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Wie ein Präventionsprogramm die Suizidrate unter jungen Flüchtlingen gesenkt hat

Sie aßen Reißnägel, versuchten sich zu erdrosseln, schnitten sich mit einem Messer, schlugen mit dem Kopf gegen die Heizung, bis er blutete: Fast täglich haben vor anderthalb Jahren unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Saarland versucht, sich das Leben zu nehmen. „Sie haben das Schlimmste erlebt“, sagt Chefärztin Professor Eva Möhler, die sich mit ihrem Team in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der SHG in Kleinblittersdorf um die Jugendlichen kümmert. Viele haben in ihren Heimatländern Gewalt erlebt, waren Kindersoldaten oder sogenannte Tanzknaben, die – unter Drogen gesetzt – von reichen Männern sexuell missbraucht wurden. Gewalt erfuhren sie oft auch auf der Flucht, litten Hunger, Mädchen wurden vergewaltigt.

 

„Viele sind völlig verstört, zeitlich und räumlich desorientiert, sehr durcheinander und auch fremdaggressiv“, erzählt die Psychotherapeutin. Aber auch geplatzte Träume und enttäuschte Hoffnungen trügen zum Trauma bei: „Viele hoffen, nach der schlimmen Flucht bei ihrem Onkel im Saarland wohnen zu können, wie dieser es ihren Eltern versprochen hat“, sagt Möhler. Doch das funktioniere nicht immer: „Für die Jugendlichen bricht dann eine Welt zusammen, sie sind abgrundtief verzweifelt und nur noch am Weinen. Ihre Hoffnung auf ein gutes Leben ist zerstört.“

 

Oft brächen Traumata erst nach einigen Monaten aus. „Zuerst sind viele mit dem blanken Überleben beschäftigt. Haben sie sich dann eingewöhnt, überrollt sie das Erlebte und sie beginnen mit der Selbstverletzung“, hat sie beobachtet. Viele litten unter schweren Alpträumen, durchlebten die Gewalt wie in einem Film immer wieder. Eine Studie der Universität Düsseldorf besage, dass 80 bis 90 Prozent der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge traumatisiert seien, erzählt sie.

 

Damit es erst gar nicht so weit kommt, hat Eva Möhler ein Konzept zur Prävention entwickelt. Mit „Start“ (Stress, Traumasymptoms, Arousal-Regulation, Treatment) werden die jugendlichen Flüchtlinge bereits nach ihrer Ankunft im Vor clearinghaus Schaumberger Hof in Tholey psychotherapeutisch begleitet – ohne dass sie es merken. „Für arabische Männer ist es eine große Hürde, zur Therapie zu gehen, es ist für sie beschämend“, erzählt die Chefärztin. „Start“ werde einfach in den Alltag integriert und finde hauptsächlich in Gruppen statt. Offenbar mit Erfolg: Im Juli kam es nur noch zu drei Suizidversuchen unter den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. „Es ist eine Kurzintervention, die helfen soll, die akute emotionale Krise zu überstehen und wieder zu lernen, sich und seine Gefühle selbst zu regulieren“, sagt Möhler. Ein weiterer Vorteil: Das Konzept funktioniere auch ohne Deutschkenntnisse. Zunächst sollen die Jugendlichen lernen, ihre Gefühle wahrzunehmen – ob sie angespannt, ängstlich, traurig, verletzt oder wütend sind. „Für viele ist es eine neue Erfahrung, dass sie Gefühle zeigen dürfen und dass da jemand ist, der sie versteht“, berichtet die Psychotherapeutin.

 

Auf einem Spannungsbogen mit Emoticons – lachenden, traurigen, wütenden Smileys – kreuzen die jungen Flüchtlinge ihre momentane Stimmung an. Sind sie stark angespannt, werden ihnen Techniken gezeigt, wie sie ihre Gefühle stabilisieren können. „Das können Kühl-Akkus, Knautschbälle, Eiswürfel, eine kalte Dusche oder ein Igelball sein“, sagt Möhler. Manchem helfe auch der Biss in eine Zitrone, um aus den Erinnerungen zurück ins Hier und Jetzt zu kommen. Anderen helfe Bewegung im Freien oder einfach Kartenspielen. „Nach fünf Minuten kreuzen sie ihre Stimmung erneut an und machen die Erfahrung, dass es ihnen nun etwas besser geht“, erklärt die Ärztin. Ziel ist es, dass sie in künftigen Situationen, etwa wenn sie wütend sind, diese Techniken immer wieder anwenden können. Jeder Flüchtling erhält daher eine Box mit den Gegenständen, die ihm individuell helfen. Eva Möhler hofft, dass das Konzept die Jugendlichen auch vor einer Radikalisierung schützt: „Wenn sie nicht mehr so verletzlich sind, sind sie stark, um nicht von irgendwelchen Ideologien überrumpelt zu werden.“

 

In einem nächsten Schritt möchte Möhler das „Start“-Konzept im Saarland ausdehnen. Um es zu vermitteln, müsse man kein ausgebildeter Therapeut sein, betont sie: „Es wäre toll, wenn weitere Akteure – etwa die Jugendhilfe oder auch Erzieherinnen – Interesse hätten, sich zu qualifizieren.“ Erste Kontakte habe man zum Paten-Projekt von Saarstahl geknüpft, auch bundesweit gebe es Interesse. Zu einer Schulung im Herbst haben sich schon einige Teilnehmer angemeldet.  
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