Arbeit. In dem Unternehmen werden Mäusen und Ratten Testsubstanzen verabreicht, sie werden beobachtet und untersucht, am Ende getötet und obduziert. Rund 1200 Tiere wurden dort 2013 verwendet. Die anderen etwa 21 000 Tiere wurden an der Universität eingesetzt, wo die Bandbreite der Versuche wesentlich größer ist. Dort zeigt man sich allerdings zugeknöpfter. Was konkret mit den Tieren passiert, wird nicht verraten. Um möglichen Aktionen von radikalen Tierschützern vorzubeugen, heißt es. So wird aber auch Diskussionen vorgebeugt. Denn je abstrakter die allgemeine Vorstellung von Tierversuchen bleibe, umso größer sei die Akzeptanz.

„Durch die medizinische Entwicklung gewinnen wir im Schnitt etwa alle vier Jahre ein Lebensjahr hinzu“, sagt Michael Menger, Dekan der Medizinischen Fakultät in Homburg. Ohne neue Behandlungskonzepte – also auch ohne Tierversuche – sei das nicht möglich. „ Tierversuche erfüllen einen gesellschaftlichen Nutzen“, sagt er. Werner Wadle vom Verein Ärzte gegen Tierversuche sieht das anders: „Es gibt viele Hinweise darauf, dass die Ergebnisse von Tierversuchen nicht auf den Menschen übertragbar sind.“ Die meisten Medikamente, die die Phase des Tierversuchs überstünden, fielen schließlich in den klinischen Studien, also wenn sie am Menschen getestet werden, durch. „Menschen sind natürlich keine Ratten “, sagt Batzl-Hartmann. Aber es sei ein Stück näher dran als die Prüfung nur im Reagenzglas.

Dass Tierversuche nicht der Weisheit letzter Schluss sein können, darin sind sich letztlich aber alle einig. „Auch Forscher haben ein Gewissen“, sagt eine Mitarbeiterin Batzl-Hartmanns. Tatsächlich werden verschiedene tierfreie Alternativen erforscht, auch in Homburg – etwa im Bereich der Bio-Informatik, die Tierversuche mit Hilfe des Computers überflüssig machen will. Auch die Landesregierung formuliert auf ihrer Homepage, sie sei „bestrebt, Alternativmethoden zu fördern und zu fordern, um die Anzahl der Versuche an Lebendtieren zu reduzieren“. Gefragt, in welchen konkreten Maßnahmen dieses Bestreben denn münde, heißt es jedoch aus dem Umweltministerium: „Es gibt vom Saarland keine politischen Initiativen.“

Einzig auf die strenge Prüfung der Tierversuchsanträge wird verwiesen. Jeder Antrag auf Tierversuche im Saarland wird in die hiesige Tierschutzkommission eingebracht. Die gibt dann der Tierschutzbehörde eine Empfehlung, ob dem Antrag stattgegeben werden sollte. 2013 sind 72 Anträge gestellt worden, alle wurden genehmigt. Auch in den Jahren zuvor gab es keine einzige Ablehnung. In der sechsköpfigen Tierschutzkommission – ab vier Teilnehmern ist sie beschlussfähig – sitzen auch zwei Tierschützer . Eine davon ist Astrid Dietz von dem Verein Wildtier- und Artenschutz . Ihrer Ansicht nach erfüllt die Kommission bloß eine „Alibi-Funktion“. Dietz wird bei Abstimmungen über Anträge regelmäßig überstimmt. „Wenn ich in der Kommission drei Leuten von der Uniklinik gegenübersitze, was glauben Sie, was passiert?“ Immerhin kann es vorkommen, dass ein Antrag zurückgestellt wird und vom Antragsteller nachgebessert werden muss. 2013 war das sieben Mal der Fall.

Seit 2002 hat sich die Zahl der verwendeten Tiere hierzulande mehr als vervierfacht. Die Gretchenfrage? Scheint beantwortet. Nach nur wenigen Monaten Amt sieht sich Hans-Friedrich Willimzik, erster Landesbeauftragte für Tierschutz im Saarland, bereits harscher Kritik mehrerer Tierschutzvereine ausgesetzt. „Keine Unterstützung unserer Positionen”, beklagt Werner Wadle von dem Verein Ärzte gegen Tierversuche . Konkret moniert wird etwa Willimziks kritikloser Rundgang mit Umweltminister Jost durch den Neunkircher Zoo im Mai. „Nur Luftblasen” kämen von Willimzik, „aber keine praktische Hilfe”, sagt Hartmann Jenal vom Verein Wildtier und Artenschutz .

Gegenüber der SZ verteidigt sich Willimzik: Er wolle sich „pragmatisch” für die Tiere engagieren und stoße bei den auf Absolutzielen beharrenden Tierschützern auf mangelnde Kompromissbereitschaft. Beispiel Zoo: Während er sich für einzelne Verbesserungen einsetze, lehnten viele Tierschützer Zootierhaltung komplett ab – und stellten sich so gegen einzelne Veränderungen im Sinne der Tiere. „Jeder Schritt, der einem Tier nützt, ist richtig”, betont er. Noch vor wenigen Tagen hatte die Chefin der Saar-Piraten, Jasmin Maurer , Willimzik im Landtag gelobt: „Sein Motto ‚Tun statt reden', welches er auch der Politik empfiehlt, bringt das Saarland im Tierschutz einen großen Schritt nach vorne.“

 

Zum Thema:

Hintergrund:Im Saarland wurden 2013 genau 22 243 Tiere für Tierversuche verwendet, darunter 19 762 Mäuse (davon 9856 transgen, also gentechnisch verändert), 2315 Ratten , 36 Meerschweinchen, 14 Hamster, 45 Kaninchen, 40 Schweine, 27 Vögel und vier Amphibien. 2012 waren es insgesamt 22 121 Tiere, 2011 26 951 und 2010 22 435.72 Anträge auf Tierversuche wurden 2013 gestellt, 18 weitere Versuchsvorhaben, die keiner Genehmigung bedurften, wurden angezeigt (2012: 56/30; 2011: 58/38; 2010: 72/20). Die Mehrheit der Versuche dient der Grundlagenforschung, deren Erkenntnisse die Basis für die angewandte Forschung darstellen. Des Weiteren geht es um das Vorbeugen, Erkennen und Behandeln von Krankheiten und körperlichen Leiden sowie um Aus- und Weiterbildung. lre
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