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VfL Wallhalben knackt Weltrekord

Eine willkommene Abkühlung fand Daniel Klein vom VfL Wallhalben im Pool am Spielfeldrand. Foto: Lukas Schulze/dpa

Eine willkommene Abkühlung fand Daniel Klein vom VfL Wallhalben im Pool am Spielfeldrand. Foto: Lukas Schulze/dpa

111 Stunden lang haben sie für ihr gemeinsames Ziel gekämpft, dann ertönt endlich der lang ersehnte Pfiff: „Weltrekord“ brüllen die Spieler, reißen die Arme in die Luft, während Teamkollegen gestern das Spielfeld an der Hamburger Sternschanze mit Sekt- und Bierflaschen stürmen. Es ist die bisher längste Fußballpartie der Geschichte, 6666 Minuten voller Tore, Schweiß und Muskelkrämpfe. Die Amateurkicker des FC Hamburger Berg und des VfL Wallhalben wissen, dass sie es geschafft haben.

 

Wohin man auch schaut, überall blickt man in strahlende, sonnenverbrannte Gesichter. FC-Vorstand Ralph Hoffmann genießt ungewollt die weite Aussicht über den Platz, als er von seinen Teamkollegen mehrere Male in die Luft geworfen wird. Ein Sportkrimi, ein extremes Fußballabenteuer geht hier mit einem Endstand von 722:568 für Hamburg zu Ende. „Beide Teams verlassen aber als Gewinner den Platz“, betont Hoffmann, ehe er seinen Mitspielern in die Arme fällt.

 

Wallhalbens Ortsbürgermeister Berthold Martin sitzt am Sonntagmorgen gespannt am Computer und verfolgt den Livestream der Übertragung des Weltrekordversuchs. Um elf Uhr knacken die Spieler die bisher gesetzte Bestmarke des schottischen Clubs The Craig Gowans Memorial Fund aus Edinburgh. Mit 111 Stunden setzen sie dem Ganzen um dreizehn Uhr dann noch mit einer Schnapszahl die Krone auf. „Ich bin total stolz auf die Buben und Organisatoren“ – so der Bürgermeister, der sich noch an den ersten Versuch mit 75 Stunden erinnert, der wegen der gleichzeitigen schottischen Bestmarke von 105 Stunden scheiterte. Jetzt also sechs Stunden mehr, nach viel Schweißverlust, Gelenkschmerzen, Muskelkater, Blasen an den Füßen und Kreislaufproblemen bei zum Teil brütender Hitze in Hamburg. „Dafür gibt's dann demnächst in Wallhalben eine Sause mit Grillfest“, kündigt Berthold Martin an.

 

Dabei stand es zwischendurch gar nicht gut um den Rekordversuch. Neben einem Unwetter, das die Spieler drei Tage zuvor aus Sicherheitsgründen kurzzeitig auf die Reservebank verbannte, wäre der Versuch auch fast an erhitzten Gemütern gescheitert. Denn die gemeinsame Zeit auf dem Platz bedeutete für alle Beteiligten nicht nur eine sportliche, sondern auch eine menschliche Herausforderung. Da niemand das Gelände verlassen durfte, mutierte der Platz schnell zu einer Art „Big-Brother-Container“, wie VfL-Betreuerin Nadine Stibitz (40) berichtet. „Viele unterschiedliche Charaktere, längere Zeit zusammen auf engstem Raum: Es hat jeden Tag gekracht“, erzählt sie. Der Schlafmangel trug dann seinen Teil zum erhöhten Konfliktpotenzial bei.

 

„Wir wollten zwischendurch sogar kurz abbrechen. Das Klima war nicht optimal, bei den Anstrengungen schaukelt sich ein Konflikt schnell hoch“, berichtet VfL-Kapitän Carsten Barz (26) kurz vor dem Ende des Spiels. „Letztes Jahr war es ein Miteinander, dieses Jahr leider eher ein Gegeneinander“, sagt er. Der Wallhalber Spielleiter Dirk Stiwitz beklagt die Spielweise der Hamburger. Beim VfL hätten harte Zweikämpfe nicht auf dem Programm gestanden – in Hamburg schon.

 

Auch jenseits des Spielfeldes sei nicht alles rund gelaufen, so Dirk Stiwitz: „Nach ganz schlechtem Start wegen einer chaotischen Organisation der Hamburger, wurde das ganze Unternehmen erst mal eine große Herausforderung für unsere Mannschaft. Wir mussten, von der Unterkunft bis zur Verpflegung, alles selbst organisieren und anfangs sogar noch die Hamburger Spieler mit verpflegen.“ Stiwitz beklagt auch das geringe Zuschauerinteresse. „Wir haben in Wallhalben wahrscheinlich wesentlich mehr Werbung gemacht als die in ganz Hamburg“ – so seine Einschätzung.

 

Unversöhnliche Töne, die jedoch nach Spielabpfiff nicht nachzuhallen scheinen. Dann nämlich liegen sich beide Teams erschöpft, aber offensichtlich überglücklich in den Armen. Ungeachtet vorheriger Rivalitäten, im Moment des Triumphes sind offenbar alle Spieler im Geiste vereint. Und auch die Fans auf den Zuschauerrängen bedanken sich mit Applaus für einen beispiellos energiegeladenen Endspurt.

 

Während die Jungs vom FC Hamburger Berg sich weiter feiern lassen, bereiten sich ihre Herausforderer auf eine 700 Kilometer lange Fahrt in den Süden vor. Sie verabschieden sich von dem Platz, der für alle in den letzten fünf Tagen zu einem Heimatersatz geworden war. Noch hängen die Handtücher über provisorisch angebrachten Wäscheleinen, entlang des mit Campingstühlen und Plastikmüll gesäumten Spielfeldrandes. Das zweite Wohnzimmer – es riecht nach Buletten, Bier und Schweiß. Höchste Zeit für die Heimreise.

 

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