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Wenn Sensationslust zur Gefahr wird: Auch im Saarland erschweren Gaffer die Arbeit der Retter

Im Juli 2015 kam es nach einem tödlichen Unfall in Bremervörde zu Handgreiflichkeiten zwischen drei Gaffern und Rettungskräften. Die Männer im Alter von 20, 26 und 35 Jahren müssen sich jetzt vor Gericht verantworten. Foto: dpa/Bick

Im Juli 2015 kam es nach einem tödlichen Unfall in Bremervörde zu Handgreiflichkeiten zwischen drei Gaffern und Rettungskräften. Die Männer im Alter von 20, 26 und 35 Jahren müssen sich jetzt vor Gericht verantworten. Foto: dpa/Bick

Nach einem schweren Unfall zählt jede Minute. Leben oder Tod können davon abhängen, wie schnell die Rettungskräfte bei den Verletzten sind. Doch immer häufiger behindern Gaffer die Arbeit von Polizei und Helfern. Die Schaulustigen zücken ihre Handys, fotografieren und filmen das Geschehen. Manche widersetzen sich den Anweisungen der Polizei . Drei Männer, die im Juli 2015 nach einem Unfall mit zwei Toten im niedersächsischen Bremervörde genau das taten, stehen von heute an vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, Beamte bei ihrer Arbeit behindert, bedroht und verletzt zu haben.

 

Neugier ist den Menschen in die Wiege gelegt, Sensationslust offensichtlich auch. „Ich vermute, es ist ein tiefgründiger Trieb oder Instinkt“, sagt der emeritierte Psychologie-Professor der TU Dortmund, Bernd Gasch. Bereits im alten Rom habe es etwa bei Kämpfen viele Zuschauer gegeben. „Es muss einen besonderen Reiz haben“, erklärt Gasch. Auch heute bedeute es für viele Menschen wohl einen Lustgewinn, das Geschehen am Unfallort aus nächster Nähe zu beobachten.

 

Meldungen über Schaulustige, die Helfer behindern, gibt es inzwischen bei nahezu jedem größeren Unfall. Ein besonders drastischer Fall ereignete sich im vergangenen Mai im nordrhein-westfälischen Hagen. Rund 150 Gaffer liefen an der Unfallstelle herum. Polizei und Feuerwehr wurden massiv bei ihrer Arbeit behindert. „Das Problem wird größer“, sagt der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei , Oliver Malchow. In den vergangenen fünf Jahren habe die Zahl der Schaulustigen, die Rettungskräfte und Polizei behindern, deutlich zugenommen. Malchow erklärt sich die große Zahl der Gaffer unter anderem mit der Verbreitung des Smartphones . „Die Menschen wollen Geschichtenerzähler sein“, sagt er. Ihm zufolge stellen viele Schaulustige Fotos und Videos der Unfälle ins Internet – ohne Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte der Opfer. Um eine möglichst gute Geschichte zu bekommen, sei es manchen egal, ob sie am Unfallort die Rettungskräfte behindern.

 

Diese Erfahrungen hat man auch im Saarland gemacht. Nach Angaben des Landesfeuerwehrverbandes ist es schon vorgekommen, dass Menschen im Internet vom Unfall eines nahen Angehörigen erfahren haben, bevor die Polizei die Nachricht überbracht hatte. Insgesamt sprechen die Retter im Saarland mit Blick auf Gaffer von einem „ärgerlichen und auffälligen Phänomen“, das man zunehmend wahrnehme. Für die Polizei in ganz Deutschland bedeutet die Entwicklung einen enormen Aufwand. Bei fast allen großen Unfällen auf Autobahnen werden inzwischen Sichtschutzwände aufgebaut, bei vielen Unfällen braucht es mehr Personal, etwa um Platzverweise auszusprechen.

 

Die Politik hat ebenfalls reagiert. Als Konsequenz aus den Vorfällen in Bremervörde hat Niedersachsen im Mai eine Gesetzesinitiative im Bundesrat eingebracht. Die Länderkammer startete daraufhin einen Vorstoß. Nach dem Gesetzentwurf soll das Behindern von Rettungskräften mit Geldstrafen und Haft bis zu einem Jahr geahndet werden. Dabei soll „behindern“ alles umfassen, was Einsätze erschwert – also auch bloßes Sitzen- oder Stehenbleiben. Schärfere Sanktionen soll es auch für sensationsgieriges Fotografieren und Filmen geben. „Die Gesetzeslage muss der Realität von Smartphones und Facebook angepasst werden“, sagt die niedersächsische Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz (Grüne). Eine Lücke gebe es, was Getötete angeht. Wer von einer gestorbenen Person eine Bildaufnahme mache und verbreite, „die diese zur Schau stellt“, solle mit bis zu zwei Jahren Gefängnis bestraft werden können.
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