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Warum Laktose-Intoleranz die Integration fördert

Patrick Ginsbach, Barbara Meyer-Gluche, Mohammad und Louay Takesh und Isabelle Jost beim Welcome-Dinner. Der leere Stuhl gehört übrigens dem Autor. Denn Journalisten sind bei ihrer Arbeit manchmal schwer zu integrieren. Hier hatte er Glück und war mittendrin statt außen vor. Foto: fab

Patrick Ginsbach, Barbara Meyer-Gluche, Mohammad und Louay Takesh und Isabelle Jost beim Welcome-Dinner. Der leere Stuhl gehört übrigens dem Autor. Denn Journalisten sind bei ihrer Arbeit manchmal schwer zu integrieren. Hier hatte er Glück und war mittendrin statt außen vor. Foto: fab

Anders als sein Name vermuten lässt, sieht Louay Takesh wenig exotisch aus. Unspektakulär normal in seinen Jeans, dem bunten T-Shirt, Turnschuhen und dem dunklen Hemd. Er hat ein einnehmendes Lachen und eine angenehm höfliche Art. Kategorie: Schwiegermutter-Liebling. Soweit das Stereotyp. An Louay schmiegt sich ein kleiner neunjähriger Junge mit schüchternem Blick, aber sehr wachen Augen. Der kleine Junge sucht durchgängig den Körperkontakt zu Louay, der ihn immer wieder ein wenig zur Seite schiebt, um sich Platz zu schaffen. Der kleine Junge heißt Mohammad. Louay ist sein großer Bruder. „Wir kommen aus Aleppo“, sagt Louay.

 

Aleppo. Da ist es, das Reizwort, das ein neues Bild im Kopf entstehen lässt. Das ist Krieg, Bomben, Terror und Tote. Aleppo heißt zwangsläufig: Menschen, die in Camps dahinvegetieren, die jämmerlich im Mittelmeer ertrinken und an die Küsten von Urlaubsorten gespült werden.

 

Louay und Mohammad sind also Flüchtlinge . Auch wieder so ein Wort. Das ist im letzten Jahr meist immer im Zusammenhang mit Katastrophen-Begriffen genannt worden: „Flut“, „Sex-Attacken“ „Untergang“, „Chaos“, „Angst“. Und nun sitzen zwei im Wohnzimmer von Patrick Ginsbach. Patrick hat sie zum Essen eingeladen, zusammen mit seiner Freundin Isabelle Jost und Barbara Meyer-Gluche.

 

Louay erzählt, wie er nach Saarbrücken kam. Es ist die Blaupause einer Geschichte, die fast 2000 Menschen in Saarbrücken erzählen können. Denn so viele Flüchtlinge sind von September 2013 bis Mai dieses Jahres nach Saarbrücken gekommen. Viele sind auf langen Routen unterwegs gewesen, waren in Flüchtlingslagern, sind von Schleppern übers Meer gebracht worden und teils zu Fuß, teils mit Bussen und Bahn von Griechenland bis hierher gekommen. Und sie haben auf diesem Weg Dinge erlebt, die Menschen nicht erleben sollten, vor allem nicht Kinder wie der neunjährige Mohammad. Die Nähe von Mohammad zu seinem Bruder, diese permanente Daseinsvergewisserung durch den engen Körperkontakt ist wohl nicht nur einfach ein Ausdruck von Geschwisterliebe, wie der erste Eindruck vermuten lässt, sondern auch das Resultat von Angst und Erlebtem. Nachdem die Brüder ihre Geschichte erzählt haben, ist die Betroffenheit bei den Anwesenden auf dem Sofa angekommen.

 

Wer an diesem Abend in diesem Moment gegangen wäre, der hätte wohl dieses bedrückende Gefühl mitgenommen. Aber es kam anders. Und das haben die Anwesenden vor allem einem zu verdanken: der Laktose-Intoleranz. „Gibt es die in Syrien eigentlich auch“, fragt Patrick Ginsbach den leicht verdatterten Louay Takesh. Und schon prusten alle Anwesenden los. Von den Problemen eines Bürgerkriegslandes zu einem Erste-Welt-Übel. „Klar gibt es das bei uns auch“, versichert Louay. Denn über die eigenen Wehwehchen spreche man auch in Syrien bei Besuchen am liebsten. Von nun an wurde gelacht, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede gesprochen, über Politik und Fußball, über Religion und die Höhen und Tiefen des Alltags. Und zu Letzteren gehört auch die Deutsche Liebe zum Spargel . „Daran muss man sich wirklich gewöhnen“, sagt Louay.

 

Der Abend bei Patrick Ginsbach ist Teil einer Bewegung, die aus Schweden nach Deutschland schwappte. Sie heißt „Welcome-Dinner“. Einheimische laden Flüchtlinge zu sich zum Essen ein. Im Saarland wurde die Idee von Patrick Ginsbach, Barbara Meyer-Gluche und Michael Schmitt aufgegriffen und im Februar in die Tat umgesetzt. Rund 15 Mal haben Saarländer aufgrund der Welcome-Dinner-Initiative schon Flüchtlinge zu sich eingeladen. Patrick Ginsbach und Barbara Meyer-Gluche sind bei den Grünen aktiv. Beim Welcome-Dinner sollen sich Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen kennenlernen. „Ideal für uns Saarländer“, sagt Patrick Ginsbach. „Wir sitzen gern, wir essen gern und wir verstehen uns ohne große Worte. Unn? Das reicht uns doch sonst auch für einen gelungenen Abend“.

 

Für Barbara Meyer-Gluche ist das Welcome-Dinner deshalb so gut geeignet, weil es ein niederschwelliges Angebot ist, dass einen nicht weiter verpflichtet. Keine regelmäßige ehrenamtliche Arbeit zum Beispiel, sondern lediglich ein Abend in vertrauter Umgebung. Für Louay Takesh sind solche Abende wichtig: „Es ist doch ganz klar, dass ich als Flüchtling hier Freunde und Bekannte brauche, die ich ansprechen kann, wenn ich Hilfe brauche. Das ist doch bei jedem so, der in eine fremde Stadt oder in ein fremdes Land zieht.“ Die beiden Brüder sind mittlerweile selbst zu Unterstützern geworden. Louay spricht fast akzentfrei Deutsch und hilft bei Pädsak, der Gemeinwesenarbeit auf dem Wackenberg. Sein Bruder geht zur Schule. Und: Louay hat gerade erreicht, was sein größter Wunsch war: dass seine Schwestern und Eltern aus Aleppo nach Saarbrücken nachziehen können, ohne einen gefährlichen Weg nehmen zu müssen.

 

Nur die Sache mit dem Spargel könnte sich noch hinziehen. Den gab es zum Dinner. Ein Klischee musste ja bedient werden: nur eben bei den deutschen Gastgebern.

 

welcomedinnersaarland.wordpress.com

 

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