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Weltalphabetisierungstag: Im Saarland gibts 51 000 Analphabeten

Saarbrücken. Man muss schon genau wissen, wo man zu suchen hat, sonst findet man die Arbeitsstelle Alphabetisierung der Saarbrücker Volkshochschule nicht so leicht. Nur ein unscheinbares Schild in der Bahnhofstraße 47-49 unter vielen weist darauf hin, dass man in diesem Haus Lesen und Schreiben lernen kann. „Den Ort haben wir bewusst gewählt“, erklärt Leiterin Mechtild Müller-Benecke. „Wir wollten einen diskreten Raum anbieten, wo sich die Teilnehmer unserer Kurse geschützt fühlen. Man outet sich ja nicht so gern als Analphabet. Kurse in einem Schulgebäude würden zudem nur schlechte Erinnerungen an das frühere Scheitern wecken“, sagt Müller-Benecke.

 „Es ist nicht so, dass diese Menschen gar keine Kenntnisse hätten“

Seit rund 30 Jahren betreut die Diplom-Pädagogin Erwachsene, die nicht richtig lesen und schreiben können, so genannte funktionale Analphabeten. Damit bezeichnet man erwachsene Menschen, die trotz Schulbesuchs nicht über ausreichende Lese- und Schreibkenntnisse verfügen. „Es ist nicht so, dass diese Menschen gar keine Kenntnisse hätten“, sagt Müller-Benecke. „Viele können etwas lesen, kleinere Wörter erkennen, andererseits aber keinen Text im Zusammenhang verstehen oder einen Brief schreiben.“

Zu unterscheiden sind davon „primäre“ oder „totale“ Analphabeten, die nie Gelegenheit zum Schulbesuch hatten und darum nicht lesen und schreiben können. Genau das lernen die Kursteilnehmer aber in den Alphabetisierungskursen, die die Volkshochschule Saarbrücken anbietet. Sechs dieser Kurse mit jeweils sechs bis sieben Teilnehmern gibt es derzeit. Die Kosten betragen 50 Euro pro Halbjahr. Viele Teilnehmer bleiben zwei bis drei Jahre, manche länger. Und manch einem gelingt es danach, mit Hilfe der Arbeitsagentur wieder einen Job zu finden.

Rund 51 000  Analphabeten  im Saarland

Wie viele Analphabeten es im Saarland gibt, kann man nur schätzen. Rund 51 000 dürften es nach Angaben von Müller-Benecke zurzeit sein, in Saarbrücken selbst etwa 8000. Dazu kommt eine unbekannte Zahl von Migranten, die in ihrer Heimat nicht lesen und schreiben gelernt haben. Aber auch für diese Gruppe gibt es bei der VHS ein Angebot, die so genannten Integrationskurse. Gefördert wird dieses Programm vom Bundesamt für Migration, das auch die Kosten übernimmt. Allerdings sei diese Gruppe „schwer erreichbar“, sagt VHS-Leiter Wilfried Schmidt. „Es fällt eben oft sehr spät auf, dass diese Menschen Analphabeten sind, etwa wenn sie ihren Job verlieren und zur Arbeitsagentur müssen.“

Notlügen des Alltags

Bis dahin lavieren sich die Betroffenen durch. Lassen Freunde und Familienangehörige für sie lesen und schreiben. Um den Alltag zu bestehen, muss dann auch immer mal wieder eine Notlüge her: „Ich habe mich an der Hand verletzt – könnten Sie das für mich ausfüllen?“ Oder: „Ich habe meine Brille nicht dabei – könnten Sie mir das vorlesen?“

Drohende Arbeitslosigkeit ist ein Grund für den Besuch eines Alphabetisierungskurses. Oder aber, wenn ein Kind unterwegs ist. „Viele Analphabeten denken sich dann, wie sie reagieren sollen, wenn das Kind sie etwas fragt“, sagt Müller-Benecke. Oder die Erwachsenen etwas vorlesen sollen.

In der Kindheit entscheidet sich, wer lesen und schreiben lernt

Überhaupt: In der Kindheit entscheidet sich, wer lesen und schreiben lernt. Da gibt es in vielen Familien Defizite – in deutschen Familien wie in Migrantenfamilien. Darum hat man im Saarland mehrere Förderprogramme aufgelegt. „Früh Deutsch lernen“ ist eines davon, wie das saarländische Bildungsministerium mitteilte. Das Angebot gibt es seit 2004, „und zwar an jenen Schulstandorten, die einen hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund aufweisen“, so das Ministerium. Zu Beginn dieses Jahres wurde das Programm auf alle Grundschulen ausgeweitet. In zwei Phasen werden die Kinder dabei auf den Besuch der Grundschule vorbereitet. Kinder ab drei Jahren mit Migrationshintergrund werden im Programm „Signal“ gefördert. Bislang nahmen rund 6000 Kinder daran teil. Müller-Benecke wünscht sich trotz allem „noch mehr Angebote“. Doch das koste alles Geld, weiß sie. Geld, das mehr als gut angelegt wäre, findet VHS-Leiter Schmidt. Dass es bundesweit rund vier Millionen Analphabeten gibt, ist seiner Meinung nach „bildungspolitisch unverständlich“.

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