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Verfassungsschutz-Chef erwartet mehr Salafisten im Saarland

210 Islamisten beobachtet das Landesamt für Verfassungsschutz im Saarland nach Aussage seines Direktors Helmut Albert. Foto: Oliver Dietze

210 Islamisten beobachtet das Landesamt für Verfassungsschutz im Saarland nach Aussage seines Direktors Helmut Albert. Foto: Oliver Dietze

Nach den Terroranschlägen von Paris gibt es eine Diskussion, ob der Terrorismus etwas mit der Religion zu tun hat – oder ob der Islam nur missbraucht wird. Wie sehen Sie das?

Albert: Meine heutige Position ist, dass es sehr wohl etwas mit der Religion zu tun. Wenn diejenigen, die in Paris Menschen umbringen oder sich in die Luft sprengen, dies tun, weil sie glauben, dass ihr Gott das von ihnen verlangt, ist es ein religiöses Problem.

Wenn das Ihre heutige Position ist, wie Sie sagen, haben Sie das einmal anders gesehen?

Albert: Mein erster Ansatz war wie bei anderen auch: Das ist eine politische Ideologie, die sich der Versatzstücke aus dem Koran bedient, um eine Rechtfertigung zu haben. Aber ich sehe es heute etwas anders: Es ist in erster Linie ein religiöses Phänomen, auf dem dann eine politische Idee aufsetzt. Das ist für mich nicht ein Missbrauch der Religion, sondern schlicht und einfach ein falsches Verständnis der Religion. Das Einzige, was man dem entgegensetzen kann, ist Aufklärung.

Wessen Aufgabe wäre das?

Albert: Das ist eine Aufgabe der religiösen Autoritäten im Islam . Der Ausgangspunkt dafür kann nur in Europa sein, da man die notwendigen Diskurse in der islamischen Welt derzeit noch nicht führen kann. Es wird Jahrzehnte dauern, das Denken zu verändern.

Was ist mit den muslimischen Verbänden?

Albert: Sie transportieren ein konservatives Islambild, das sagt: Der Koran ist wortwörtlich zu verstehen. Von dort ist man schnell im Bereich des Islamismus und des Salafismus .

Wie viele Islamisten gibt es im Saarland?

Albert: Wir beobachten 210, Stand Januar, davon 100 Salafisten . Wir werden wahrscheinlich im nächsten Jahr höhere Zahlen haben. Salafismus ist gerade für jüngere Leute attraktiv, weil es klare Regeln gibt, die das komplette Leben umfassen: Ist Cola trinken gut oder schlecht, darf ich Fußball spielen – ja oder nein? Es gibt immer eine klare, religiös begründete Antwort: Das Leben wird dadurch wahnsinnig einfach. Das Zweite, was den Salafismus attraktiv macht, ist das Egalitäre: egal ob türkischer oder arabischer Migrationshintergrund, ob deutscher Konvertit, Arbeiter oder Akademiker, ob schwarz oder weiß – alle sind „Brüder“ und damit gleich.

Gibt es unter Salafisten im Saarland Tendenzen zur Gewaltbereitschaft?

Albert: Salafisten sind zunächst einmal fromme Menschen, die den Islam in einer ganz bestimmten Weise verstehen. Nur ein kleiner Teil bejaht Gewalt. Manche sagen: In den Herkunftsländern der islamischen Welt darf man gegen bestimmte Phänomene mit Gewalt vorgehen. Es gibt auch welche, die sagen: Gewalt ist der Weg zur Lösung und der Dschihad ist eine individuelle Pflicht für jeden Moslem, egal wo er gerade lebt.

Können Sie beziffern, auf wie viele der 100 Salafisten das zutrifft?

Albert: Im Saarland auf etwa zehn Prozent.

Gibt es Hassprediger im Saarland?

Albert: Nein.

Und islamistische Prediger ?

Albert: Selbstverständlich gibt es Prediger , die sagen, der Koran steht über allem, durch weltliche Gesetzgebung darf das Wort Gottes nicht verändert werden und eure Religion gebietet es, dass ihr euch von westlichen Einflüssen fern haltet. Wir haben aber keinen Prediger im Saarland, der sagt, dazu müsst ihr den Weg des „Islamischen Staates“ gehen. Wir reden selbstverständlich auch mit den salafistischen Gemeinden. Ich habe zum Beispiel in zwei salafistischen Gemeinden Vorträge gehalten über die Aufgaben und Befugnisse des Landesamtes für Verfassungsschutz und ihnen erklärt, warum wir die Szene beobachten.

Wie waren die Reaktionen in der Gemeinde?

Albert: Interessant – aber durchaus freundlich. Wir haben den Imamen gesagt: Wenn ihr der Meinung seid, dass das, was Al-Qaida und der „Islamische Staat“ wollen, falsch ist, dann müsst ihr uns helfen, damit die Jungen, die bei euch sitzen, nicht aufgrund deren Propaganda im Internet den falschen Weg gehen. Dass das Saarland das einzige Bundesland ist, aus dem noch keiner nach Irak und Syrien ausgereist ist, führe ich auf diese Strategie zurück.

Wie wurden die Anschläge von Paris in der Islamisten-Szene im Saarland aufgenommen?

Albert:Wir haben drei Reaktionen festgestellt. Erste Reaktion: Verurteilung. Zweite Reaktion: Man regt sich jetzt wahnsinnig auf, weil es Menschen aus dem Westen getroffen hat – seit Jahren werden in unseren Heimatstaaten Hunderte abgeschlachtet, ohne dass es jemanden interessiert. Dritte Reaktion: absolutes Totschweigen.

Gibt es Versuche von Islamisten , in der Landesaufnahmestelle Anhänger zu rekrutieren?

Albert: Einige Islamisten haben dort im Sommer Korane in Arabisch und für Frauen islamkonforme Kleidung verteilt. Mein Eindruck war: Das war nicht primär darauf gerichtet, neue Anhänger zu gewinnen, sondern das primäre Motiv war: Man war wohl entsetzt, dass die Deutschen für Frauen Hosen gespendet hatten und keine langen Röcke und dass keine Kopftücher im Angebot waren. Salafisten brauchen auch gar nicht aktiv vor Ort tätig zu werden, weil die Flüchtlinge von selbst zu ihnen kommen: Wir stellen fest, dass in den Gemeinden, die wir beobachten, unter den Besuchern der Freitagsgebete bis zu 50 Prozent Flüchtlinge sind – allein schon, weil dort auf Arabisch gepredigt wird und man sich auf Arabisch mit den schon länger hier Lebenden unterhalten kann. Wir werden aufmerksam beobachten, wie sich die Szene weiterentwickelt.

210 Islamisten beobachtet das Landesamt für Verfassungsschutz im Saarland nach Aussage seines Direktors Helmut Albert. Foto: Oliver Dietze
 
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