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Warum Menschen in Saarbrücken betteln

„Haben Sie vielleicht ein bisschen Kleingeld für mich?“ Wie oft Tim diese Frage am Tag stellt, kann er nicht mal schätzen. Mit einem leeren Kaffeebecher steht er vor den Treppenstufen, die zur Diskonto-Passage führen, und hofft, dass ein paar Euro zusammenkommen. Er ist höflich, wünscht stets einen guten Tag und bedankt sich auch bei jenen, die nichts in seinen Becher werfen. Tim zählt nicht zu den sogenannten „Demutsbettlern“, die organisiert sind und ihr Geld an Hintermänner abdrücken müssen (wir berichteten). Er ist 28, kommt aus Saarbrücken, sieht gepflegt aus, trägt saubere Kleidung und entspricht gängigen Klischees über Bettler überhaupt nicht. Seit zwei Wochen steht er wieder mit seinem Becher auf der Straße. „Ich war früher drogenabhängig. So richtig. Hing an der Nadel und habe auf der Straße gelebt. Damals habe ich auch schon geschnorrt“, erzählt er. Nach erfolgreicher Therapie habe er dann über eine Zeitarbeitsfirma Arbeit gefunden. Die Zeiten, in denen er betteln musste, schienen vorüber, zumal „ich ein Jahr bei derselben Firma arbeiten konnte und man mir sogar Hoffnung auf eine Festeinstellung gemacht hat“. Aus der Einstellung sei nichts geworden, sagt Tim, und weil er aus seiner Drogenzeit noch Schulden habe, komme er mit Hartz-IV nicht über die Runden. Dass er mit seiner weißen Daunenweste nicht den Eindruck vermittelt, als sei er auf Spenden von Passanten angewiesen, ist ihm bewusst. „Früher, als ich noch so richtig abgefuckt ausgesehen hab’, kam mehr Geld zusammen. Aber ich bin ja froh, dass ich nicht mehr so rumlaufe“, sagt er.

Tim ist kein Einzelfall, und mit Beginn der kalten Jahreszeit wächst die Zahl derer, die auf der Straße betteln. Und zwar legal. „Betteln ist generell nicht verboten. Nur gewisse Erscheinungsformen, wie gezielt körpernahes Betteln, sind untersagt“, erklärt Jürgen Wohlfahrt, Rechts- und Ordnungsdezernent der Stadt Saarbrücken. Zwar gebe es keine Zahlen darüber, wie viele Bettler sich in Saarbrücken im Schnitt aufhalten, aber „zum Problem wird es dann, wenn die Charakteristik einer Stadt durch die Bettler Schaden nimmt. Das ist bei uns nicht der Fall“, sagt Wohlfahrt.

Violaine sitzt fast jeden Tag an der selben Stelle. Die 48-Jährige hält sicher immer in der Nähe des Bahnhofs auf. „Hier ist direkt die Polizei. Und seit ich mal ausgeraubt wurde, fühle ich mich so sicherer“, sagt sie. Vor elf Jahren habe ihre Misere angefangen. Private Probleme, Schicksalsschläge, Krankheit. Eine Spirale abwärts, die vor zwei Jahren zum Leben auf der Straße führte. Natürlich hoffe sie, dass sich das bald wieder ändere, aber bis dahin sei sie aufs Betteln angewiesen. Mit Passanten habe sie eher positive als negative Erfahrungen gemacht – „manche geben jeden Tag etwas“ –, und auch zu Ladenbesitzern habe sie ein gutes Verhältnis. „Die grüßen und lachen mit mir. Ich tue ja auch keinem was.“

Diese Erfahrung hat auch der Saarbrücker Rosario gemacht, der ebenfalls obdachlos ist und mit Rucksack und Pappbecher häufig am St. Johanner Markt sitzt. „Es kommt eben darauf an, wie man sich selbst verhält. Wer etwas geben will, gibt was, wer nicht, nicht. So einfach ist das“, sagt er.
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