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Von der Kraft des Helfens: In Lebach hat die Alltags-Routine Helfer und Flüchtlinge zusammengeschweißt

„Genau zwei-komma-zwei Kilometer waren wir von seinem Vater entfernt. Nur zwei-komma-zwei Kilometer! Und kamen trotzdem nicht zu ihm.“ Michael Paulus schüttelt fassungslos den Kopf, während er – die runde Lesebrille auf der Nasenspitze – auf zwei rote Punkte in einer Navigationskarte seines Handys tippt. Der 44-jährige freiwillige Helfer im Lebacher Aufnahmelager war mit dem jungen Syrer Amen Fadel am vergangenen Wochenende vom Saarland aus 2600 Kilometer weit nach Kroatien gefahren, um dessen Vater vor dem Grenzchaos auf dem Balkan abzufangen und ins Saarland zu bringen. Auf eigene Kosten. Die Aktion scheiterte an den kroatisch-serbischen Behörden. Unverrichteter Dinge und maßlos enttäuscht mussten Paulus und der 18-jährige Syrer wieder den Rückweg ins Saarland antreten. Und vor allem ohne Informationen, wo der Vater steckte.

Vor rund einem Jahr hatte der Chefarzt der Notaufnahme einer Klinik im nordsyrischen Al-Hasakah seinen zweitältesten Sohn Amen aus Syrien ausfliegen lassen. Auch die Mutter und drei Geschwister von Amen sind inzwischen im Saarland. Der Arzt selbst steht, wie Michael Paulus erzählt, auf den Todeslisten sowohl des Assad-Regimes als auch des „Islamischen Staates“ (IS). Amen erklärt, beide hätten seinem Vater die medizinische Behandlung von Menschen der jeweils anderen Seite vorgeworfen: „Mein Vater hat ihnen aber klargemacht, dass er alle Kranken versorgt, gleich welcher politischen Ausrichtung“, dazu habe er den hippokratischen Eid geleistet. Nun bleibt dem zurückhaltenden 18-Jährigen, der inzwischen in Rehlingen-Siersburg wohnt und die Dillinger Gesamtschule besucht, nichts anderes übrig, als zu warten. In seiner Freizeit hilft Amen als Arabisch-Übersetzer in der Lebacher Aufnahmestelle. Dort ist der wohlerzogene junge Syrer so etwas wie „everybodys darling“. Sogar Sozialministerin Monika Bachmann , die gerade mit einer Besuchergruppe über das Gelände der Aufnahmestelle schlendert, begrüßt ihn wie einen guten alten Bekannten.

Michael Paulus indes hat die Arbeit als Freiwilliger in der Landesaufnahmestelle nach einer schweren Krankheit enormen Aufschwung gegeben. „Es ist beinahe wie eine Sucht hier“, erzählt der 44-Jährige, „man kommt nach Hause und fragt sich, ob man auch wirklich genug getan hat.“

Das Flüchtlingsdrama hat die beharrlichen Helfer – haupt- und ehrenamtliche – inzwischen fest zusammengeschweißt. Sowohl untereinander als auch mit ihren Schützlingen. „Sie wollen sogar ein Fest ausrichten, die Flüchtlinge . Als kleines Dankeschön an uns Helfer“, verrät Michael Thewes gerührt. Er und seine Frau sind fast täglich in Lebach zur Stelle. „Man muss versuchen, den Leuten Streicheleinheiten zu geben, sie haben so viel mitgemacht.“

Gernot Minig und seine Frau Waltraut kommen an zwei bis drei Tagen die Woche: „Wir sind hier ein richtig schönes Team“, sagt Minig. Dennoch müsse man auch ein wenig vorsichtig sein, dass man sich von der Arbeit und den Schicksalen nicht völlig absorbieren lasse. Menschen mit vernarbten Körpern, die von Verletzungen durch Bomben herrühren, oder Bauchdurchschüsse – Minig hat vieles gesehen. Überhaupt bekommen die Helfer hier einiges zu Gesicht, was sie zu Hause nicht einfach abschütteln können.

Dennoch: Die Atmosphäre wirkt unaufgeregt in Lebach , Routine und Gelassenheit bestimmen den Alltag. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Formalitäten in Lebach so rasch abgearbeitet würden, wie der Leiter der zentralen Ausländerbehörde, Horst Finé, und der Leiter der Landesaufnahmestelle, Werner Pontius, erklären. Das federe vieles ab, was Anlass zu Aufregung und Aggressionen geben könnte. Ankömmlinge, derzeit seien es etwa zwischen 100 und 140, würden in aller Regel noch am selben Tag registriert, Asylanträge seien in maximal drei Monaten entschieden. Inzwischen könnten Familien der Privatsphäre wegen vornehmlich in den Häusern untergebracht werden. Die Zelte seien hauptsächlich von jungen Männern bewohnt.

Am Ausgabe-Container von Kinderkleidung herrscht an diesem Nachmittag viel Betrieb. Es ist kalt geworden, vor allem die Ankömmlinge benötigen dringend warme Sachen. Manche Mütter, so die Erfahrungen der zupackenden Damen im Kleiderkammer-Container, seien überaus wählerisch bei der Kindergarderobe. Undankbarkeit oder unangebrachte Anspruchshaltung? Waltraut Minig will das so nicht stehen lassen: Man müsse das auch ein bisschen verstehen, meint sie, so manche Familie hier sei schließlich in Syrien recht vermögend gewesen.

Anders sieht es aus, als sie an diesem Tag von einem Kind angespuckt wird, weil sie einem Kleiderwunsch der es begleitenden Erwachsenen nicht nachkommt. Die Gruppe junger Männer, die sie daraufhin finster anblickt, bereitet ihr mulmige Gefühle. „Zum Glück“, sagt sie beherzt, „kommen so unangenehme Dinge selten vor.“ Kollegin Elke Thewes nickt: 95 Prozent der Asylbewerber benähmen sich sehr anständig.

So wie Nasrin und Ali Al-Ismail. Die beiden Kurden aus Kobane freuen sich über die warmen Sachen für ihr Töchterchen Siya. „Wir fühlen uns hier sicher, aber natürlich vermissen wir Syrien“, bekennt das junge Paar. Bei vielen der Flüchtlinge fährt die Angst mit. Auch bei Lina Hussein und Adnan Amir aus Aleppo, die gerade in Lebach angekommen sind. „Unsere Kinder erschrecken immer noch bei vielen Geräuschen“, erzählt Lina Hussein und zeigt in den Himmel. Vor allem Flugzeuge machten ihnen Angst – in Syrien brächten sie Bomben mit sich.

In Zelt zehn, gleich neben der Kinderkleider-Ausgabe, wird gerade Deutsch gelernt: „Januar, Februar, März, April…“, rund 20 Erwachsene und einige Kinder deklamieren im Halbkreis gemeinsam die Monate. Ein paar Meter weiter üben Kinder auf einer Wiese unter Anleitung von Freiwilligen auf einer blauen Matte Purzelbäume und Handstand – und zählen auf Deutsch bis zehn. In unmittelbarer Nähe wird letzte Hand angelegt an eine winterfeste Halle, die auf rund 500 Quadratmetern Platz für Sport und Spiel samt einer Café-Lounge bieten soll. Lebach macht sich bereit für den Winter. Wie viele Flüchtlinge er mit sich bringen wird – keiner weiß es.
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