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WM 2014 - ein Saarländer flickte geschundene Spielerkörper

Von seiner Wohnung in der Saarbrücker Innenstadt hätte er die beste Aussicht auf das Spektakel gehabt, das sich in der Nacht des 13. Juli in den Straßen der Landeshauptstadt abspielte – auf das Feuerwerk, das den nachtschwarzen Himmel in ein Farbenmeer verwandelte, auf die fremden Menschen, die sich in den Armen lagen, sangen und tanzten. Doch als ganz Saarbrücken den deutschen WM-Triumph feierte, war Tim Meyer nicht zuhause – aus einem wunderbaren Grund: Er hat diese unvergessliche Nacht in Rio erlebt. Mitten im Fußball- Tempel Maracana, gemeinsam mit Schweinsteiger, Götze und den anderen Weltmeistern. Seit 13 Jahren betreut Professor Meyer Deutschlands beste Fußballer.

Er ist der Teamarzt der DFB-Auswahl, kümmert sich um die nicht-orthopädischen Probleme der Nationalspieler, um Leistungsdiagnostik und das Anti-Doping-Management. Auch jetzt, drei Wochen danach, strahlen seine Augen, wenn er vom historischen 1:0-Sieg im Endspiel erzählt. Dabei hat der Alltag den Leiter des Instituts für Sportund Präventivmedizin der Saar-Uni längst wieder. Auf dem Schreibtisch seines Büros stapeln sich Klausuren, die er korrigieren muss. Dennoch sitzt der 46-Jährige entspannt auf einer kleinen Couch, die Beine übereinander geschlagen, in Jeans und TShirt.

Er spricht mit Bedacht, wenn er von seiner Arbeit in Saarbrücken erzählt. Doch sobald es um Brasilien geht, überschlagen sich seine Worte. Wobei er vom Finale mindestens 15 Minuten gar nicht mitbekommen hat. „Als Christoph Kramer verletzt raus musste, mussten wir entscheiden, wie es mit ihm weitergeht. In der 75. Minute war die Bekanntgabe der Spieler für die Dopingkontrolle. Und ab der 80. Minute müssen langsam alle Sachen wie die Getränke draußen stehen, falls es eine Verlängerung gibt.“ Die gab es. Und als sie begann, konnte sich Meyer zurücklehnen. „Man muss gedanklich natürlich trotz aller Verpflichtungen präsent sein. Das Spielende konnte ich glücklicherweise von der Bank aus beobachten.“ Mehr oder weniger: „Die Bank war im Stadion etwas in den Boden eingelassen, und die Kamera am Spielfeldrand verstellte uns ein wenig den Blick. Dadurch haben wir manche Szenen gar nicht oder nur schlecht sehen können.“ Das Tor von Mario Götze musste sich Meyer zuhause mit seiner Frau noch einmal anschauen.

„Ich weiß gar nicht mehr, was ich in diesem Augenblick auf der Bank gemacht habe. Plötzlich ist der Ball irgendwie bei Götze gelandet und war drin.“ Meyer schüttelt den Kopf und lacht: „Alle Ersatzspieler sind aufgesprungen und aufs Feld gelaufen. Ich bin mitgerannt. Erst am Mittelkreis habe ich gesehen, dass ich der einzige Betreuer war, der losgelaufen ist, und bin umgedreht.“ Gut zehn Minuten musste er noch zittern – dann stürmte er mit dem gesamten DFBTross den Rasen, badete im Jubel der Fans: „Das war eine Erlösung. Das Größte, was ich bisher in meinem Beruf erlebt habe.“ Oft war Meyer dran am WMTitel, feierte mit der Nationalelf 2006 und 2010 den dritten Platz, wurde 2002 Vizeweltmeister. Jetzt ist auch für ihn der Traum wahr geworden.

„Als Kind hatte ich mit Sicherheit eher den Wunsch, den Titel als Spieler zu feiern“, verrät Meyer. Als Jugendlicher stand er oft auf dem Platz, „sehr ambitioniert“, wie er sagt. Bis zur A-Jugend spielte er im niedersächsischen Nienburg, seinem Geburtsort, in der Verbandsliga: „Aber es hat nur für wenige Einsätze gereicht.“ Also konzentrierte er sich auf sein Medizin- und Sportstudium in Göttingen, machte 1995 seinen Abschluss und zog wenig später nach Saarbrücken, wo er 2006 habilitierte. Jahrelang arbeitete er hier als wissenschaftlicher Assistent des ehemaligen DFB-Arztes Professor Wilfried Kindermann, bis er in dessen Fußstapfen trat – an der Uni und beim DFB. Durch den Fußball hat Meyer vieles erlebt, die WM in Brasilien war eines seiner größten Abenteuer.

„Die Arbeit hat da schon im Sommer 2013 angefangen, als wir alle Szenarien der möglichen Spielorte durchgegangen sind“, erzählt er: „Als wir am 6. Dezember nach der Auslosung dann wussten, wo es für uns hingeht, konnten wir richtig loslegen.“ Im Februar machte sich Meyer in Brasilien ein Bild von den Unterkünften und Krankenhäusern. „Von außen sehen die zwar nicht so modern aus, aber die Krankenhäuser sind mit nahezu der gleichen Qualität ausgestattet wie die deutschen.“ Trotzdem packte er über 100 Medikamente in vier Koffer, als er mit dem Team nach Südamerika aufbrach. „Vieles haben wir gar nicht gebraucht“, sagt er: „Aber man muss auf alles vorbereitet sein.“

Und Meyer war vorbereitet. Vor allem Medikamente gegen Erkältungen sollten wichtig werden. Denn nach dem Achtelfinale klopfte fast das halbe Team an seine Tür. „Wenn mal ein, zwei Spieler erkältet sind, ist das normal“, erklärt Meyer: „Aber wenn binnen weniger Stunden plötzlich sieben, acht Spieler gleichzeitig über Halsschmerzen klagen, bekommt man ein mulmiges Gefühl.“ In Deutschland malte man sich gleich Horror-Szenarien mit einer Rumpftruppe aus, die mehr über den Rasen kriecht als rennt. Aber: „Es war zum Glück kein besonders aggressiver Erreger. Wir haben die Spieler zwei Tage konsequent behandelt.“

Wäre keine Besserung eingetreten, hätte Meyer möglicherweise Spielverbote aussprechen müssen. „Deshalb ist das Verhältnis der Spieler zu mir auch nicht so eng wie beispielsweise zu den Physiotherapeuten, die stundenlang mit den Spielern zusammenarbeiten. Aber das ist auch gut so. Immerhin muss man diese Entscheidungen unvorbelastet treffen.“ Gerade weil die Vorbereitung auf die WM so intensiv war, fühlt sich der Titel für Meyer im Nachhinein „noch besser an“. Jeden Tag wird die Erinnerung wieder wach, ständig kommen neue Gratulanten, denen er alles erzählen muss. Und will. Von den Brasilianern, für die „Fußball schon eine Zweit-Religion“ ist. Von der Gänsehaut, die er bekam, während die heimischen Fans die Nationalhymne sangen. Vom wahnsinnigen 7:1 gegen Brasilien – und vom 1:0 gegen Argentinien und der magischen Nacht, in der er auf dem Rasen des Maracana den Weltmeistern um den Hals fiel.
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