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Wie eine Brücke im Hunsrück das Leben in der Provinz verändert

Bis zu 600 Menschen können sich gleichzeitig auf der Brücke aufhalten. Foto: Thomas Frey/dpa

Bis zu 600 Menschen können sich gleichzeitig auf der Brücke aufhalten. Foto: Thomas Frey/dpa

Das hat er nun davon. Jahrelang hat Marcus Kirchhoff von einer Hängeseilbrücke in seinem Heimatort Mörsdorf im Hunsrück geträumt. Sie sollte in dem verschlafenen 600-Einwohner-Dorf den Tourismus ankurbeln. Seit 2014 ist Kirchhoff Ortsbürgermeister, ein Ehrenamt, das ihn mittlerweile in Anspruch nimmt wie ein richtiger Job. Und zwar wegen der Brücke. Das im Oktober 2015 eröffnete, 360 Meter lange Bauwerk namens „Geierlay“ ist Deutschlands längste Hängeseilbrücke – eine wahre Touristen-Attraktion.

 

Seit Oktober ist Mörsdorf ein völlig anderes Dorf. „Es kommen wahnsinnig viele Menschen, der ganze Ort ist umgekrempelt worden“, sagt Kirchhoff. Der parteilose 56-Jährige hat seinen Schreinerei-Betrieb vor ein paar Jahren verkauft und lebt von seinen Immobilien. Nur deshalb kann er sich jetzt überhaupt um die Brücke kümmern.

 

Einer Machbarkeitsstudie zufolge sollte die Hängeseilbrücke 180 000 Menschen im Jahr nach Mörsdorf locken. Schon am Eröffnungswochenende im Oktober wurde die Ortsgemeinde überrannt. Bisher sind es schon 290 000 Besucher, Kirchhoff erwartet für das ganze erste Jahr 320 000. Auch viele Saarländer kommen über die Hunsrückhöhenstraße nach Mörsdorf .

 

Der kleine Ort ist tagsüber voller Touristen, neue Gastronomie-Betriebe haben eröffnet. Die Gemeinde hat 650 Parkplätze auf vier großen Flächen angelegt – und ein Parkleitsystem wie auf einem Messegelände. Weil die Besucher anfangs den ganzen Ort zuparkten, herrscht jetzt überall Halteverbot. Die Einheimischen haben Anwohnerplaketten bekommen.

 

Die Idee für die Brücke hatten 2006 drei Einwohner, die im Ort „Brücken-Träumer“ genannt wurden, darunter der spätere Bürgermeister Kirchhoff. Sie überlegten sich in einem Workshop zur Dorferneuerung, wie Mörsdorf attraktiver werden kann. „Uns war es ein großes Anliegen, dass wir nicht aussterben“, sagt Kirchhoff. Schnell war klar: Wirtschaftlich hat Mörsdorf keine Chance, mitten im Hunsrück, ohne Autobahn-Anschluss. So entstand die Idee, über das Tal eine Hängeseilbrücke zu bauen. „Es gab Gelächter und Unglauben, der Gemeinderat hat das ziemlich kurzfristig ad acta gelegt“, sagt Kirchhoff.

 

Dann kandidierte Kirchhoff 2009 selbst für den Gemeinderat und setzte das Thema wieder auf die Tagesordnung. Mit Erfolg. 2010 beschloss der Rat den Bau der Brücke. Richtig daran glauben wollte noch niemand. „Wir sind die ganze Zeit belächelt worden“, sagt Kirchhoff. Die drei „Brücken-Träumer“ erhielten den Auftrag, sich um alles zu kümmern.

 

Als erstes suchte Kirchhoff per Internet einen Ingenieur, der eine solche Brücke bauen kann. Er fand einen in der Schweiz. Der Spezialist reiste nach Mörsdorf , sah sich das Tal an – und war begeistert. Die Lokalpresse berichtete ausgerechnet an einem 1. April über den Besuch. „Und alle sagten: Das ist ja wohl ein Aprilscherz. Das war typisch“, sagt Kirchhoff über die damalige Stimmung im Ort.

 

Dafür fanden das Land Rheinland-Pfalz und die EU Gefallen an dem Plan und sagten Fördergelder zu. Die „Brücken-Träumer“ warben auch bei Nachbarorten um Geld. Am Ende kostete das Projekt 1,2 Millionen, Mörsdorf schulterte 400 000 Euro.

 

Im Mai 2015 begann der Bau, im Oktober war die Eröffnung. Zwischendurch schaltete sich der Rechnungshof ein: Die Fördergelder seien nicht gerechtfertigt, die Brücke viel zu teuer und die prognostizierten Besucherzahlen viel zu hoch. „Die haben uns in Grund und Boden geschimpft“, sagt Kirchhoff.

 

Im Dorf herrscht Aufbruchstimmung. Die meisten Menschen seien begeistert, sagt Kirchhoff. In Eigenregie haben die Mörsdorfer ein Besucherzentrum gebaut, in dem es ein Infoterminal, Toiletten und eine Gastronomie gibt. Allerdings sind nicht alle in Mörsdorf mit der Brücke froh: „Es gibt Bürger, die sich gestört fühlen und keine Freude an der Brücke und den vielen Menschen haben“, sagt Kirchhoff. Das sei eine kleine Minderheit, fünf, sechs Leute. Kirchhoff spricht von „Aggressoren“, die auch schon mal die Beschilderung manipulierten.

 

Hohe Einnahmen für den Haushalt generiert Mörsdorf mit seiner Attraktion nicht, die kommen eher aus den Windrädern im Ort. Die Parkgebühren von zwei Euro für vier Stunden werden genutzt, um die Brücke, Wege und Toiletten zu unterhalten, Müll zu entsorgen oder neue Parkplätze anzulegen. „Es werden sicher noch viele, viele Menschen kommen. Vielleicht nicht so viele wie dieses Jahr“, sagt Kirchhoff. Aber 150 000 im Schnitt der nächsten Jahre, „das wäre gesund“.

 

geierlay.de

 

 

Zum Thema:

 

Die Hängeseilbrücke „Geierlay“ ist 360 Meter lang. Sie hat ein Eigengewicht von 57 Tonnen und trägt 50 Tonnen, also etwa 600 Personen mit einem Durchschnittsgewicht von 80 Kilogramm. Die Brücke hängt 100 Meter über dem Boden, schwankt nur leicht und hält laut statischer Berechnung Windgeschwindigkeiten von über 200 km/h stand. kir  
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