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Vor zehn Jahren verschwand Pascal - ein Rückblick

2. OKTOBER 2001

Fünfjähriger Pascal verschwunden

Am 2. Oktober 2001 erschien die Saarbrücker Zeitung mit dieser Überschrift auf der Titelseite. Die Öffentlichkeit war alarmiert. Es ist immer ein beklemmendes Ereignis, wenn ein Kind verschwindet.

:: Pascal-Themenseite aus der SZ vom 29.09.2011 zum Download

Doch was sich aus diesem Kriminalfall entwickeln würde, sprengte jede Vorstellungskraft. Pascal Zimmer, fünfjähriger Sprössling aus einer sozial schwachen Familie im Saarbrücker Stadtteil Burbach, war seit dem 30. September nachmittags wie vom Erdboden verschluckt. Der Junge mit den kurzen blonden Stoppelhaaren wurde gegen 16.50 Uhr auf seinem Fahrrad zum letzten Mal in der Hochstraße gesehen. An jenem Sonntag war Kirmes in Burbach. Das Oktoberfest mit seinen Karussells und Buden – nur wenige Schritte von Pascals elterlicher Wohnung in der Hochstraße entfernt – war ein Anziehungspunkt für Kinder. Später werden alle 63 Schausteller vernommen, Festbesucher aufgefordert, Fotos und Videos von dem Ereignis der Polizei zur Verfügung zu stellen. Die Hoffnung der Sonderkommission „Hütte“, die zeitweise mit mehr als 170 Beamten arbeitete, dass das schmächtige Kind vielleicht auf einer Aufnahme zu erkennen sei, erfüllte sich nicht. Die größte Suchaktion in der saarländischen Polizeigeschichte musste trotz über 230 Hinweisen ergebnislos eingestellt werden. Ein erster Verdacht, dass eine Stiefschwester den Jungen erschlagen haben könnte, löste sich schnell in Luft auf. Ihr Anwalt prangerte „bedenkliche Vernehmungsmethoden“ der Kripo an.

24. FEBRUAR 2003

Kripo: Der kleine Pascal vermutlich tot

Knapp eineinhalb Jahre später wurde in einer riesigen Kiesgrube bei Schoeneck im benachbarten Lothringen nach Pascals Leiche gesucht. Am 24. Februar 2003 berichtete unsere Zeitung: „Kripo: Der kleine Pascal vermutlich tot“. Ein sieben Jahre alter Spielkamerad Pascals – Journalisten nannten ihn Kevin – hatte die Ermittler auf die Spur einer heruntergekommenen Kneipe, der Burbacher „Tosa-Klause“ gebracht. Kevin war Pflegesohn der „Tosa“-Wirtin Christa W., der amtlich bestellten Betreuerin seiner leiblichen Mutter Andrea M. Die drei lebten in Riegelsberg mit alkoholabhängigen Sozialhilfeempfängern im Haus von Christa W. Nach Hinweisen auf Misshandlungen und Verwahrlosung kam Kevin 2001 in eine neue Pflegefamilie. Dort offenbarte er 18 Monate später, dass er in Riegelsberg und in der schäbigen „Tosa-Klause“ sexuell missbraucht wurde. Seine Ex-Pflegemutter und seine leibliche Mutter wanderten in Untersuchungshaft. Die Polizei durchleuchtete das Umfeld der Kneipe. Im Januar 2003 gestand der geistig stark zurückgebliebene „Tosa“- Gast Peter S., sich in einer Abstellkammer der Spelunke an Kevin und auch an Pascal vergangen zu haben. Pascal habe er zuletzt am Tag seines Verschwindens missbraucht und sei anschließend zur Kirmes. Ab Februar 2003 legten weitere Mitglieder der „Tosa“-Runde teils widersprüchliche Geständnisse ab. Die Kripobeamten – die meisten haben selbst Kinder oder Enkel – wühlten in einem unvorstellbaren Sumpf. Andrea M.berichtete vom letzten, grausamen Missbrauch Pascals durch Martin R., einem brutalen Zeitgenossen. Sie habe dabei den Kopf des schreienden Jungen in ein Kissen gedrückt. Danach sei Pascal tot gewesen. Seine Leiche sei in einem blauen Müllsack in der Kiesgrube bei Schoeneck verscharrt worden. Die Suchaktion der Polizei dort blieb ohne Resultat.

20. FEBRUAR 2004

Fall Pascal: Justiz klagt 13 Verdächtige an

Mit dieser Schlagzeile erschien die SZ am 20. Februar 2004 auf Seite eins. Oberstaatsanwalt Josef Pattar hatte die Anklage gegen die angebliche „Tosa“-Gemeinschaft vorgelegt. Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei waren sich ihrer Sache sicher: Kinderschänder sollen den kleinen Pascal umgebracht haben. Die Namen von vier Frauen und neun Männern standen auf der Liste der Anklage. Die Vorwürfe: Mord und schwerer sexueller Missbrauch, Vergewaltigung von Kindern und Beihilfe zu diesen Verbrechen. Die Wirtin Christa W., Kevins leibliche Mutter Andrea M. und der vorbestrafte Gewalttäter Martin R. waren die Hauptangeklagten. Christa W. war bei der Justiz keine Unbekannte. Als bis dahin unbescholtene Frau wirkte sie vor ihrer Verhaftung als Laienrichterin am Jugendgericht. Für die Staatsanwaltschaft galt die hochintelligente Frau als die Drahtzieherin im Fall Pascal. Ihr wurde vorgeworfen, die Kinder für Geld an ihre Schänder verkauft zu haben. Je 20 Mark soll sie von vier Männern kassiert haben, die Pascal am Tag seines Verschwindens missbraucht hätten. 145 Seiten stark war die Anklage im Fall Pascal.

Ende April 2004 legte die Staatsanwaltschaft nach. In vier weiteren Anklageschriften wurden sieben der Inhaftierten weitere Sexualdelikte an Pascal und zwei anderen Kindern vorgeworfen. Ein „Tosa“-Gast, der als schwachsinnig eingestufte Peter S., war zu diesem Zeitpunkt schon rechtskräftig verurteilt – wegen Vergewaltigung von Kevin und Pascal. Er hatte sein umstrittenes Geständnis vor Gericht wiederholt und wurde auf Dauer in die forensische Psychiatrie eingesperrt

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21. SEPTEMBER 2004

Der Prozess: „Tosa-Runde“ sieht sich wieder

Vor dem Schwurgericht am Landgericht Saarbrücken unter Vorsitz von Richter Ulrich Chudoba wurde am 20. September 2004, fast drei Jahre nach dem Verschwinden des Kindes, der Pascal- Prozess eröffnet. Die SZ berichtete am Tag danach unter der Überschrift „Tosa-Runde sieht sich wieder“. Die 13 Angeklagten, vier Frauen und neun Männer, waren bislang strikt getrennt gewesen, saßen in Haftanstalten in mehreren Bundesländern. Etwa 40 Polizisten sorgten für Sicherheit im Gerichtssaal bei der größten und spektakulärsten Verhandlung der letzten Jahrzehnte im Saarland. Ein Großaufgebot an Journalisten, Fotografen und Kamerateams war angereist, um die Anklage zu hören. Zuschauer reagierten ungläubig, schockiert und entsetzt, als sie hörten, welche abscheulichen Verbrechen mit und an Kindern in der „Tosa- Klause“ geschehen sein sollen. Damit die Schreie der gequälten Kinder nicht draußen auf der Straße zu hören waren, hatte die „Tosa“-Gemeinschaft, so der Vortrag der Anklage, einen Wachdienst eingerichtet: Je lauter das Kind geschrien habe, desto stärker sei die Musikbox aufgedreht worden.

Die Linie der Verteidiger war bereits am ersten Tag des Marathon- Prozesses klar. Sie forderten Beweise von der Anklage. Bis auf zwei Frauen wollten alle Angeklagten zu den Vorwürfen schweigen. Auch eine Frau, die ursprünglich als eine der ersten geredet hatte, und damit zur Stütze der Anklage wurde. Ihre Verteidigerin argumentierte, es scheine nur so, als sei der Fall Pascal aufgeklärt und urteilsreif. Es gebe aber keine objektiven Tatbeweise, keine Videos oder Fotos und keine DNA-Spuren.

16. JUNI 2005

Pascals Mutter stirbt, der Vater stirbt

Die Eltern Pascals haben den Mammutprozess vor dem Landgericht nicht überlebt. Seine Mutter hatte im Oktober 2004 als Zeugin im Prozess ausgesagt, sie habe bei ihrem Kind keine Anzeichen für sexuellen Missbrauch bemerkt. Pascal habe auch nichts von Übergriffen in der „Tosa- Klause“ berichtet. Dies bestätigte auch der Stiefvater des Jungen, der später noch gelegentlich als Zuschauer den Prozess verfolgte. Gegenüber unserer Zeitung hatte die Frau im April 2004 zum Verschwinden Pascals gesagt: „Es ist wie ein Albtraum, ohne dass man wach wird.“

Am 16. Juni 2005 meldete die Saarbrücker Zeitung schließlich: „Mutter des vermissten Pascal ist tot“. Die Frau war im Alter von 46 Jahren einer Hirnblutung erlegen. Knapp drei Wochen später, am 4. Juli 2005, folgte die traurige Nachricht: „Vater von Pascal stirbt nach Schlägerei“. Der 50-Jährige starb, so das Ergebnis der Obduktion, in einer Püttlinger Kneipe an einem Herzinfarkt, den er kurz vor einer handgreiflichen Auseinandersetzung erlitten hatte. Die Eltern des verschwundenen Jungen wurden in Altenkessel beigesetzt.

7. SEPTEMBER 2007

Das Urteil: Ein Freispruch dritter Klasse

Im Namen des Volkes verkündete Ulrich Chudoba, Vorsitzender Richter des Schwurgerichtes, am 7. September 2007 das Urteil. Aus Mangel an Beweisen wurden die vier Frauen und acht Männer – gegen einen schwerkranken Angeklagten war das Verfahren bereits eingestellt worden – freigesprochen. Nach fast drei Jahren und 148 Verhandlungstagen war der Richterspruch keine Überraschung mehr. Das Schwurgericht hatte im Oktober 2005 und im Juni 2006 die Angeklagten auf freien Fuß gesetzt; wegen „erheblicher Zweifel“ an der Anklage und nach einer Vielzahl widersprüchlicher Aussagen entfiel der dringende Tatverdacht. Kaum aus der Haft entlassen, hatte auch Andrea M. ihr Geständnis widerrufen. In der über dreieinhalbstündigen Urteilsbegründung betonte Chudoba: Die Vorwürfe der Anklage würden „höchst wahrscheinlich“ zutreffen. Von einer „zweifelsfreien Überzeugung“ des Gerichts könne aber nicht geredet werden, weshalb zwingend nach dem Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“ freigesprochen werden musste.

Objektive Beweise existierten nicht. Die im groben Kern übereinstimmenden, letztlich widerrufenen Geständnisse mehrerer Angeklagter seien so komplex und unbeschreiblich gewesen, „dass sie nicht der Fantasie entsprungen sein können“. Das Urteil führte in Politik und Öffentlichkeit zu heftigen Reaktionen. Ein Verteidiger sprach von einem „Freispruch dritter Klasse“. Am 13. Januar 2009 bestätigte der Bundesgerichtshof (BGH) die umstrittenen Freisprüche und schloss für die Justiz die Pascal-Akten. Ingeborg Tepperwien, Vorsitzende des BGH-Senates, sagte: „Es gibt Urteile, mit denen keiner so recht zufrieden ist. Vor allem die Richter nicht, die sie gefällt haben.“ Und weiter: „Es gibt Sachverhalte, die mit den Mitteln der Strafjustiz nicht aufzuklären sind.“

30. SEPTEMBER 2011

Bilanz zehn Jahre nach Pascals Verschwinden

Das Gefühl von Wut und Ohnmacht bleibt nach dem Freispruch in dem Drama um den seit zehn Jahren spurlos verschwundenen Jungen. Der Fall hat Stoff für zwei Bücher geliefert: „Pascal – Anatomie eines ungeklärten Falles“ heißt das Werk von Dieter Gräbner, der Interviews mit der freigesprochenen Andrea M., mit der entsetzten neuen Pflegemutter von Kevin und mit dem früheren Kripochef Peter St. geführt hat. „Im Zweifel gegen die Angeklagten – Geschichte eines Skandals“ ist der Titel des Buches der Spiegel-Reporterin Gisela Friedrichsen. Sie hinterfragt die Ermittlungsmethoden von Kripo und Staatsanwaltschaft kritisch.

Das Werk liest sich mitunter wie eine Anklage gegen Polizei und Justiz. Diese zählen mit dem Jugendamt zu den Verlierern des Falles. Die Ereignisse gipfelten in medienwirksam servierten, unbestätigten Schlamperei-Vorwürfen eines Hauptkommissars gegen seine Kollegen. Bei einigen Beamten hatte der unfassbare Fall Pascal psychische Nachwirkungen. Das ungeklärte Schicksal des Jungen, der mit seinem Rad zur Kirmes unterwegs war, belastet auch heute noch Ermittler, Beobachter und Beteiligte. Dies machte eine ARD-Dokumentation der Reihe „Die großen Kriminalfälle“ deutlich. In Burbach ist gerade wieder Kirmes. mju

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