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"Wer oft spielt, verliert auf Dauer immer": Eine Saarländerin erzählt von ihrer Spielsucht

Sie hat die Geräusche noch im Ohr: das Pling-Pling und Biepbiepbiep. Die programmierten Jingles beim Gewinn. Die hypnotischen, monotonen Sprüche einer Automatenstimme bei verlorenen Spielen. Schließlich das metallische Klimpern, wenn der Spielautomat den Gewinn in den Ausgabeschacht spuckt. „Das hat mich magisch angezogen. Immer und immer wieder“, bekennt Margot Ellen (Name von der Red. geändert). „Ich konnte mir noch so fest vornehmen, nicht zu spielen, wenn ich die Geräusche gehört habe, war es mit den Vorsätzen vorbei.“ Die 43-Jährige ist süchtig – süchtig nach dem Kick am Glücksspielautomaten. „Angefangen hat alles vor sechs Jahren“, erzählt die dreifache Mutter. „In meinem damaligen Stamm-Café, wo ich mich regelmäßig mit Freundinnen getroffen habe, hingen eines Tages zwei Automaten.“ Zunächst schaut sie nur den anderen beim Spielen zu, „dann habe ich irgendwann auch mal zwei Euro eingeworfen“. Und wie es der Zufall will, sie gewann zehn Euro. „Es war nicht viel, aber es hob meine Laune. Damals hatte ich Beziehungsprobleme“, sagt Ellen.

„Wer einmal spielt, hat die Chance zu gewinnen. Wer oft spielt, verliert auf Dauer immer“, sagt Holger Feindel, Oberarzt für den Bereich Pathologisches Glücksspiel der AHG Klinik Münchwies. Seit fünf Wochen versucht Ellen hier im Zentrum für Psychosomatische Medizin, Psychotherapie und Suchtmedizin, ihre Spielabhängigkeit in den Griff zu bekommen. Das Zimmer, in dem Feindel Patientengespräche führt, vermittelt Geborgenheit. Die Wände sind cremefarben gestrichen, die Couchgarnitur hat einen hellen Bezug. Grünpflanzen lockern die Atmosphäre auf. Seit 1986 wird das pathologische Glücksspiel auf der Münchwies behandelt – damals gab es fünf Patienten. Inzwischen sind es jährlich etwa 300.

Auf die Frage, warum die Zahl so deutlich angewachsen ist, hat Feindel „nicht die eine Antwort. Das hat viele Ursachen“. Mehr Glücksspielautomaten in Kneipen, Imbissläden, Spielhallen, Casinos. Die unzähligen, oft illegalen Möglichkeiten, die das Internet bietet. „Hinzu kommt, dass die Spielautomaten stark verändert wurden“, sagt der Oberarzt. Waren die ersten „Unterhaltungsautomaten mit Gewinnmöglichkeit“ in den 60er und 70er Jahren noch harmlose Groschengräber, wurden sie ab den 80ern von der Automatenindustrie zu Geräten mit hohem Suchtfaktor entwickelt. Gewinn- und Verlust-summen wurden erhöht, die Taktung verkürzt, sodass mehr Spiele pro Minute möglich sind. Die schnelle Abfolge fördert den Nervenkitzel, den Kick.

Davon kann Margot Ellen ein Lied singen. Ein paar Wochen nach dem ersten Spiel ist sie schon ein gutes Stück in die Sucht hineingeschlittert. „Irgendwann bin ich nicht mehr zum Kaffeetrinken ins Café, sondern zum Spielen.“ Den anderen Gästen fällt auf, dass die Frau mit dem kastanienroten Haar fast jeden Tag da ist. Auf ihr Spielverhalten angesprochen, „habe ich mich geschämt“. Doch die Scham führt nicht zum Ausstieg. Vielmehr sucht die gebürtige Kölnerin nach Ausweichmöglichkeiten, wechselt oft das Lokal, um ohne schlechtes Gewissen spielen zu können. Schließlich fährt sie zu Spielhallen, Casinos.

„Um das Spielen zu finanzieren, musste ich viel nebenher arbeiten.“ Was genau sie für Geld gemacht hat, verrät sie nicht. „Jedenfalls bin ich irgendwann mit weniger als 100 Euro gar nicht mehr an einen Automaten. Die brauchte ich als Mindesteinsatz, damit ich überhaupt den Pott anziehen kann – dachte ich.“ Daheim häufen sich derweil die Probleme. „Ich habe meine Familie angelogen, meine Kinder, meine Freunde. Wenn jemand angerufen hat, bin ich nicht ran. Das Spielen war mir wichtiger, der nächste Gewinn, der alles wieder ins Reine bringt.“ Finanziell steht Ellen mit dem Rücken an der Wand. „Nach drei Jahren hatte ich so viele Schulden angehäuft, dass ich sie nicht mehr zurückzahlen konnte. Und wenn ich mal Geld hatte, habe ich es lieber in den Automaten geworfen als meine Rechnungen bezahlt.“ Immer tiefer gerät sie in den Sog ihrer Spielsucht, bis die Situation im vergangenen Jahr eskaliert. „Während meine Eltern in Urlaub waren, habe ich ihnen peu à peu den Tresor leergeräumt und den Schmuck meiner Mutter beim Pfandleiher versetzt. Als ich alles verloren hatte und meine Eltern aus dem Urlaub zurückkamen, hatte ich nicht den Mumm zu beichten. Und dann beschloss ich, mich umzubringen.“ Tränen laufen ihr über die Wangen, als sie erzählt, wie sie aus Schnaps und Tabletten einen tödlichen Cocktail mixte. „Meine Schwester hat mich gefunden. Sie hat den Krankenwagen gerufen, und für mich ging es nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt direkt in die Psychiatrie .“

Als sie nach sechs Wochen rauskommt, hat sie ihre Sucht vermeintlich im Griff. Doch der Rückfall lässt nicht lange auf sich warten. Ellen erzählt, dass sie schließlich sogar Geld aus dem Sparschwein ihrer Tochter nimmt. Als sie auch das verspielt hat, ist es vorbei. „Ich wollte nicht mehr sein. Das, was ich meinen Kindern beibringen wollte, konnte ich selbst nicht leisten. Du sollst nicht lügen, sollst nicht stehlen – was war ich denn für eine Mutter?“ Wieder mixt sie sich einen Giftcocktail, wieder findet sie die Schwester.

Wochen später wird Ellen aus der Psychiatrie entlassen, bald darauf kommt sie nach Münchwies. Dort versucht Holger Feindel mit seinem Team, ihr wieder auf die Beine zu helfen. „Die Spielsucht hat zwar körperlich nicht so schlimme Folgen wie etwa Heroin- oder Alkoholabhängigkeit“, berichtet Feindel. „Aber die Betroffenen sind oft massiv verschuldet – im Schnitt mit 30 000 Euro. Meist ist auch die Familie zerstört, das Haus, der Job – alles ist weg.“ In der Therapie gelte es zunächst, den Klienten den Wert des Geldes wieder begreiflich zu machen. „Für viele ist das ja nur noch Spielgeld.“ Wichtig sei auch, dass die Patienten verstehen, wie so ein Automat funktioniert. Etwa, dass jedes Spiel gemäß einer voreingestellten Ausschüttungsquote endet und ausschließlich auf Zufall basiert. Und auch wenn man eine Taste noch so geschickt drückt, hat das keinen Einfluss auf die Gewinnwahrscheinlichkeit.

„Für viele ist Glücksspiel eine Form der Problembewältigung. Daher ist es wichtig, dass wir über die Probleme reden, die hinter der Sucht stehen.“ Margot Ellen weiß inzwischen, dass sie eine Borderlinerin ist. Die Persönlichkeitsstörung soll nach der Entlassung aus der AHG Klinik behandelt werden. Zu ihren zehn, 16 und 20 Jahre alten Kindern hat Ellen keinen Kontakt, auch nicht zur übrigen Familie. Das soll vorerst so bleiben. Nicht geregelt sind die Schulden. „Aber das werde ich als Erstes klären. Dann werde ich mir eine kleine Wohnung suchen. Und erst wenn ich wieder richtig Fuß gefasst habe, werde ich wieder die Nähe zu meiner Familie suchen.“

 

Zum Thema:

Am Rande263 000 Geldspielgeräte hängen laut Verband der Automatenindustrie in Deutschland, davon stehen 194 000 in Spielhallen und Casinos, 69 000 in Gaststätten. Rund ein Prozent der Deutschen sind süchtig nach Glücksspielen, besagt eine Studie der Universitäten Greifswald und Lübeck. Eine Befragung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) unter pathologischen Glücksspielern aus dem Jahr 2011 belegt, dass Glücksspielautomaten am häufigsten süchtig machen (50,4 Prozent). Doch ist hier auch reichlich Geld zu machen. An den Geräten wurden im Jahr 2012 nach Angaben der Hauptstelle für Suchtfragen 19,21 Milliarden Euro umgesetzt. Dem Staat spülte das 1,7 Milliarden Euro Vergnügungs-, Umsatz- und Gewerbesteuer in die Kassen. tog
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