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Viele Saarländer wollen an Weihnachten helfen

Gelebte Nächstenliebe: Eine Helferin bei der Heiligabend-Feier für Bedürftige 2012 in Saarbrücken.

Gelebte Nächstenliebe: Eine Helferin bei der Heiligabend-Feier für Bedürftige 2012 in Saarbrücken.

Auch der Papst hat einen Weihnachtswunsch: „Verhalten wir uns so, dass unsere Brüder und Schwestern sich niemals alleine fühlen.“ An vielen Orten im Saarland hat man den Wunsch von Franziskus gehört in diesem Jahr. In der Theorie beginnt Armut bei 869 Euro. Wer im Monat weniger zum Leben hat, ist arm oder armutsgefährdet, wie die Statistiker sagen. Auf jeden siebten Saarländer trifft das zu. In der Praxis beginnt Armut hinter einer schmalen, niedrigen Holztür in der Gemeinde Beckingen. Hier wohnt ein Mensch aus der Statistik. Es ist eine freundliche Frau, fast 90, gestützt auf einen Rollator, das Haar in tiefem Grau. Sie kann nicht nur an Weihnachten Hilfe gebrauchen, aber gerade jetzt. Der Frau wird heute ein Geschenk gemacht. Für den Papst lehrt die Weihnachtsgeschichte vor allem: Demut und Nächstenliebe. Jesus, das schwache Kind im Stall. Wer ihm ähnlich werden will, sagt Franziskus, muss sich „klein machen mit den Kleinen und arm mit den Armen“.

Viele Saarländer kümmern sich um die, die einsam sind, krank, arm, voller Angst. Hunderte, eher Tausende, sind in diesen Tagen für die gute Sache unterwegs, Schüler und Rentner, Politiker und Banker, Kirchen und Künstler. Alle haben das gleiche Ziel: Sie wollen, dass es ihren Nächsten ein bisschen besser geht zum Fest der Feste. „Man fühlt sich warm ums Herz“, sagt Ursula Greis. „Gutes tun, tut einem selbst auch gut“, findet die Dame Anfang 70 mit dem Elan einer 20-Jährigen. Seit über zehn Jahren ist sie Vorsitzende der Christlichen Bürgerhilfe Beckingen, einem Verein mit einem Dutzend Frauen und Männern, der seinem Namen Ehre macht: Er hilft Bürgern. Bürgern aus der Gemeinde, aus Honzrath, Reimsbach und den anderen Ortsteilen, Bürger, die in Not geraten sind: Scheidung, Arbeitslosigkeit, Armut im Alter. Mit einer Kleiderkammer fing es vor vielen Jahren an, da haben Ursula Greis und die anderen gemerkt: „Die Menschen haben Kummer. Es gibt viel mehr Not als gedacht.“

Anders als so oft wurde aber nicht nur nachgedacht, sondern auch gehandelt. Seit 1982 wurden über 150 000 Euro verteilt, das meiste von Firmen aus der Gemeinde gespendet – an kinderreiche Familien, Alleinerziehende, Alte. Die Beckinger bezahlen Nachhilfestunden oder das Schulmittagessen, auch mal die Miete oder das Heizöl für den Winter. Und an Weihnachten packen sie Päckchen – 40 Stück sind es in diesem Jahr wieder geworden, etwa 40 Euro kostet eins, 8,6 Kilo wiegen die nett in Dunkelrot und Silber verpackten Pakete, die alle den gleichen Inhalt haben: Nudeln, Reis, Kekse, Konserven, Kaffee, Salami, Schinken. Grundnahrungsmittel, dazu ein paar Süßigkeiten, kein Alkohol, kein Tabak. Eines der Päckchen wird Ursula Greis heute überreichen – an die freundliche alte Frau mit dem Rollator. Die ist aufgeregt, denn es ist nicht oft Besuch da. Der Kontakt zur Außenwelt beschränkt sich meist auf den Pflegedienst, den Doktor und ihre Kinder, wenn sie mal Zeit haben. „Ich bin in meiner Wohnung gefangen“, sagt Mathilde S. (Name geändert). Vor drei Jahren brachte sie ein Oberschenkelhalsbruch aus der Bahn. Die kleine Treppe, keine zehn Stufen, wurde zu einer unüberwindbaren Hürde. 500 Euro im Monat hat Mathilde S. zum Leben. „Es ist schon knapp“, sagt die Frau, die ihre beiden Kinder allein großgezogen hat, ihr Mann „war ein richtiges Scheusal“. Heute aber schwärmt sie von dem „sympathischen Besuch“ und dem schönen Geschenk: „Ich wäre schon mit kleineren Portionen zufrieden.“

Mathilde S. hat gelernt, mit wenig klarzukommen – und allein. Das Schwätzchen mit Frau Greis, das große Paket: Weihnachten wäre trauriger geworden für sie und viele andere in Beckingen. Drei von vier Deutschen sind inzwischen der Meinung, dass das Fest der Liebe seine religiöse Bedeutung verloren hat, dass es nur noch ums Geschäft und Geschenke geht. 288 Euro will jeder durchschnittlich ausgeben, insgesamt werden rund 20 Milliarden Euro verschenkt. Kommerz statt Herz? Mitnichten. Beckingen ist (fast) überall in diesen Tagen im Saarland. In Güdesweiler sammelte die Junge Union über 150 Geschenke für hilfsbedürftige Kinder im Kreis St. Wendel. In Merzig haben Kinder Weihnachtsplätzchen für Demenzkranke gebacken. In Neunkirchen feiern 300 Bedürftige gemeinsam Heiligabend, Schüler der GGS Neunkirchen helfen mit, ihnen einen schönen Abend zu bescheren. Auch in St. Ingbert oder in Saarbrücken gibt es wieder Heiligabend-Aktionen, im Burbacher E-Werk werden 700 arme und einsame Menschen erwartet. Die Feier stand diesmal auf der Kippe, zu wenig Geld war da, dann aber zeigten die Saarbrücker Solidarität: Viele spendeten spontan, ein Künstler verkaufte Bilder für den guten Zweck, 10 000 Euro der Sparkasse machten den Weg schließlich frei.

Eine andere Bank hat an 120 Kinder der Landeswohnsiedlung Lebach Schulsachen verteilt, Stifte, Radiergummi, Blöcke. Die Caritas hilft ihnen bei den Hausaufgaben, die Geschenke kann man gut gebrauchen. Die Caritas entzündet an Heiligabend auch wieder ihr Hirtenfeuer, seit 1989 Symbol des Friedens und der Verständigung zwischen den Nationen. Vorher am Nachmittag bringen Ehrenamtliche 300 Gebäcktüten zu den Kindern im Lager. Über 500 Kinder, deren Eltern sich keine Geschenke leisten können, wurden in St. Wendel bei der fünften Auflage der Aktion „Mein Weihnachtswunsch“ glücklich gemacht. Sie konnten ihre Wunschzettel an einen Weihnachtsbaum in der Domgalerie hängen, viele vollkommen Unbekannte griffen zu und besorgten das Geschenk. Die Spendenbereitschaft sei „überragend groß“, loben die Veranstalter.

Bis 75, vier Jahre, will Ursula Greis noch weitermachen an der Spitze der Bürgerhilfe Beckingen. Auch wegen solcher Geschichten: Bei einer ihrer Touren, so erzählt sie lächelnd, sei sie mal für das leibhaftige Christkind gehalten worden. Sie musste das verschreckte Kind beruhigen: „Nein, ich bin nicht das Christkind, das Christkind hat mich aber geschickt.“ Gutes tun, tut gut, gerade an Weihnachten. Ursula Greis möchte, dass das noch mehr Menschen begreifen. Sie sucht Nachahmer und einen Nachfolger. „Ich hoffe, dass es unseren Verein auch in 30 Jahren noch gibt.“ Das passt zu Weihnachten, dem Fest der Freude – und der Hoffnung.

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