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Wie ein alkoholkranker Mann ins Leben zurückfand

Brigitte Förderer (links) und ihre Kollegin Hannelore Graf-Latz mit dem ehemaligen Patienten Gerd S. im Büro des Sozialdienstes der Sulzbacher Knappschaftsklinik. Foto: Peter Klein/Klinik

Brigitte Förderer (links) und ihre Kollegin Hannelore Graf-Latz mit dem ehemaligen Patienten Gerd S. im Büro des Sozialdienstes der Sulzbacher Knappschaftsklinik. Foto: Peter Klein/Klinik

Der Mann spricht druckreif, ist erfrischend eloquent und gepflegt. Klarer Blick, klarer Verstand, manchmal ernst und manchmal heiter. Gerd S. ist eine Erscheinung. Dass der Mann aus Bayern einst einer gut bezahlten Arbeit nachging, daran zweifelt man nicht. Der 59-Jährige genießt heute eine auskömmliche Rente. Nach einem vollkommen verkorksten Leben – über Jahre. Was er zu erzählen hat, fesselt seine Zuhörer. Vor allem das, was man Happy End nennt. Dieses hat er zwei Frauen in Sulzbach zu verdanken. Doch dazu später.

 

Gutbürgerliche Existenz

Gerd S. entzog sich vor Jahren seiner gutbürgerlichen, gefestigten Existenz. Vielleicht war es der Druck, dem er nicht mehr standhielt, vielleicht war er mancher Dinge überdrüssig. So genau kann er nicht einordnen, was ihn dazu veranlasste, sich heillos mit dem Alkohol zu verbrüdern. Jedenfalls begann die Abwärtsspirale, wie das so oft der Fall ist.

 

Mit dem Arbeitslosengeld kam er noch gut klar, dann aber war er ,,Hartzer“, ab Herbst 2013. ,,Da ist mit bewusst geworden, was auf mich zukommt“, sagt der heutige Ruheständler, den der Rückblick nicht aus der Ruhe bringt. Er kratzte sein ganzes Geld zusammen und löste ein Zugticket – von Oberschwaben nach Paris. Einfach so, aus einer übermächtigen Laune heraus. In der Weltmetropole hat er sich herumgetrieben, bis er einem Dieb über den Weg lief. Geld, Papiere – nichts mehr da. ,,Ich ließ alles auf mich zukommen“, erinnert sich der Mann an diese Zeit. Ein halbes Jahr schlug er sich durch und lebte auf der Straße, beziehungsweise in einem Hinterhof. Was niemanden störte, ganz im Gegenteil. Es gab Leute, die brachten ihm Essen, andere wiederum besorgten Kleidung, und die Polizei schaute regelmäßig vorbei und fragte höflich nach, ob es ihm gut geht. ,,Ich wurde nie abgewiesen“, sagt der 59-Jährige, ,,und hatte immer auch ein bisschen Taschengeld – ohne zu betteln“. Auch an diesen Fakten zweifelt man nicht, denn der einstige Clochard strahlt eine vornehme Würde aus.

 

Es folgte ein Schlaganfall im März 2014. ,,In Starbucks bin ich einfach umgefallen.“ Fünf Wochen verbrachte er in der Pariser Uni-Klinik, erhielt jedoch als Deutscher keine Reha-Maßnahme in Frankreich. Er rief das Konsulat an, und das riet ihm, nach Saarbrücken zu fahren. Das war ja nicht weit. Und Gerd S. wollte auf keinen Fall in die alte Heimat. Gesagt, getan. Eine Postadresse, die für vieles unabdingbar ist, bekam er über die Diakonie. Und er trank weiter. Eine Zeitlang lebte er am und im Hauptbahnhof, wobei dann allmählich die Einsicht reifte, ,,dass es so nicht weitergeht“. Erstmal gelandet im Bruder Konrad-Haus, machte er sich eines Tages auf nach Trier – ,,aus Jux und Dollerei“. Dort, vorm Bahnhof, stürzte er schwer und blieb mit zertrümmertem Oberarm liegen. Wieder fand er Hilfe – im Klinikum Mutterhaus der Borromäerinnen: ,,Da war ich erneut in guten Händen.“ Anschließend ging's in ein sauberes und gepflegtes Obdachlosenasyl, das Benedikt-Labre-Haus in Trier – mit Einzelzimmer.

 

Doch auch hier verweilte Gerd S. nicht sehr lange. Bester Dinge machte er sich wieder auf nach Frankreich. Und es gefiel ihm, der zu diesem Zeitpunkt seinen Alkoholkonsum zurückgeschraubt hatte, wieder ganz prima.

 

Das Unheil ließ jedoch nicht lange auf sich warten: In Caen kam im erneut alles Hab und Gut abhanden. Er bat um Hilfe, ließ sich in eine Klinik einliefern. ,,Ich wollte den Entzug.“ Als er sich nach acht Tagen besser fühlte, ging's wieder nach Trier. Dort aber fand er keine Aufnahme mehr. Also steuerte er erneut Saarbrücken an.

 

,,Das war alles so hirnrissig“, blickt Gerd S. auf sein Achterbahn-Leben zurück und schüttelt sachte den Kopf. Im Saarland angekommen ,,hat sich der Alkoholkonsum ins Unerträgliche gesteigert“. Und wieder kam der Zusammenbruch. ,,Eine Armada von Schutzengeln flog über mich hinweg“, schildert der Mann das nun folgende Geschehen. Auf welchem Weg er ausgerechnet in die Sulzbacher Knappschaftsklinik kam, das weiß er nicht, doch es sollte letztlich seine Rettung sein. ,,Hier haben sie mich nüchtern gemacht“, sagt der einstige Familienvater und wird sehr ernst. Nach der Intensivstation (Alkoholvergiftung) kam er auf die Innere. Und da besuchte ihn Hannelore Graf-Latz. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Brigitte Förderer ist sie im Sozialdienst des Krankenhauses tätig. Die beiden Diplom-Sozialarbeiterinnen kümmerten sich um alle behördlichen Notwendigkeiten, sichteten seine Unterlagen und gaben ihm vorübergehend auch eine Postadresse, damit wichtige Papiere ihren Adressaten fanden.

 

14 Wochen in der Fachklinik

Vor allen Dingen behielten sie den alkoholkranken Patienten in ihrer Obhut. Und zwar so lange, bis eine Langzeittherapie zur Entwöhnung genehmigt war. Auch das war nicht einfach, wie die beiden engagierten Frauen erzählen.

 

Nahtlos – und das war das Wichtigste, um nicht einem neuerlichen Absturz Vorschub zu leisten – sollte der hilfsbedürftige Mensch von der Knappschaftsklinik auf den Sonnenberg in die Fachklinik Tiefental. Dort war er 14 Wochen, von denen er schwärmt. Und heute ist er trocken. Hat Fuß gefasst in Saargemünd und fühlt sich ,,befreit“.

 

Das Leben mit all seinen schönen Seiten nimmt er wieder wahr und hat sogar ein geliebtes Hobby wiederentdeckt: das Malen und Zeichnen. ,,Ich bin guter Dinge, fühle mich sehr stabil, sagt der 59-Jährige, der seinen beiden weiblichen Schutzengeln sehr dankbar ist. Sie haben ihm schließlich ein neues Leben geschenkt.

 

Zum Thema:

 

Hintergrund In jedem Krankenhaus gibt es einen Sozialdienst. Ihm obliegt die Beratung und Vermittlung in Fragen der Rehabilitation sowie von häuslicher Hilfe im Anschluss an den Klinikaufenthalt. Beratung und Hilfe gibt es überdies bei der Suche nach einem Heimplatz und in rechtlichen Angelegenheiten (Pflegeversicherung, Betreuungsverfahren etc). Und er kümmert sich um psychosoziale Intervention bei Suchterkrankung und in persönlichen Krisensituationen. Der Sozialdienst arbeitet auch mit anderen Einrichtungen (Beratungsstellen, Krankenkasse) zusammen und vermittelt an Selbsthilfegruppen. Beratung und Vermittlung eines stationären Hospizplatzes oder ambulanter Palliativversorgung obliegen ebenfalls dieser Institution. mh
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