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Wie Schulschwänzern im Saarland geholfen wird

Saarbrücken. Ich sag's gleich – ich hab keinen Bock auf gar nix.“ Der 14-jährige Jason wirft seinen Rucksack in die Ecke und setzt sich an den Tisch. Diesen Satz kennen die Sozialpädagoginnen Susanne Burg und Sigrun Meiser-Saar zur Genüge. Nicht nur heute. Mit Jason kommen auch Jannik und Lars, beide 15. Fünf Jugendliche sollten es eigentlich sein. „Von den anderen gab es keine Absage“, sagt Burg. „Aber auch das kennen wir.“

Susanne Burg und Sigrun Meiser-Saar betreuen in Neunkirchen das Projekt „Die 2. Chance“. Es wird bundesweit durchgeführt und kümmert sich um Jugendliche, die nur unregelmäßig die Schule besuchen und damit ihren Abschluss gefährden. Mithilfe der Pädagoginnen sollen sie den Weg zurück ins Schulsystem finden. Aber: „Das Projekt verläuft auf freiwilliger Basis, also kommen manche leider auch nur dann, wenn sie Lust haben.“

Heute kochen und essen die Frauen mit den Jungs im Haus der Arbeiterwohlfahrt. „Das ist nichts Normales für sie“, sagt Meiser-Saar. „Manche kennen das gar nicht, mittags gemeinsam am Tisch zu sitzen und sich beispielsweise einfach nur zu unterhalten.“ Das machen die Jungs, während sie die Zutaten für das vegetarische Curry schneiden: Karotten, Zwiebeln, Ingwer.  Jannik bietet Lars „einen Euro, wenn Du in die Zwiebel beißt“. Lars winkt ab: „Ich bin doch kein Opfer.“ Währenddessen betrachtet Jason den Ingwer und verzieht angewidert das Gesicht: „Und das soll schmecken?“



Den Teilnehmern der „2. Chance“ fehle es oft an Respektspersonen in der Familie, sagt Burg. Ihnen werde nicht vermittelt, wie wichtig es ist, etwas regelmäßig zu tun. Das führe zu einem schwach ausgeprägten Sozialverhalten. „Es gibt auch Eltern, die kümmern sich einfach nicht und überlassen die Kinder sich selbst. Die bleiben dann einfach zu Hause, weil sie keine Grenzen kennen.“

Jason hat noch immer „keinen Bock“, mitzuhelfen. Es ist schwer einzuschätzen, ob er Kummer hat oder nur cool wirken will. So oder so – er wird von den beiden anderen aufgezogen. „Was bist'n Du für ein Minusmensch?“, fragen sie.

Irgendwann fangen sie an zu erzählen, warum sie die Schule geschwänzt haben oder es teilweise immer noch tun. „Das ist alles zu streng. Nie darf man einen Pieps sagen“, meint Jason. „Also sind wir nur noch hingegangen, wenn man die Lehrer verarschen konnte.“ Strafen haben sie nicht interessiert. Man habe sich eben gerne mitreißen lassen. Und dann? „Rumhängen eben, Quatsch machen.“ Die Eltern wussten meist nichts davon.



Wie viele Schulverweigerer es im Saarland gibt, ist unklar, da sie nicht statistisch erfasst werden. Doch allein das Projekt „2.  Chance“ betreut im Saarland knapp 40 Jugendliche. Aus Sicht des Bildungsministeriums liegt ein Schlüssel zur Senkung der Zahl in einer Verbesserung der Kommunikation zwischen Schulen und Elternhaus. „Unserer Erfahrung nach bekommen Eltern zu oft nicht mit, was in der Schule passiert“, sagt Johannes Reinert, stellvertretender Leiter des Referates B1, das für die Lehrerfortbildung zuständig ist. Doch auch für die Lehrer sei der Umgang mit Schulschwänzern schwierig. „Sie sind meist keine Therapeuten und können mit manchen Situationen überfordert sein.“ Die Verantwortung des Ministeriums sieht Reinert darin, die Lehrer so zu schulen, „dass sie Probleme frühzeitig erkennen“.

Beim gemeinsamen Mittagessen werden die drei Jungs etwas ruhiger. Als der erste Hunger gestillt ist, entwickelt sich ein Gespräch auf Augenhöhe. „Seit wir in dem Projekt mitmachen, geht es besser“, sagt Lars. Die anderen nicken. Diese Einsicht überrascht. „Wir wollten halt nicht von der Schule fliegen“, sagt Jannik leise dazu. „Zuerst dachte ich: Was wollen denn diese hirnlosen Sozialpädagogen?“, erinnert sich Jason. „Aber es ist mal was anderes. Es dreht sich nicht immer alles um Schule. Sonst hängen wir ja nur draußen rum.“ In diesem Moment wird klar, dass sie nur eine Perspektive brauchen – und suchen.



Doch die Wiedereingliederung in die Schule ist nicht immer leicht für die Schulschwänzer. Immer wieder gebe es Probleme, erzählen die Pädagoginnen.  „Leider sind nicht alle Lehrer sehr einfühlsam. Wir hatten einen Fall, in dem ein Schüler, der monatelang weg war, an seinem ersten Tag nach den Hausaufgaben gefragt wurde. Da kommt sofort wieder Frust auf“, erklärt Meiser-Saar.

Der Weg zu einem Schulabschluss ist weit, das wissen die drei Jungs. „Die Leute sagen alle, dass ich den Hauptschulabschluss locker machen kann. Aber ich muss dranbleiben“, sagt Jannik. „Ich glaube, das Geheimnis ist, sich zu beherrschen und sich nicht von Launen mitreißen zu lassen“, meint Lars. Wie er selbst anderen erklären würde, warum sie zur Schule gehen sollten? „Ich befürchte, die meisten würden gar nicht erst zuhören.“ Jason, Jannik und Lars hören zu – und haben deshalb eine zweite Chance.

Auf einen Blick

Das Programm „Schulverweigerung – Die 2. Chance“, das vom Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend gesteuert wird, existiert seit 2006. Im Saarland gibt es drei Anlaufstellen: In Neunkirchen, Tel. (01 70) 4 59 25 61; in Homburg, Tel. (0 68 41) 1 04 82 77; in Saarbrücken, Tel. (06 81) 4 19 61, E-Mail: zweite-chance@dwsaar.de.

Das Diakonische Werk an der Saar hat in Saarlouis ebenfalls eine Anlaufstelle bei Schulverweigerung eingerichtet, Tel. (0 68 31) 48 73 22, E-Mail: anlauf-sls@dwsaar.de. spr 
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