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Wie unser Korrespondent den Terror erlebte

Als ich am Morgen des 11. September 2001 in mein Büro in Washtington komme, finde ich auf dem Faxgerät die Anfrage einer Partnerzeitung. „Lieber Herr Spang“, schreiben die Kollegen aus der Kulturredaktion zu einem Foto, das die Westside von Manhattan zeigt. „Könnten Sie uns mal etwas über die neue Skyline von New York schreiben?“ Die Anfrage via Fax ist so ungewöhnlich wie die anfragende Redaktion, die zum ersten Mal etwas bei mir bestellte. Nachdem wir gerade den „Sommer der Haie“ hinter uns gebracht haben und die einzigen Sorgen der USA darin bestehen, wie der von US-Präsident Bill Clinton erwirtschafte Haushaltsüberschuss ausgegeben werden soll, verspricht das Thema eine willkommene Abwechslung. Ich habe gerade damit begonnen, einen Artikel über die Ideen des Star-Architekten Frank Gehry zu lesen, da klingelt das Telefon. „Hast Du den Fernseher an?“, fragt mich ein Freund und Kollege vom niederländischen „Volkskrant“ mit aufgeregter Stimme. „Schalt mal ein, da ist ein Flugzeug in das World Trade Center geflogen“, legt der alte Hase nach, ehe ich antworten kann. Die Stimme bebt. Ungewöhnlich für einen, der sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen lässt. Mit einem Knopfdruck bin ich beim US-Fernsehsender CNN und sehe mit eigenen Augen eine Wiederholung der ersten Aufnahmen vom 11. September. Für einen Moment bin ich sprachlos. „Meinst Du, das ist ein Unfall?“ fragt mein Kollege. Ich kann das nicht glauben.



„Schau Dir mal den Himmel an“, mutmaße ich über die geradezu idealen Flugbedingungen an diesem wolkenlosen Herbsttag. Wir vertagen uns auf später. Meine Frau, die zu dieser Zeit auf dem Capitol Hill arbeitet, hat an diesem Dienstag ausnahmsweise frei. Sie eilt sofort zu mir ins Büro, um zu sehen, was los ist. Atemlos starren wir auf die Mattscheibe, über die Bilder des brennenden Nordturms flimmern. Plötzlich taucht eine zweite Maschine am strahlend blauen Himmel auf. Mit nacktem Entsetzen sehen wir, wie sie in den Südturm einschlägt. „Aufhören, aufhören“, presse ich heraus, während meine Stimme wegbricht. Ich sitze am Schreibtisch und heule wie ein Schlosshund. Meine Frau, die auch Journalistin ist, kommt zu mir. Wir halten uns ganz fest. „Das ist ein Angriff“, meint sie mit sicherem Instinkt. In diesem Moment ahnen wir, dass nichts so bleibt, wie es einmal war. Die dritte Maschine rast ins Pentagon, das nur ein paar Kilometer Luftlinie von unserem Haus entfernt liegt. Die Einschläge kommen bedrohlich nahe. Flug 93, den mutige Passagiere über einem Acker bei Shanksville zum Absturz bringen, hätte bei einem Gelingen des teuflischen Plans der Terroristen an einem anderen Tag meine Frau treffen können. Das Telefon klingelt. Am anderen Ende sagt die Stimme der Schulleiterin der Grundschule „Dufief Elementary“, die Schule habe Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Was wird unser sechsjähriger Junge von all dem mitbekommen, sorgen wir uns. Meine Frau erkundigt sich im Kindergarten nach unserer Tochter, die gerade vier geworden ist.



Kollegen, Freunde und Familie in Europa haben ihre liebe Mühe, telefonisch zu uns durchzukommen. Selbst der E-Mail-Verkehr funktioniert nur noch sporadisch. Ein guter Teil des transatlantischen Datenverkehrs läuft durch die Kabel, die in Downtown Manhattan unter der Erde liegen. Nach dem Einsturz der Zwillingstürme geht in Sachen Kommunikation zeitweilig gar nichts mehr. Meine Mutter kommt schließlich mit ihrem Anruf zu uns durch. Sie ist sehr besorgt. Ein anderer Kollege meldet sich. „Kannst Du meine Zeitungen beliefern?“, fragt er mich mit panischer Stimme. Er will mit seiner Frau in die Berge nach West-Virginia flüchten, weil er nun mit dem Schlimmsten rechnet. „Die zünden eine Atombombe“, meint er. Unser Sohn kommt derweil gut gelaunt mit dem Schulbus nach Hause. Auch seine Schwester hat im Kindergarten nichts mitbekommen. Wir haben beschlossen, nur dann etwas zu sagen, wenn die Kinder Fragen stellen. Die Ereignisse überfordern ja schon Erwachsene. Die Anfrage aus der Kulturredaktion hatte sich erledigt. Bis heute versuche ich mir jedoch einen Reim auf diesen unheimlichen Zufall zu machen. Das Fax mit dem Absende-Datum „11. September 2001 12 Uhr 03 (MEZ)“ hebe ich wie eine kostbare Erinnerung im feuerfesten Tresor auf. Ein Dokument, das mir auch zehn Jahre später noch einen kalten Schauer den Rücken herunterlaufen lässt.
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