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Wie Handschriftenexperte Thomas Schönberg Fälschern auf die Spur kommt

Was für ein Schuldenberg. Mit einer halben Million steht Peter Müller bei Karl Augustin in der Kreide. 500.000 Euro – schwarz auf weiß ist es auf dem Papier zu lesen. „Schuldschein“ steht oben drüber, unten haben beide Männer unterschrieben. Doch jetzt gibt es Streit. „Ja, ich schulde Karl Augustin Geld. Aber nicht so viel“, sagt Peter Müller wütend. Anklagend zeigt er auf den anderen Mann. „Er hat den Schuldschein gefälscht!“

Ein Fall für die Polizei und den Handschriftenexperten Thomas Schönberg. Der bringt bald Licht ins Dunkel. Mit bloßem Auge betrachtet sieht der Schuldschein völlig in Ordnung aus. Doch Schönberg rückt dem Dokument noch mit anderen Mitteln zu Leibe. In einem grauen, sperrigen Gerät beleuchtet er es mit verschiedenen Farbfiltern. Zuerst passiert nichts, doch dann: An der Zahl 500.000 erscheinen zwei Nullen auf dem Bildschirm jetzt dunkler als die übrige Schrift. „Sie wurden mit einem anderen Stift geschrieben“, vermutet Schönberg. Auch der Satz, der acht Prozent Zinsen und die Zahlungsfrist festlegt, stammt nicht von dem ursprünglich verwendeten Kugelschreiber. Der Experte macht noch weitere Tests, dann steht sein Urteil fest: „Da wurde nachträglich etwas eingefügt.“ Eigentlich hat sich Peter Müller nur 5000 Euro von Karl Augustin geliehen. Schönberg hat den Betrug aufgedeckt.

Doch diesmal war er selbst der Fälscher. Der 37-jährige Neunkircher hat den Fall fingiert, um seine Arbeit zu veranschaulichen. Über seine echten Fälle muss er Stillschweigen wahren. Überhaupt kann er nicht zu viel darüber verraten, wie er kriminellen Machenschaften auf die Spur kommt. Schließlich will er den Betrügern immer einen Schritt voraus sein. Ob gefälschte Testamente, Verträge oder Überweisungsträger – all das landet auf Schönbergs Schreibtisch und in seinem Labor. Er ist der einzige Sachverständige für Handschriften bei der Polizei im Saarland. Dreieinhalb Jahre lang lernte der dunkelhaarige Polizist die Methoden und Tricks, um Betrüger zu entlarven. Seit gut einem halben Jahr ist er Teil eines rund 30-köpfigen Teams in der Kriminaltechnik des Landeskriminalamtes (LKA), das nach Verbrechen unter anderem Schusswaffen-, Werkzeug oder Schuhspuren untersucht.

Zugegeben, Schönbergs Arbeitsplatz in der Saarbrücker Graf-Johann-Straße verströmt nicht den Hochglanz-Chic der Kriminallabore in amerikanischen Fernsehserien. Sein Büro ist gelb gestrichen und schlicht eingerichtet mit grauen Möbeln, einem Schreibtisch, Computer, Drucker. Nur das Mikroskop deutet darauf hin, dass hier nicht nur Akten hin- und hergeschoben werden. Auch das Labor ein paar Türen weiter auf dem Gang wirkt nicht so spektakulär wie bei „CSI“, „Navy CIS“ & Co.. Doch die haben ohnehin oft wenig mit der Realität zu tun. So sind dort komplizierte Untersuchungen innerhalb weniger Stunden abgeschlossen, die eigentlich Tage dauern würden. „Um zu prüfen, ob eine Unterschrift echt ist, brauche ich zwischen zwei Tagen und zwei Wochen“, erklärt Schönberg.

Was macht es so schwierig? Weil das Gutachten des Schriftsachverständigen vor Gericht verwendet werden kann, muss es sehr sorgfältig erstellt werden. Auf die Details kommt es an. Unter welchen Umständen ist die Unterschrift entstanden? In einem wackligen Bus, liegend im Bett? Worauf lag das Papier? Ist die Schrift flüssig oder wurde mehrfach abgesetzt? Jeder Buchstabe wird einzeln untersucht, das Original mit der vermeintlichen Fälschung verglichen und das Ergebnis auf einem Merkmalprotokoll vermerkt. Am Ende gibt Schönberg auf einer Skala an, wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich eine Fälschung ist. „Auch wenn es gewisse Schwankungen gibt, grundsätzlich bleibt die Handschrift eines Menschen konstant“, sagt er. Bei jungen Menschen bilde sie sich über die Jahre hinweg noch aus, bei älteren könne sie mit der Zeit etwas ungelenk werden. Aber der einzigartige Charakter bleibt.

Schönberg sitzt mit einem roten Stift in der Hand tief über ein Blatt Papier gebeugt an seinem Schreibtisch. Eine Reihe von Unterschriften steht darauf, eine unter der anderen. Auf den ersten Blick sehen sie alle gleich aus. Aber eben nur auf den ersten. Kleine Häkchen und Bögen zeichnet der Experte an die Buchstaben und murmelt dabei leise. „Hier ist das c spitz eingeleitet.“ Häkchen. „Hier eher rund.“ Bogen. Schon Kleinigkeiten können einen Fälscher verraten. Dann nimmt Schönberg ein Lineal zur Hand und vermisst die Unterschriften. Auch den Neigungswinkel der Buchstaben nimmt er unter die Lupe. Und zum Schluss wendet er das Papier und untersucht die Druckspur, die der Stift hinterlassen hat.

Es ist eine Arbeit, die Geduld erfordert – und die oft unterschätzt wird. Wenn die Handschellen klicken, ist Schönbergs Arbeit längst getan. Und Handschriftenvergleiche mögen nicht so spannend anmuten wie DNA-Analysen oder ballistische Untersuchungen an Waffen. Dass die akribische Arbeit der Handschriftenexperten aber entscheidend zur Aufklärung von Verbrechen beitragen kann, zeigt ein außergewöhnlicher Fall aus dem Saarland.

Angst und Schrecken herrschten im Jahr 2008 im idyllischen Weiskirchen. Ein Massenmörder sollte unter den Bewohnern des Kurortes im Hochwald sein. Von dort waren über mehrere Jahre anonyme Briefe bei Polizeistellen in verschiedenen Bundesländern eingegangen. Darin bekannte sich der Schreiber zu insgesamt 13 Morden, die zum Teil Jahrzehnte zurücklagen – darunter die an der Schülerin Lydia Schürmann (1962) und der Prostituierten Heiderose Berchner (1970). Die Polizei plante den größten je im Saarland durchgeführten Massen-Gentest, um den „Hochwald-Mörder“ zu fassen. 5000 Männer im Alter über 65 Jahre sollten eine Speichelprobe abgeben. Doch bevor es soweit kam, brachte ein Postbote die Wende. Er erkannte auf einer Ansichtskarte die zuvor in den Medien veröffentlichte Schrift des Briefeschreibers wieder.

Hier kam der Schriftsachverständige ins Spiel. Schönbergs inzwischen verstorbener Vorgänger Hans-Josef Lermen identifizierte nicht nur den Absender der Postkarte als den anonymen Briefeschreiber. Er entdeckte auf einem sichergestellten Brief auch Druckspuren des letzten Bekennerschreibens an das LKA in Saarbrücken. Damit war der vermeintliche „Hochwald-Mörder“ entlarvt. Nur konnte der psychisch kranke Mann die Taten nicht begangen haben. Er war erst 34. Die Morde blieben also weiter ungeklärt – aber zumindest im Hochwald kehrte wieder Ruhe ein.
Einen solch aufsehenerregenden Fall hat Schönberg noch nicht gehabt. „Aber jeder aufgedeckte Betrug gibt einem Genugtuung“, sagt der Neunkircher. Und seine Karriere als Handschriftenexperte steht ja noch ganz am Anfang.
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