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Vollrausch-Feeling: Promille-Brille klärt Saarländer auf

Güdingen. Mir ist schwindlig. Beim Bücken kippe ich fast nach hinten. Und meine rechte Hand hat sieben Finger. Ich schwanke wie mit 1,3 Promille. Getrunken habe ich aber keinen Tropfen. Eine Promille-Brille macht es möglich, sie gaukelt mir einen Rausch vor. Die schwere Plastikbrille vor den Augen, spüre ich den Kontrollverlust und bin doch bei vollem Bewusstsein. Eine surreale Erfahrung.

Aber nicht nur mir, auch zwölf Jugendlichen zwischen 14 und 16 Jahren geht es so. Ein Suchtpräventionsteam von Juz-united, dem Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung, hat den Jugendlichen im Seminar „Volle Peilung“ die Promille-Brillen aufgesetzt und sie im Jugendzentrum Güdingen durch einen Parcours geschickt. Auf der weißen Linie schwankend, torkeln wir um aufgestellte Flaschen, versuchen, ein Fahrradschloss zu öffnen und Puzzleteile vom Boden aufzuheben und zusammenzusetzen.

„Doppelsehen“ und „Fehleinschätzungen von Nähe und Distanz“

Auf der weißen Linie mache ich eine schwache Figur, jegliche Eleganz geht vor die Hunde. Je mehr ich meine Schräglage ausgleichen will, desto schlimmer wird es. Strecke ich die Arme aus, dreht es mich nur weiter nach links und gen Boden. Was für ein Seegang. Auch bei der Aufgabe mit dem Fahrradschloss habe ich Probleme, trotz jahrzehntelanger Übung im nüchternen Zustand. Ich sehe zwei kleine Schlüssel und greife mehrmals nach dem falschen. „Doppelsehen“ und „Fehleinschätzungen von Nähe und Distanz“ nennt das der Suchtexperte.

Wenigstens mit den Puzzleteilen will ich Geschick beweisen und wende einen Trick an: Nur nah genug rangehen, dann kann ich die Puzzleteile einsetzen. In Zeitlupe zwar, aber immerhin. Nah ranzugehen hält meine Wahrnehmung aber nicht davon ab, mir Streiche zu spielen: Ein silbriges Bonbonpapier auf dem Boden halte ich auch für ein Puzzleteil. Erst die Hände enthüllen seinen wahren Charakter. Zittrig und krumm geht es weiter. Meinen mit der 0,8-Promille-Brille gemalten Tannenbaum könnte mühelos jedes zweijährige Kind in den Schatten stellen.

"Wir halten keine Moralpredigt“

Lediglich beim Schreiben bin ich positiv überrascht: Unter dem Einfluss der 1,3-Promille-Brille strotzt meine Handschrift genauso vor altägyptischem Charme und geheimnisvoller Individualität wie sonst. Das gibt mir zu denken.

Auch wenn sie mir ungewohnte Farbeffekte vor die Augen zaubert und meine Umwelt seltsam krümmt, gibt die Promille-Brille einen realistischen Eindruck vom Betrunkensein. Deswegen verspricht sich Thomas Böhm, Mitarbeiter bei Juz, viel von dem Seminar. „Wir halten den Jugendlichen keine Moralpredigt“, sagt Böhm. Er hofft, dass sie sich an die Erfahrung mit der Promille-Brille erinnern und nach dem zweiten Alkopop-Getränk nein sagen. „Sie lachen zwar bei dem Parcours, aber später merken sie: Betrunken sein ist gar nicht so cool.“

Der 15-jährigen Alexandra Gerber ist vor allem schwindlig. Das Laufen durch den Flaschen-Parcours fällt ihr schwer: „Wenn ich das nächste Mal ausgehe, will ich das Seminar im Hinterkopf behalten.“

Die Brille abgenommen, setze ich mich ans Steuer. Ohne Kopfschmerz, ohne Schwindelgefühl und meine Hände halten das Lenkrad wieder mit den üblichen zehn Fingern. Ich bin froh, wieder „nüchtern“ zu sein und kann mir gar nicht vorstellen, warum bis 1998 Autofahren mit 0,8 Promille erlaubt war.

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