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„Was soll ich zu Hause? Da fällt mir die Decke auf den Kopf.“

Hinter diesem Gitter ist der Hof mit Toilettenhäuschen und Bänken an der Ecke Johannis-/Richard-Wagner-Straße, in den die Stadtverwaltung die Drogenkranken, die sich bisher an der Johanneskirche treffen, »umgesiedelt« hat.

Hinter diesem Gitter ist der Hof mit Toilettenhäuschen und Bänken an der Ecke Johannis-/Richard-Wagner-Straße, in den die Stadtverwaltung die Drogenkranken, die sich bisher an der Johanneskirche treffen, »umgesiedelt« hat.

Drogen und Alkohol: Diese Suchtmittel prägen das Leben der meisten Menschen, für die Ende August ein neuer Platz an der Ecke Richard-Wagner- Straße und Johannisstraße eröffnet wurde. Bislang hielt sich die gesamte Gruppe über Tag an der Saarbahnhaltestelle vor der Johanneskirche auf. Der Stadt ist das ein Dorn im Auge – so mitten im Zentrum. „Die Leute haben sich vorne oft beschwert über den Müll und die Lautstärke. Das ist auch schon verständlich“, sagt Simone, die zu der Szene gehört. Sie geht gerne auf den neuen Platz am Rande des Nauwieser Viertels.

Simone ist nicht die Einzige, die sich mittlerweile regelmäßig auf dem kürzlich eröffneten Platz aufhält. „Er wird ganz gut angenommen. Ich schätze, im Schnitt kommen derzeit 20 Leute“, sagt Oliver Bungert, Sozialarbeiter der Arbeiterwohlfahrt (Awo), die montags dort mit ihrem SOS-Mobil Essen ausgeben. Daher sei am Montag auch am meisten los, sagt Simone.

Dass nicht die gesamte Gruppe den Standort wechselt, war klar – und auch gar nicht das Ziel, meint Wolfgang Edlinger. Er sitzt im Vorstand der Wärmestube, kennt die Szene. Vorrangig ginge es darum, eine Alternative anzubieten, um die Gruppe zu trennen. „Diese Gruppe an der Johanneskirche besteht etwa aus 80 Leuten, von denen je nach Witterung 30 bis 40 täglich vor Ort sind“, sagt Edlinger. Da käme es naturgemäß öfter zu Spannungen untereinander. Dem sollte durch den neuen Platz entgegengewirkt werden. Guido Freidinger, Leiter des Sozialamts, sieht hier bereits eine gute Entwicklung: „Eine Entspannung ist schon spürbar.“

Iris Lorentz begrüßt zwar eine Alternative, doch aufgrund der räumlichen Eingrenzung hält sie den neuen Platz für suboptimal. „Hier sind alle so zusammengepfercht und sitzen aufeinander. Ein größerer Park wäre besser gewesen“, sagt Lorentz, die seit elf Jahren Teil der Szene ist. An der Johanneskirche sei dagegen alles offen und man könne sich besser verteilen, wenn es mal Stress gibt. Lorentz ist im Subutex-Programm, einer Substitutionsbehandlung für Drogenabhängige.

„Ich nehme schon lange nichts mehr, trinke keinen Alkohol und rauche auch nicht“, sagt sie – und trotzdem hält sich Lorentz über Tag auf der Straße auf. Sie steht mit ihrem Rollator in der Holzhütte auf dem neuen Platz. Um sie herum trinken einige Bier. Es sind ihre Freunde. „Mit ein paar habe ich früher zusammengearbeitet“, erklärt sie und blickt in die Runde.

Früher. Das war bis vor drei Jahren. Dann musste die 47-Jährige ihren Bürojob aufgeben. Sie hat eine Erbkrankheit, kann nicht mehr gut laufen. „Länger als eine Stunde darf ich nicht mehr arbeiten“, sagt sie. Früher, das war auch die Zeit ihrer Drogenabhängigkeit. Die ist Vergangenheit.

Doch in der Szene ist sie immer noch: „Was soll ich zu Hause? Da fällt mir die Decke auf den Kopf.“ Lorentz sucht wie die anderen auch Gesellschaft. Ob das jetzt an der Johanneskirche ist, oder auf dem neuen Platz, ist im Prinzip egal. Über Tag nicht alleine sein, Freunde treffen. Darum geht es ihr, bevor sie abends wieder den Gang nach Hause antreten. Ein zu Hause haben so gut wie alle aus der Szene – oder zumindest ein Dach über dem Kopf. Dafür sorgt das deutsche Sozialsystem.

„Es gibt an sich bei uns keine Obdachlosen. Jeder, der auf der Straße schläft, will das so“, betont Sozialamtsleiter Freidinger. Auch die medizinische Grundversorgung sei durch das Diakonische Werk gesichert, ergänzt Wolfgang Edlinger von der Wärmestube. Die ist eine der vielen Einrichtungen, die sich um diese Menschen kümmert. Dazu zählen auch die Awo, das Diakonische Werk, das Sozialamt, die Caritas und die Substitutions-Ärzte. Vor allem Letztere müssten laut Freidinger noch stärker in die Betreuung eingebunden werden. Schließlich sind etwa 25 Prozent der Betroffenen in der Substitutionsbehandlung, wie Sozialarbeiter Oliver Bungert erklärt. Er schätzt, dass insgesamt „etwa 90 Prozent von irgendetwas abhängig sind“.

Und diese Szene ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. „Die Armut wird immer größer. Es gibt zu wenige Mechanismen, die einem Menschen helfen, um eine Krise zu meistern“, sagt Edlinger. Guido Freidinger stimmt seinem Kollegen zu: „Die sozialen Verwerfungen haben zugenommen. Gerade Saarbrücken ist ein Brennpunkt mit einer großen Anzahl von Sozialhilfe-Empfängern und hoher Armutsquote.“ Die Menschen an dem Treffpunkt sind unten angekommen. Ein Teufelskreis, der schwer zu durchbrechen ist. „Im ersten halben Jahr liegen die Chancen auf einen Ausstieg noch bei 30 bis 40 Prozent. Später vielleicht noch bei fünf bis zehn Prozent“, sagt Freidinger. Und je länger es dauert, desto geringer ist auch die Lebenserwartung. „Wir haben im Jahr etwa acht bis 15 Todesfälle“, erklärt Edlinger.

Ganz wichtig für den Ausstieg ist eine Beschäftigung. Hier zeigte sich Sozialamtsleiter Freidinger sehr erfreut, dass zusammen mit dem Zentrum für Bildung und Beruf Saar (ZBB) vor Kurzem fünf neue Beschäftigungen im niedrigschwelligen Bereich für Leute der Szene geschaffen wurden. Darunter fallen beispielsweise Reinigungsarbeiten von öffentlichen Plätzen. Diese Gruppe hat auch den neuen Platz mitgestaltet. „Sie arbeiten von einer Stunde bis zu sechs Stunden am Tag“, erläutert Freidinger. Denn länger geht es aufgrund der Gebrechen und dem körperlichen Gesundheitszustand meist nicht. „Diese Menschen in den ersten Arbeitsmarkt zurückzuführen, ist so gut wie unmöglich. Darauf weisen wir immer wieder hin“, ergänzt Edlinger.

Der erste Arbeitsmarkt ist auch für Simone und Iris Lorentz Vergangenheit. „Ich würde gerne wieder arbeiten, aber ich kann nun mal nicht länger als eine Stunde“, sagt Lorentz. Also gehen beide jeden Tag auf die Straße. Und suchen etwas Gesellschaft.

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