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Was ein Alltagsforscher über die saarländische Weihnacht weiß

Eine Frau zündet an einem Weihnachtsbaum eine Kerze an.

Eine Frau zündet an einem Weihnachtsbaum eine Kerze an.

Dämmerstunde, rausfahren in den Bliesgau. Und „all überall“ auf den Häuserspitzen sieht man „goldene Lichtlein sitzen“? Man mutmaßt, Theodor Storms „Knecht Rupprecht“-Gedicht wäre eine passende Begleitung; auf den Dörfern erwartet man besonders viel Advents-Romantik. Doch überraschenderweise nimmt der Illuminations-Glanz von Saarbrücken bis nach Gersheim ab. Auch das Museum für Aberglauben und dörfliche Alltagskultur empfängt ohne Blinklicht-Gewitter. Das ehemalige Bauernhaus und spätere Gasthaus an der Rubenheimer Hauptstraße wird von der Familie Altenkirch nicht nur als Museum, sondern auch als Mehrgenerationenhaus genutzt. Das restauratorische Prachtstück hat über 250 Jahre auf dem Buckel.

Beim Betreten sieht man einige wenige Mistelzweige, ein Adventskranz leuchtet, nur im Flur wartet eine große Parade historischer Nussknacker aus dem Erzgebirge. Schnitzereien wie diese fanden von Thüringen und Sachsen aus in die Region. Dort waren viele Saarländer in der NS-Zeit evakuiert, aus Dankbarkeit schickte man später in der Weihnachtszeit Zutaten für Stollen in die DDR – und bekam den Kuchen mit Weihnachtsdekor zurück. Museums- und Hausherr Gunter Altenkirch (75) stammt selbst aus Radebeul, kam als Kind nach Beckingen. Bis 1961 lebte er dort und hörte, von Mund zu Mund weitergegeben, was ihn als Erwachsener nie mehr loslassen sollte: Märchen und Schilderungen über Sitten, Riten, Aberglauben. Später hat der Ingenieur Altenkirch in seiner Freizeit dann Hunderte von Zeitzeugeninterviews geführt und verschriftet; es entstand ein einzigartiger Volkskunde-Schatz.

Wenn einer weiß, was im Saarland saarländisch ist an Weihnachten , dann er. Zuerst bestätigt Altenkirch den Eindruck, dass es im Bliesgau weniger glitzert als in den Städten. Eine Mentalitätsfrage: „Die Dörfler sind seit jeher mit allem konservativer und zurückhaltender.“ Also blieben sie auch Ende des 19. Jahrhunderts skeptisch gegenüber dem Konsum- und Lichter-Rausch, der aus dem großbürgerlichen Milieu der Industrie- und Ballungsräume in ärmere Wohnstuben schwappte. Aber vielleicht war früher, zumindest im übertragenen Sinn, doch „mehr Lametta“, frei nach Opa Hoppenstedt aus Loriots legendärem Fernseh-Sketch? Wie steht es mit typisch saarländischen Bräuchen rund um die Festtage? Fehlanzeige. „Weitgehend ähneln die Weihnachtsbräuche denen in den Nachbarregionen“, sagt Altenkirch. Doch einiges Wenige lässt sich dann doch als „Saar-Kult“ fest machen: Früher war mehr Ruhe, mehr Krippe und mehr Glöckchen. Wie das?

Die „stille“ Zeit hängt mit den heidnischen Vorstellungen über die Raunächte „zwischen den Jahren“ zusammen (25. Dezember bis 6. Januar), in denen die Geister angeblich Ausgang hatten. Zum Abwehrzauber zählte auch das Arbeitsverbot. Schmiede sollten durch Lärm die Geister nicht reizen, Frauen durften nicht spinnen, weil ihr Rad die Sonne verächtlich gemacht hätte, die sich in diesen Tagen nicht zeigte. „Weil die Bauern alle Arbeiten vor den Raunächten abschließen mussten, ergab sich bis zur Heiligen Nacht eine ziemliche Hektik“, berichtet Altenkirch und verweist auf einen anschaulichen Bericht einer Frau aus Nonnweiler über das, was man sich in ihrer Familie über Weihnachten der Urgroßeltern erzählte (um 1860): „Und dann brach regelrecht die Ruhe herein. Jeder ging auf seine Kammer. Man hat sich dann zurecht gemacht. (…) Dann kamen nach und nach alle in die Küche. Die einzelnen Familienmitglieder, Leute aus der Nachbarschaft, vor allem welche, die arm waren und die dem Urgroßvater im laufenden Jahr immer wieder bei der Arbeit geholfen haben (Anm: Taglöhner). Dann die beiden Knechte und die Magd. (...). Auf dem Tisch stand eine große irdene Schüssel. Da waren Nüsse, Äpfel und Dörrquetschen drin. (…) Der Urgroßvater schnitt von einer fetten harten Räucherwurst ein paar Stückchen ab. Dann gab es einen Schnaps. Die Flasche ging rum. Und es ging auch der Viezkrug rum. Schnaps und Viez lösten die Zungen nach und nach. Es wurde geschwatzt bis in die Nacht. Dann das Glöckchen und es ging in die Mitternachtsmette.“

Altenkirch schildert die Weihnachtstage und die Raunächte bis in die Nachkriegszeit als eine Phase intensiver Gemeinschaft. In den Raunächten erfolgte die Weitergabe des Volksgutes: „Man saß zusammen und hat gemait.“ Märchen wurden erzählt – Kopfkino, die Dunkelheit steigerte die Magie. Zumal es auf den Dörfern stockfinster war, es gab keine Straßenbeleuchtung. „Man hatte eine ungeheure Sehnsucht nach Licht“, sagt Altenkirch. Bereits in gallorömischer Zeit (5. Jhd.) fieberte man den länger werdenden Tagen entgegen. „Der alte Lichtwunsch war riesig, es hat sich alles aufgestaut. Man wartete an Weihnachten nicht auf's Christkind , sondern aufs Licht.“ Archaisches Sehnen demnach.

Weihnachtsbaum und Geschenke, die über ein gutes Mahl hinaus gingen, wurden erst sehr spät Usus. Die Tannenbäume kamen nach 1870 über die Preußen in die Region, über den Umweg des Deutsch-Französischen Krieges. „Die Preußen erlebten, dass es mit der Moral der Truppe hier zu Lande nicht so gut lief und schickten Tannenbäume in die Dörfer und an die Front.“ Kurios bis zynisch: Das „grüne“ Symbol der Wiedergeburt diente hier zu Lande als martialische Gesinnungsstärkung. Baum-Halter und Schmuck fertigte man selbst, in der heimisch-heimlichen Bastelstube der Bergleute und Hüttenarbeiter. Es waren Trophäen der Sackarbeit, aus „eingesackten“ Materialien im Berufsumfeld: Blech, Zink, Eisen, Glas. „Glöckchen waren als Motiv besonders beliebt, die Köpfe waren schnell gehämmert oder geblasen“, so Altenkirch.

Ganz anders verhielt es sich mit den Krippen. Je länger, desto lieber wurde daran geschraubt, gebaut, technisch gefeilt, nicht selten Jahrzehnte lang. Zwei auf drei Meter groß waren sie mitunter, Zimmer wurden für sie leer geräumt, dort standen dann morgenländische Fantasie-Landschaften. Die Riesen-Krippen entfachten Männer-Ehrgeiz, wurden zur Dorfsensation. „Diese großen Krippen sind wohl wirklich etwas ganz Einzigartiges, das es nur im Saarland gab“, sagt Altenkirch. Er selbst hat es in Beckingen noch erlebt: Man begann am ersten Advent mit dem Aufbau, und die Männer fragten sich untereinander: „Hanna die Kripp schon uffgebaut? Ich bring dann die Buwe mit.“ Spätestens am 6. Januar wurde das Krippen-Getüm dann wieder in Kisten verpackt und auf den Speicher gebracht. Nachdem in den Familien das Wissen verloren ging, wie sie zusammenzubosseln sind, wanderten sie in den Sperrmüll. Keine einzige sei mehr erhalten, sagt Altenkirch. „Ich suche seit Jahren nach einem Exemplar.“ – Vielleicht bringt das Christkind heute eine vorbei. Für Altenkirch käme ein Stück Kindheit zurück, für das Saarland ein Kulturgut.

 
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