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Wie kommt Saarlands neue Sexualkunde an?

Bildungsminister Ulrich Commerçon hat neue Richtlinien zur Sexualerziehung an Schulen erlassen, die die seit 1990 gültigen ersetzen. Sie waren als Ratgeber bei der Erstellung dabei. Wie beurteilen Sie das Ergebnis?
Behr: Die Richtlinien sind aus unserer Sicht wohl durchdacht und ein guter Leitfaden für den Umgang mit dem Thema in Schulen. Sie definieren jedoch lediglich Ziele und geben Hinweise und Ratschläge. Die konkrete Umsetzung, also die Operationalisierung der einzelnen Elemente, ist äußerst komplex und sehr anspruchsvoll. LehrerInnen, der nur dozieren können, können diese Richtlinien nicht umsetzen. Der nächste Schritt ist also genauso wichtig und entscheidend für eine erfolgreiche Umsetzung dieser Richtlinien, nämlich die Unterstützung und Begleitung der Schulen.

Wie soll das umgesetzt werden?
Behr: Wie das organisiert ist oder organisiert werden soll, geht aus den Richtlinien nicht hervor. Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten, die auch beide nach den Richtlinien möglich sind. 1) Durch Lehrkräfte und 2) durch externe Fachkräfte. Beides hat Vor- und Nachteile. Entscheidend wird sein, wie es gesteuert werden wird. Die Befürchtung des DKSB ist, dass es gar nicht gesteuert werden soll und die Hoffnung im Raum steht, dass die Schulen es irgendwie selbst organisieren. Das würde bedeuten, dass es wie bisher dem Zufall überlassen bleibt, welche Schulen die Richtlinien aktiv umsetzen.

Wo weisen die Richtlinien aus Ihrer Sicht Schwachpunkte auf?
Behr: Ich konnte keine erkennen.

Sind die Rechte der Eltern bei der Sexualerziehung ihrer Kinder in den Richtlinien genügend berücksichtigt worden?
Behr: Wenn vor der Umsetzung des Themas die Eltern eingeladen werden, um ihnen zu erklären, was mit den Kindern passiert, würde ich diese Frage mit ja beantworten. (…) Für alle Fachkräfte, die mit diesem Thema arbeiten, ist dies eine Selbstverständlichkeit.

Auf den Schulhöfen werden Kinder von ihren Mitschülern bisweilen mit Ausdrücken wie „Du schwule Sau!“ tituliert. Viele der Kinder bringen Vorurteile gegen sexuelle Orientierungen von zu Hause mit. Helfen die Richtlinien den Lehrern, solchen Mobbing- Attacken zu begegnen?
Behr: Auf keinen Fall, da sich die Richtlinien lediglich auf das spezielle Thema Sexualität beschränken. Hinter solchen Beleidigungen verbergen sich Ängste, die nur jemand aufgreifen kann, der den notwendigen fachlichen Hintergrund hat. Die Richtlinien alleine qualifizieren hierzu nicht. Die eigentliche Qualifizierung der LehrerInnen, die das Thema aufgreifen wollen, müsste spätestens jetzt dringend anlaufen.

Ist Ihnen ein Fall bekannt, in dem sich Eltern hilfesuchend an den Kinderschutzbund gewandt haben, um gegen Sexualkundeunterricht zu intervenieren?
Behr: Nein.

Sexualerziehung soll laut Richtlinien zur Liebes- und Lustfähigkeit führen und Einstellungen fördern, die zur Entwicklung einer verantwortlichen Partnerschaft auch im Hinblick auf Fragen der Familienplanung führen. Sind die Lehrer nach Ihren Erfahrungen auf die Aufgabe bestens vorbereitet?
Behr: Ganz sicher nicht! Die Richtlinien geben einen Rahmen vor, der mit Leben gefüllt werden muss. Diese Ziele sind sehr anspruchsvoll und lassen sich nur erreichen, wenn sie mit Methoden der Sozialpädagogik geschlechtsspezifisch mit einem hohen Maß an Sensibilität bearbeitet werden. Ob das mit der Rolle des Lehrers, der ja auch die Autorität der Schule mit vertritt, bei allem guten Willen, überhaupt vereinbar ist, vermag ich nicht abschließend zu beurteilen. Es ist auf jeden Fall sehr heikel und schwierig. Effektiv ist sicherlich das, was die KollegInnen etwa von Pro Familia anbieten und umsetzen, weil sie als „Nicht-Lehrer“ von den Schülern anders wahrgenommen und anders angenommen werden. Hier entstehen viel leichter vertrauensvolle Gespräche, die vor allem die Ängste und Irritationen von Kindern und Jugendlichen aufgreifen, nicht nur weil sie Experten für dieses Thema sind. Das heißt, die einfachste Methode, die Richtlinien umzusetzen wäre, es an Externe wie Pro Familia zu delegieren.

Zig Tausende Schüler schauen sich Sendungen wie Germany’s next Topmodel mit Heidi Klum an und bekommen so vermittelt, was in dieser Gesellschaft als „sexy“ zu gelten hat. Hat die Sexualerziehung an den Schulen dagegen eine Chance?
Behr: Auf jeden Fall, aber es muss sehr klug und professionell durchgeführt werden.

Kindesmissbrauch durch Pfarrer, Erzieher und Lehrer ist durch die erschreckenden Ermittlungsergebnisse ein beherrschendes Thema in den Medien. Werden die Schüler durch die neue Sexualerziehung besser gegen solche Täter gewappnet?
Behr: Eher nicht. Prävention von sexuellem Missbrauch ist das heikelste und sensibelste Thema überhaupt. Mir sind keine Schulen bekannt, in denen das von LehrerInnen besprochen wird. Die Schulen, die hier etwas tun, wenden sich in der Regel an SOS Kinderschutz und Beratung, Nele und Phönix. Diese Einrichtungen bieten Präventionsbausteine an, können aber natürlich mit ihren Kapazitäten lediglich einen kleinen Bruchteil der Schulen bedienen. Der DKSB will dies schon seit geraumer Zeit in dem von der damaligen Sozialministerin Annegret Kramp- Karrenbauer initiierten „Präventionsforum“ vorantreiben, allerdings hat dieses Forum lange nicht mehr getagt. Sozialminister Andreas Storm hält sich bedeckt, wann die nächste Sitzung stattfinden soll. Zur Zeit arbeitet seit einem Jahr eine „interministerielle“ Arbeitsgruppe. Woran genau, wird leider nicht bekannt gegeben.

Dass Hetero-, Bi-, Homo-, Trans- und Intersexualität gleichwertige Ausdrucksformen menschlichen Empfindens sind, wie die Richtlinien sagen, kann zu Konflikten mit andersdenkenden Eltern führen. Wie können sich Lehrer durchsetzen?
Behr: Indem sie sich intensiv mit diesem Konflikt auseinandersetzen und eine klare Haltung dazu erarbeiten. Dazu brauchen sie Zeit. Das muss mit Fachberatung und Supervision begleitet werden, wenn es nicht an Externe delegiert wird. Lehrer dürfen nicht mit Richtlinien alleine gelassen werden.

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