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Warum Stefanie B. (26) aus der Kirche austrat

Von SZ-Redakteur Johannes Kloth

Saarbrücken. An den Tag, an dem sie dachte „Das Maß ist voll“ erinnert sie sich gut. Es war der 6. Februar dieses Jahres, ein Samstag. Stefanie Becker (Name geändert) schaltet die Tagesschau ein. Und blickt in das Gesicht von Sprecherin Ellen Arnhold: „Der Skandal um Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche weitet sich aus“, sagt Arnhold mit ernster Stimme. „Wegen sexueller Übergriffe am Berliner Canisius-Kolleg haben sich bislang 30 ehemalige Schüler gemeldet.“

Becker ist empört. Die 26-Jährige denkt an ihre Zeit als Messdienerin, daran, wie viel Freude sie anfangs empfand. Sie überlegt, wann sie das erste Mal das Gefühl beschlich, als Frau in der katholischen Kirche nichts zu sagen zu haben. Es ist lange her. Und jetzt dieser Skandal. Es reicht. Becker überlegt zwei Nächte, am folgenden Montag geht sie zum Saarbrücker Standesamt und lässt sich ein Formular reichen: „Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit erkläre ich meinen Austritt aus der katholischen Kirche“. Becker unterschreibt, zahlt 30 Euro und geht nach Hause.

Stefanie Becker ist eine von 576 Saarbrückern, die in diesem Jahr bis Ende November aus der katholischen Kirche austraten. Insgesamt meldet die Diözese Trier 7029 Austritte, 2800 von ihnen in dem zum Bistum gehörenden Teil des Saarlandes. Im Vergleich zu den 4583 Austritten im Vorjahr hat sich die Zahl damit um mehr als 50 Prozent erhöht. Wenig besser sieht es im Bistum Speyer aus, zu dem Teile des östlichen Saarlands zählen: Im Jahr 2009 registrierte man hier 3800 Austritte, dieses Jahr waren es bis November bereits 4300. Die höchsten Austrittszahlen registrierten die Bistümer in den Monaten März, April und Mai – die Zeit also, in der die Kirche fast täglich wegen des Missbrauchsskandals in den Schlagzeilen stand.

Als „erschreckend“ bezeichnete der Kommunikations-Chef des Bistums Trier, Stephan Wahl, gestern gegenüber unserer Zeitung das Ausmaß an Kirchenaustritten. Die Vertrauenskrise fordere eine „harte aber faire und vor allem optimistische Selbstkritik“, sagte er. Als gutes Zeichen wertete Wahl das Wirken des Trierer Bischofs Stephan Ackermann als Missbrauchsbeauftragtem der Deutschen Bischofskonferenz. Ackermann habe die schwierige Aufgabe übernommen für Aufklärung zu sorgen. Das helfe, verlorenes Vertrauen wieder zu gewinnen.


Kritischer äußert sich der Sprecher der Bewegung „Wir sind Kirche“, Christian Weisner. Zwar erkenne er an, dass Ackermann sich Mühe gebe. Doch die Vertuschung sei noch lange nicht am Ende und Aufklärung im Sinne der Übernahme einer Gesamtverantwortung nicht spürbar genug. Die neue Telefonhotline für Missbrauchsopfer, über die bislang 432 Sexualdelikte von Priestern und Ordensleuten benannt wurden, biete eher Vermittlung als gute Beratung, Ackermanns angekündigter Gesamtbericht über die Situation in allen deutschen Diözesen lasse auf sich warten, und die im Sommer von Ackermann präsentierten verschärften bischöflichen Leitlinien zum Umgang mit Missbrauchsfällen zeigten, dass statt eines konzertierten Vorgehens nach wie vor alle Bistümer einzeln Regeln aufstellten. Nicht einmal auf einen gemeinsamen Brief an die Gemeinden hätten sich die Bischöfe einigen können, kritisiert Weisner. Er fürchtet, dass sich viele aus der katholischen Kirche Ausgetretenen für immer abgewandt haben: „Wenn eine Firma einen Giftskandal hatte, ist es schwer, Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen.“

Wie schwierig, macht das Beispiel der Saarbrückerin Stefanie Becker deutlich. Niemand aus der katholischen Kirche habe sich für ihre Austrittsgründe interessiert, sagt sie. Der einzige Pfarrer, der mit ihr das Gespräch suchte, gehört zur evangelischen Kirche. In die ist sie nun eingetreten.

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