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„Wenn ich’s esse, kann ich’s auch schießen“

Unter Laura Heins Stiefeln rutscht der Matsch. Regen nieselt auf die signalfarbene Warnweste. Das Gewehr geschultert, läuft die zierliche Frau durch den Nebel die Talsenke hinab. An einer Schleife aus Absperrband in der Hecke bleibt die 26-jährige Kindergärtnerin stehen und pflanzt einen dreibeinigen Hocker in den aufgeweichten Lehmboden. Gut drei Stunden wird sie hier als Schützin verharren. Möglichst still, möglichst regungslos. Bei drei Grad Celsius. Der Wirt des Gasthauses „Eller Hof“ hat an diesem nassfeuchten Wintermorgen zur Treibjagd auf den Kreuzberg geladen. Gekommen sind, neben Jungjägerin Hein, eine weitere Frau, 47 Männer und 16 Hunde. Bevor die Jäger auf ihre Posten gehen, gibt es auf dem Parkplatz links und rechts Küsschen und Umarmungen für Hein.

Dass die Frau aus Rehlingen wie selbstverständlich Jagdkluft trägt, zeigt, wie sich eine einstige Männerdomäne wandelt: Die Jagd wird weiblicher. In den vergangenen 20 Jahren stieg die Zahl der Jagd- Scheininhaberinnen nach Angaben des Deutschen Jagdverbandes bundesweit um zehn Prozent. Im Saarland erhöhte sich die Zahl der Jägerinnen in den vergangenen zehn Jahren gar um 37 Prozent, zeigen Zahlen der Vereinigung der Jäger des Saarlands. Der Verkehrslärm rauscht aus Merzig empor. Hinter der Nebelwand bellen die Hunde der Treiber, Vögel schnarren im Dickicht. „Ich kann auf der Jagd, in der Natur, total gut entspannen. Das hat was Meditatives“, flüstert Hein und rückt ihr zum Zopf geflochtenes, blondes Haar zurecht. Am Abend nach der Arbeit im Kindergarten fahre sie häufig direkt in ihr Revier zum Hochsitz in einem Waldstück bei Merchingen. „Wenn ich draußen bin, dann kann ich länger ungestört nachdenken, abschalten. Kein Fernseher oder Handy, nichts lenkt mich ab.“ Schon als Kind, aufgewachsen auf dem Dorf, erzählt Hein, sei sie stundenlang im Wald unterwegs gewesen.

Erste Schüsse fallen in der Ferne. Heins Wangenmuskeln arbeiten jetzt, sie zählt leise mit. „Hop, hop“ rufen die Treiber immer wieder durch den Nebel und schlagen mit Stöcken gegen Baumstämme. Der Regen tropft auf verfaultes Laub. Die Zeit schreitet voran. Doch kein Wildschwein, kein Reh zeigt sich auf der etwa zwei Fußballfelder großen Hangfläche, über die die Jägerin wacht.

Ihr Freund war es, der Hein vor drei Jahren zum ersten Mal mit zur Jagd nahm. Zunächst verbrachte sie nur Abende mit ihm auf dem Hochsitz, später begleitete sie den langjährigen Jäger und Wartungstechniker der Bundeswehr zu Treibjagden. „Im Winter 2012 kam der Punkt, da war ich so begeistert, da habe ich zu Oliver gesagt: Weißt du was? Ich mach jetzt auch den Jagdschein.“ Im Sommer 2013 bestand Hein dann nach drei Monaten Intensivkurs die Jagdprüfung in Saarwellingen. Bis heute trifft sie die Kursteilnehmer einmal im Monat zum Stammtisch. „Da schwätze ich dann gemütlich mit dreißig Männern über meine Erfahrungen.“ Kalt wird Hein an diesem Wintermorgen nicht: Auf ihrem Rücken klebt ein Wärmepflaster, in den Wanderstiefeln stecken batteriebetriebene Heizspiralen. Aber der Magen knurrt. Ohne Frühstück ist die 26-Jährige an diesem Morgen ins Auto gestiegen. Ihr erster und bislang einziger Abschuss gelang Hein nur wenige Wochen im Besitz der Jagdlizenz. Mit ihrem Freund saß sie im vergangenen Sommer im Merchinger Wald auf dem Hochsitz: „Der Bock kam rechts aus einem Waldstück heraus, lief auf das Feld vor dem Hochsitz und stand da wie auf dem Tablett. Mein Herz ist gerast, das Adrenalin schoß hoch. Ich hab die Büchse hochgenommen und kurz die Luft angehalten. Dann war ich mir sicher. Der Bock ist direkt im Schuss runtergegangen.“

Ob sie in der Lage ist, auf Tiere zu schießen, wusste die 26-Jährige, die heute als einzige Frau in einem saarländischen Kader für Nachwuchsschützen trainiert, bis dahin nicht: „Ich habe mir gesagt, wenn ich das erste Mal vor einem Wild stehe, dann schieße ich, wenn das Gefühl stimmt, oder eben nicht.“

Kurz vor Mittag taucht dann aus dem Nichts plötzlich ein Reh in der Talsenke auf und rennt den Feldhang hinauf.

Hein legt an. Ihre Finger mit rot lackierten Nägeln umgreifen den Abzug. Die Hände zittern leicht, Hein atmet tief. Ihr Zielfernrohr folgt der Geiß. Das Tier bleibt stehen, doch die junge Frau lässt den Zeigefinger gerade. Falscher Winkel, der Gewehrlauf sinkt zu Boden. „Ich schieße nur, wenn ich mir hundertprozentig sicher bin, dass das Reh richtig steht und ich das Herz treffe, nur dann drücke ich ab.“ Wenige Minuten später wiederholt sich das Schauspiel. Eine Rehgeiß, gefolgt von zwei Kitzen, springt über das verwilderte Feld. Hein legt an, doch wieder fällt kein Schuss. „Klar hat das Lauern und Schießen seinen Reiz. Ich fahre aber nie in den Wald mit dem Ziel, ich muss jetzt Wild schießen.“ Am Jagen interessiere sie vor allem die Arbeit und das Wissen rund um Natur und Tier.

Hein ist die erste Jägerin in der Familie. „Natürlich hat sie mich gefragt, willst du das wirklich, Tiere töten? Ich stelle dann immer die Gegenfrage, ob sie denn kein Fleisch essen.“ Hein sagt, sie jage in erster Linie zum Eigenverzehr: „Wenn ich’s esse, kann ich’s auch schießen. Ich möchte die Massentierhaltung nicht unterstützen. Ich habe den ersten Abschuss deshalb nicht bereut.“ Der Bock wanderte zuhause in die Kühltruhe.

Angeeckt ist Hein als Jägerin bislang nicht. Einige Eltern hätten zwar ungläubig nachgefragt, nachdem die Kinder daheim vom Hobby ihrer Erzieherin erzählt haben, dann aber positiv reagiert. „In meinem Beruf als Kindergärtnerin bringt mir die Jagdausbildung sogar was. Wir fahren mit unseren Gruppen regelmäßig in den Wald. Da ist es schön, wenn ich den Kids was zu den Pflanzen und Tieren erzählen kann. Dann sehen sie die Natur mit anderen Augen.“ Ein Horn ertönt. Es ist halb drei Uhr nachmittags, das Treiben ist vorbei, und der Jägerin huscht ein erschöpftes Lächeln unter der Hutkrempe übers Gesicht. Die Beute des Tages liegt aufgereiht im Hof des Gasthauses: ein Fuchs, zwei Rehe, zehn Wildschweine.

Hein kam auch in der zweiten Hälfte der Jagd nicht zum Schuss: „Ich freue mich trotzdem. Ich habe so viele Wildschweine gesehen und mein Freund hat eine Sau getroffen. Jetzt ist die Anspannung weg und ich habe Hunger.“ Der Wirt steckt den neun Schützen Fichtenzweige an die Hüte und wünscht Waidmanns Heil.

Dann bläst einer der Jäger das Signal zum Essen: Der Wirt lädt die Mannschaft zu Erbsensuppe und Lyoner. Unter Rehgeweihen erzählen sich die Jäger bei Limonade und Bier vom Tag. Bis abends zehn Uhr sitzen die Männer in der Gaststube. Mittendrin eine junge Frau – müde, aber glücklich.

Im Kreis Merzig-Wadern gibt es der Vereinigung der Jäger des Saarlands (VJS) zufolge mittlerweile etwa doppelt soviele Jägerinnen wie noch vor zehn Jahren. 2004 waren im Kreis von 542 Jägern 22 weiblich. Heute sind 43 der 599 Jagdscheinbesitzer Frauen. 2004 waren von 3684 saarländischen Jagdscheinbesitzern 241 Frauen. Heute sind 331 der 3866 Saar-Jäger weiblich. Im vergangenen Jahr waren in den privaten und den VJS-Jagdschulen rund 16 Prozent der 916 saarländischen Prüflinge Frauen. krt

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