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Wie Bewegung gegen Antriebslosigkeit und Einsamkeit hilft

Eingepackt in warme Jacken und festes Schuhwerk steht die Gruppe auf dem Waldparkplatz. „Heute gehen wir auf flachen, überwiegend geteerten Strecken“, sagt Henry Michel mit lauter, sonorer Stimme in die Runde. „Warum auf geteerten?“, fragt die ältere Dame in grau-grüner Jacke. „Weil es so matschig ist“, entgegnet Gruppenleiter Michel. Es hängen trübe Wolken über dem Wald bei Fischbach – kein angenehmer Tag zum Wandern, trotzdem sind diesmal acht Teilnehmer gekommen.

Die Wanderrunde ist eine Gruppe, vor allem für Menschen mit Depression. „Aktiv gegen Depri“ hat Gründer Michel sie genannt, denn: „Tun ist der größte Feind der Depression!“ Mehrmals sagt Michel diesen Satz, wenn er von seinen Erfahrungen erzählt. „Der Satz steht heute über meinem Leben: Nur nicht auf der Couch liegen und Kopfkino ablaufen lassen!“ Nach vielen Jahren der Krankheit habe er gemerkt, wie gut ihm die Bewegung im Wald tut. „Die frische Luft, das Vogelgezwitscher – dann ging’s mir gut“, beschreibt der ehemalige Sportlehrer. Diese Erfahrung habe er weitergeben wollen und dazu seine Samstagsgruppe ins Leben gerufen. In wechselnder Zusammensetzung besteht diese seit mittlerweile vier Jahren. Seit rund zwei Jahren ist die Dame in Grau-Grün dabei. „Es tut immer so unwahrscheinlich gut, wenn man sich aufrafft“, sagt sie und marschiert vorneweg. „Die frische Luft vor allem . . .“, sie atmet tief ein.

Depressionspatienten fällt das Aufraffen besonders schwer, Antriebsmangel ist typisch für die Krankheit. Dabei kann ihnen die Bewegung helfen: „Es gibt zahlreiche Hinweise, dass körperliche Aktivitäten vielseitige positive Effekte auf die psychische Gesundheit haben“, sagt der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an den Homburger Universitätskliniken, Professor Matthias Riemenschneider. Im Gehirn des Patienten kommt der Stoffwechsel wieder in Schwung, Stimmung und Selbstwertgefühl steigen, Unruhe und Ängste klingen ab. Zudem werden die Synapsen im Gehirn – die Verbindungsstellen zwischen zwei Nervenzellen – wieder auf- statt weiter abgebaut.

Bei den Sporteinlagen komme es nicht in erster Linie darauf an, sich auszupowern. „Sportliches Training im klassischen Sinne macht hier keinen Sinn“, sagt Riemenschneider. Es gehe eher „um längerfristige Bewegungen“. Wandern oder Walking seien für viele passende Angebote. Unmittelbar nach der Übung soll der Patient sich ausgeglichener und angenehm müde fühlen – und zufrieden, weil er es geschafft hat.

Bei der stationären Behandlung von Depressionen ist Bewegung oft einer von mehreren Therapiebausteinen. „Bei Depressionspatienten fangen wir ganz niederschwellig an und gehen wandern“, sagt Sporttherapeut Albert Becker vom SHG-Klinikum auf dem Saarbrücker Sonnenberg. Für die Betroffenen sei der einfache Einstieg wichtig, weil viele zuvor zurückgezogen gelebt hätten. Später könnten andere Sportarten hinzukommen. „Das Zentrale bei den depressiven Patienten ist, den Spaß an der körperlichen Bewegung wiederzufinden“, sagt Becker.

„Sie können aus ihrem Teufelskreis heraus, wenn sie den Antrieb wiederfinden und merken, dass es körperlich nicht schlecht um sie bestellt ist.“ Für Henry Michel ist der Fortbestand seiner Gruppe selbst schon ein großes Erfolgserlebnis – und Therapiebaustein zugleich. „Ich sehe die Gruppe als meine Institution und deshalb ist es meine Pflicht hinzugehen und die Termine wahrzunehmen.“ Als doppelte Absicherung, um nicht träge zu werden, hat er sich kürzlich seinen Hund Chloe gekauft. Mit ihm geht Henry Michel nun noch viel öfter als nur am Samstag in den Wald.

Caroline Uhl

Im Internet:

www.aktivgegendepri.de

www.depression-saarland.de

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