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„Um die Kindheit betrogen“

Saarbrücken. Im Saarland gibt es 35 000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die zumindest zeitweise in einer Familie oder Lebensgemeinschaft mit Suchtproblemen aufwachsen. Somit ist rund jeder fünfte Minderjährige im Saarland von dieser Problematik betroffen, sagte der Fachdienstleiter des Beratungs- und Behandlungszentrums der Caritas in Neunkirchen Horst Arend.

Er bezog sich dabei auf eine Studie von Professor Michael Klein von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Köln, wonach insgesamte 2,65 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland in einer derart belasteten Familie oder Lebensgemeinschaft leben. Dabei gehe es in der Regel um Alkoholismus, also nicht um Rauschgift. Wie Arend weiter ausführte, weiß man, dass jedes dritte Kind in einer solchen Familie später selbst alkoholabhängig wird. 80 Prozent der Mädchen in solchen Familien wählten später einen alkoholabhängigen Partner. Häufig, so Arend, würden Kinder, die in einem derart belasteten Umfeld aufwachsen, Opfer von physischer, psychischer und sexueller Gewalt.

Das bestätigt auch Gustav Haab, der für die Polizei als Ermittler im Fall Pascal tätig war. Der heutige Experte für Suchtprävention am Landesinstitut für präventives Handeln (LPH) ist oft an Schulen unterwegs. Dabei erkennt er nach eigenen Angaben oft an bestimmten Fragen, die ihm Schüler stellen, dass es im Elternhaus ein Alkoholproblem gibt. Die Kinder wollten dabei nicht gleich raus mit der Sprache – offenbar weil sie „eine gewisse Scham“ empfänden oder meinten, ihre Eltern schützen zu müssen. Nach seinem Dafürhalten begünstigen ein sozial schwaches Umfeld und oft auch fehlende intellektuelle Fähigkeiten der Eltern derartige Phänomene.

Nach Angaben von Markus Zimmermann, dem Suchtbeauftragten des LPH, gibt es im Saarland im allgemeinen bisher keinen höheren Alkoholkonsum als in anderen Bundesländern. Allerdings habe in den letzten Jahren der Zuwachs beim Alkoholkonsum über dem Bundesdurchschnitt gelegen. Arend spricht von einer „stillen Not“ vieler Kinder und bemängelt, dass es im Saarland, aber auch in anderen Bundesländern, immer noch „zu wenig gezielte Hilfeangebote“ für die Betroffenen gibt. Als stationäre Einrichtungen gebe es an der Saar bisher nur den Schaumberger Hof in Tholey, eine Drogenhilfeeinrichtung, sowie die Fachklinik Tiefental am Fuß des Sonnenbergs in Saarbrücken, die auf die Alkoholproblematik spezialisiert sei. Darüber hinaus hat die Caritas in Neunkirchen Ende 2008 mit finanzieller Unterstützung der „Aktion Mensch“ und des Landkreises das Präventionsprojekt „Wiesel“ mit zwei Fachkräften ins Leben gerufen. Was jedoch immer noch fehle, sei ein landesweites Netzwerk aus Kinder- und Jugendärzten, Erzieherinnen, Familienberatungszentren, Jugendämtern, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sowie den Kinder- und Jugendpsychiatrien.

Zimmermann sieht bei der Vernetzung ebenfalls „Entwicklungspotenzial“ – nicht nur zwischen den Leistungserbringern, sondern auch zwischen den Kostenträgern Krankenkasse, Jugendhilfe und Rentenversicherung. Hier gebe es einen ungedeckten Bedarf an gemeinsamen Finanzierungen. 
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