A8 Luxemburg - Saarlouis AS Perl in beiden Richtungen Anschlussstelle gesperrt, Baustelle bis 20.11.2017 06:00 Uhr (09.10.2017, 05:53)

A8

Priorität: Sehr dringend

3°C
Saarbrücken
weather-Saarbrücken
3°C
Saarbrücken
weather-Saarbrücken

Was von uns übrig bleibt: Im Saarbrücker Krematorium ist der Tod täglich präsent

Was von weit über 70 Lebensjahren bleibt, ist ein staubiges, grau-gelbliches Konglomerat aus einigen zersplitterte Knochenresten und Mineralasche, das den Boden des 60 auf 30 Zentimeter großen silbernen Kasten bedeckt. Etwas Kugeliges ragt wie ein Fremdkörper aus der Masse heraus: das Teil eines künstlichen Gelenkes. Auch ein dunkles rundes Etwas in dem Kasten, der so genannten „Aschenmulde“, passt nicht so richtig ins Bild. Und doch ist es von großer Wichtigkeit. Schließlich dient dieser Schamottstein, größer und dicker als eine Münze, als ein Beweis. Dafür nämlich, dass es sich bei der Asche auch wirklich um die sterblichen Überreste eines ganz bestimmten Menschen handelte.

Gerade hat der Mitarbeiter des Saarbrücker Krematoriums den Kasten aus dem Ofen genommen und auf einen Arbeitstisch gestellt – einen hell erleuchteten Arbeitstisch, der mit Unterdruck arbeitet, „wegen der Schadstoffe“, wie es heißt. Hier sortiert er mit Handschuhen an den Händen das Teil des künstlichen Gelenkes aus, legt den Schamottstein beiseite – und befördert dann den restlichen Inhalt des Kastens in das Zerkleinerungswerk hinter sich. Hier werden die Knochenreste gemahlen und automatisch in eine Urnenkapsel gelenkt. In dieses schwarze Gefäß aus abbaubarem Feinblech legt der Mitarbeiter wieder den Schamottstein, verschließt ihn mit einem silbernen Deckel. Auf diesem sind nochmals alle Daten dieser Einäscherung nachzulesen: die Nummer der Feuerbestattung im Saarbrücker Krematorium, der Name, das Geburts- und Todesdatum des Gestorbenen und der Tag seiner Einäscherung. Die Kapsel ist bereit, um vom Bestatter abgeholt und in eine von den Angehörigen bestimmte Schmuckurne eingesetzt zu werden – oder auch, um verschickt zu werden. Als Wertpakete, verpackt in spezielle Kartonagen, gehen viele dieser Aschekapseln auf ihre Reise um die Welt.

Monatliche Führungen für Interessierte

Gerade diese Phase der Einäscherung ist es, die bei Gästen des Krematoriums auf großes Interesse stößt, erklärt Karl-Heinz Schuh, der Leiter des Saarbrücker Krematoriums. Schon vielen Interessierten hat er in den über 30 Jahren, in denen er hier arbeitet, die Abläufe geschildert. Im diesem Jahr, dem Jahr des 80-jährigen Bestehens des Krematoriums auf dem Saarbrücker Hauptfriedhof, gibt er sein Wissen auch regelmäßig bei monatliche Führungen weiter. Schuh sagt: „Großes Interesse besteht immer bei den Fragen: Ist auch wirklich meine Asche in der Urne? Wie läuft das alles ab?“ Nach einer Führung gebe es stets „viele positive Bewertungen“, sagt er.

Das Verbrennen ist natürlich der einprägsamste Teil des Prozesses. Aber längst nicht der einzige. Alles beginnt damit, dass der Bestatter einen Toten zum Krematorium bringt. Und damit dies auch zu jeder Tages- und Nachtzeit möglich ist, bietet das Krematorium einen 24-Stunden-Anliefer-Service. Ein kleiner Apparat am Eingang identifiziert den Fingerabdruck des Ankommenden. „Wir waren meines Wissens nach deutschlandweit die ersten, die mit dieser Technik ausgestattet wurden“, erläutert Schuhs Vorgesetzter, Uwe Kunzler, Werkleiter des städtischen Friedhofs- und Bestattungsbetriebes. Der Weg des Sarges führt dann durch einen langen, gefliesten Gang, an dessen Ende ein Kühlraum zu finden ist. Sieben Grad kalt ist es hier, je nach Zeitpunkt lagern hier 15 bis 40 Särge. Kiefer- und Tannenholzmodelle, entweder ganz schlicht oder auch noch lasiert und gebeizt. Letztere, erläutert Krematoriumsleiter Schuh, werden vor allem dann verwendet, wenn die Särge noch bei einer Trauerfeier zu sehen sind. Über einen Aufzug ist der Kühlraum mit der Trauerhalle verbunden.

Sarglager, Verabschiedungsraum und Wasserleichenraum

Die Trauerhalle ist nur einer von vielen weiteren Räumen im Krematorium, die wichtig sind. Da gibt es zum Beispiel neben den Arbeitsplätzen für die insgesamt vier Mitarbeiter auch ein Sarglager – hier können Bestatter auch Särge kaufen beziehungsweise Umbettungen vornehmen. In anderen Räumen ist die Technik zu finden, wieder an anderer Stelle lagern wichtige Utensilien wie beispielsweise die Kartonagen und verschiedene Werkzeuge. Und das Krematorium bietet auf seinen verschiedenen Etagen noch viel mehr verschiedene Örtlichkeiten: unter anderem einen Verabschiedungsraum, eine Aussegnungshalle, Kühlzellen für Särge, einen Sektionsraum oder auch noch zwei weitere Räume, die das kommunale Krematorium vorhalten muss. Dabei handelt es sich einerseits um einen so genannten „Fundleichenraum“ – hier lagern jene Menschen, die eines unbestimmten Todes starben. Andererseits gibt es auch einen „Wasserleichenraum“: Auf einen Sektionstisch werden hier aufgefundene Wasserleichen permanent mit Wasser beträufelt, um sie, der Ermittlungen wegen, möglichst so zu bewahren, wie sie gefunden wurden.

Hygiene gehört zu den obersten Prinzipien

Und dann gibt es da noch den größten, mehrstöckigen, hellen Raum – den, in dem vor dem gefliesten Boden die beiden orangefarbenen Öfen stehen, umgeben von einigen künstlichen Pflanzen in den Ecken. Ein Raum, ebenso wie die anderen Orte im Krematorium, der nichts von einem „Vorhof zur Hölle“ hat, so wie sich manche Besucher diesen Ort zuvor vorstellten. Vielmehr strahlt er eher sterile Nüchternheit aus, gehört Hygiene im Krematorium doch zu den obersten Prinzipien. Auch nach eventuell auftauchenden strengen Gerüchen sucht die Nase vergebens.

Sarg entzündet sich selbst

Werkleiter Kunzler zeigt auf die zwei Kameras an den Decken: „Sie können die Einfahrten in beide Öfen aufnehmen, dies wird dann in den Trauerraum per Video übertragen.“ Und gerade ist es wieder so weit – eine von etwa zwölf bis 18 Verbrennungen pro Tag steht unmittelbar bevor. Auf einem Wagen wird der Sarg vor eine der beiden Schienen gebracht. „Aus sicherheitstechnischen Gründen wurden zuvor die Füße abgemontiert“, erläutert Kunzler, „weil die Maschine aus dem Boden herauskommt.“ Zwei Mitarbeiter befestigen nun einen speziellen Greifer an dem Sarg und heben ihn just in die Mitte der Schiene. Diese fährt, nachdem ein Mitarbeiter dies am Schaltpult in die Wege geleitet hat, langsam hoch und bewegt sich dann in Richtung Ofen. Kurz zuvor öffnet sich die Ofentür, ein rötlicher Schein ist zu sehen. „Der Sarg entzündet sich jetzt selbst“, erklärt Uwe Kunzler.

Und während die Klappe schließt, berichtet er, was im Verborgenen passiert: „Der Verbrennungsvorgang geschieht in drei Stufen. In der Hauptverbrennungszone sind Temperaturen von 750 bis 1000 Grad, in der Nachverbrennungs- oder Mineralisierungszone herrschen mindestens 850 bis 1300 Grad und in der Auskühlzone ist es bis zu 800 Grad heiß.“ Etwa drei Stunden, nachdem der Sarg eingefahren sei, könne man die Asche entnehmen. Krematoriumsleiter Schuh erläutert: „Je nach Größe und Statur des Toten können dies zwischen 100 Gramm und fünf Kilo Asche sein.“ Durchschnittlich blieben nach dem Verbrennungsprozess – einem Mineralisierungsvorgang – sterbliche Überreste mit einem Gewicht von etwa zwei Kilogramm übrig. Der Sarg selber verbrenne zu 97 Prozent als Flugasche.

Amtsarzt untersucht Leiche

Innerhalb von drei Arbeitstagen, informieren die Experten, kann eine Einäscherung erfolgen. Vorausgesetzt, die erforderlichen Papiere sind alle da. Und zu den Dingen, die unbedingt vor der Verbrennung getan und dokumentiert werden müssen, gehört auch auf jeden Fall eine zweite Leichenschau – ein Amtsarzt muss feststellen, ob der Mensch in dem Sarg tatsächlich eines natürlichen Todes starb – „denn wenn er hinter der Ofentür ist, lässt sich dies nicht mehr nachprüfen.“ Und außerdem, so Uwe Kunzler, „muss die gesetzliche Frist für Feuerbestattungen eingehalten werden: Frühestens 48 Stunden nach der Todesfeststellung darf eingeäschert werden.“

Soweit die festgelegten Abläufe – aber wie es ist mit dem, was man nicht so gut kontrollieren kann – dem seltsamen Gefühl, täglich mit dem Tod konfrontiert zu sein? Krematoriumsleiter Schuh wirkt nachdenklich: „Der Tod ist hier täglich präsent. Er ist kein Tabuthema.“ Und er sagt: „Wenn man auch noch nicht in der Wiege liegt, so ist doch klar, man muss sterben.“

"Jeden so behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte"

Zahlreiche Familienmitglieder habe er schon eingeäschert, dazu kämen „zwei bis drei Bekannte oder Freunde pro Woche.“ Das sei nicht einfach, sagt er mit trauriger Stimme, aber „das gehört eben zu mir“. Dabei helfe ihm sein Leitspruch, dass er nämlich in jedem Negativen auch das Positive sehe: „Ich sage mir dann, dem Verstorbenen wurde unter Umständen viel Leid erspart.“

Und dass alle in seinem „ausgesuchten“ Team jeden Verstorbenen den höchsten Respekt entgegenbrächten, verstehe sich von selbst: „Jeden sollte man so behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.“

Hintergrund Zum 80-jährigen Jubiläum des Krematoriums auf dem Hauptfriedhof lädt der Friedhofs- und Bestattungsbetrieb Interessierte zu jeweils zweistündigen Führungen durch die Anlage ein. Sie finden jeweils am letzten Freitag des Monates statt. Krematoriumsleiter Karl-Heinz Schuh leitet die Führungen. Weitere Informationen erteilt Krematoriumsleiter Karl-Heinz Schuh unter Tel. (06 81) 9 26 45 15.
Hat dir dieser Artikel gefallen?
Ja Nein