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Wiebelskirchen: Heute wäre Honecker 100 Jahre alt



Saarbrücken. Man schrieb das Jahr 1989, als Erich Honecker zur tragischen Figur wurde. Die „Deutsche Demokratische Republik“ pfiff wirtschaftlich und politisch aus dem letzten Loch, da krächzte der Silben verschluckende Staatsratsvorsitzende der DDR am 14. August 1989 bei seinem (letzten) Besuch in Erfurt: „Den Sozialismus in seinem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf.“ Zwei Monate später besiegelt ausgerechnet der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow das Ende des sozialistischen Experiments im Osten Deutschlands, ebenfalls mit einem kernigen Satz: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Der Saarländer Honecker kam zu spät und wurde bestraft. Heute würde der Prototyp des kommunistischen Betonkopfs 100 Jahre alt. Als Erich Honecker am 25. August 1912 geboren wurde, dilettierte in Berlin Kaiser Wilhelm II. und in Moskau Zar Nikolaus.

Die Welt war in jeder Hinsicht schwarz-weiß, geteilt in oben und unten, reich und arm. Damals war es unvorstellbar, dass der Sohn eines armen Bergmanns aus der Kuchenbergstraße 88 in Wiebelskirchen einmal Staatschef eines (abgetrennten) Teils Deutschlands werden könnte. Doch das Schicksal hatte genau dieses vor. Schon mit zehn Jahren wurde der kleine Erich Mitglied der „Jung Spartakus Bundes“, später des Jugendverbandes – seine Karriere als linker Überzeugungstäter war vorgezeichnet. Eine klassische Lehre als Dachdecker brach er ab, nachdem er 1930 von den Kommunisten zum Studium der reinen Lehre an die Lenin-Schule nach Moskau geschickt wurde. Noch zweimal sollte Honecker in seine Heimat zurückkehren: 1934 als Untergrundkämpfer gegen die Nazis; und 1987 als Diktator des „Arbeiter- und Bauernstaates“ im Rahmen seines spektakulären BRD-Besuchs, bei dem er von Kanzler Helmut Kohl (CDU) in Bonn mit militärischen Ehren empfangen wurde und einen familiären Abstecher ins Saarland machte, wo ihn Ministerpräsident Oskar Lafontaine (damals SPD) freundlich begrüßte.

Der gefühlskalte Apparatschik Honecker, der den Mauerbau befehligt, den Schießbefehl mitverantwortet und 17 Millionen Menschen in der DDR kujoniert hatte, zeigte hier, an der Wiege seiner Kindheit, sanfte Emotionen. Die innere Abkapselung war ein Wesenszug Honeckers, der bei öffentlichen Auftritten immer etwas angestrengt wirkte. Selbst als er in Nazihaft saß (1935 -1945) oder als er im Oktober 1989 vom Sockel gestürzt wurde, gab er sich äußerlich gefasst. Auch sein persönlicher Kellner Lothar Herzog, der ihn in der Bonzensiedlung Wandlitz jahrzehntelang beobachten konnte, sah stets einen kontrollierten Mann, der allenfalls sentimental wurde, wenn sein kleiner Enkel „Robi“ zu Besuch kam. Und ausgerechnet dieser Roberto, Sohn von Tochter Sonja und dem chilenischen Antifaschisten Leo Yanez, hat heute vor allem die Mauer in (schlechter) Erinnerung, wenn er an seine Kindheit denkt. Jene Mauer, die sein Großvater bauen ließ und in seiner ideologischen Verblendung auch noch verteidigte, als alle Welt nur noch mitleidig den Kopf schüttelte. Politisch hat Honecker, der anfangs ein treuer Vasall des DDR-Patriarchen Walter Ulbricht war („Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“), nicht viel bewegt.

Zwar gilt er als Gründer der Jugendbewegung FDJ und als Mauerbauer, doch nachdem er 1971/72 mit Moskaus Erlaubnis Ulbricht verdrängt hatte, machte er im gleichen sozialistischen Trott weiter. Offiziell war er der Chef in „Pankow“, doch sein Komplize Günter Mittag und insbesondere Stasi-Schnüffler Erich Mielke hatten ein gewichtiges Wörtchen mitzureden. Zwei internationale Erfolge Honeckers sind dennoch unbestreitbar: die Aufnahme der DDR in die Uno-Vollversammlung (1973) und der offizielle Besuch beim Klassenfeind BRD (1987). Dennoch konnte sich der spröde Saarländer nie so richtig über das Erreichte freuen. Denn allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz hinkte Ostberlin dem Westen in allen Belangen hinterher. Zudem wurde Honecker weder in Moskau noch in Bonn, geschweige denn in Washington richtig ernst genommen.

Kanzler Helmut Schmidt, der ihn 1981 am Werbellinsee besuchte, nannte ihn einen „Mann von beschränkter Urteilskraft“. Sein letzter Triumph war der Besuch in Bonn und im Saarland Anfang September 1987. Im Gästehaus der Dillinger Hütte wurde ihm ein großer Empfang bereitet, (es gab Boudinstrudel auf Linsenkeimlingen und Angus Entrecôte in Portweinsoße), mit bengalischer Beleuchtung des Gebäudes und Ehrengästen (Friedrich Dürrenmatt, Peter Maffay), zu denen auch ein junger Genosse namens Gerhard Schröder gehörte, der extra aus Hannover angereist war, um „die Möglichkeit eines Gesprächs mit Honecker“ wahrzunehmen. Großer Auftrieb auch in Wiebelskirchen, wo Honecker sein Elternhaus besichtigte, seine Schwester Gertrud Hoppstädter besuchte und in einem Anflug von Nostalgie einen Apfel aus dem Garten mitnahm. Doch nach dieser Stippvisite in die alte Heimat, gewiss ein Höhepunkt in Honeckers Leben, ging´ s nur noch bergab.

Der wirtschaftliche Kollaps der DDR war bloß noch eine Frage der Zeit, in Moskau hatte der Reformer Michail Gorbatschow das Ruder übernommen, in Polen bedrohte die Gewerkschaftsbewegung „Solidarnosc“ das brüchige System. Als dann die sozialistischen Brüder in Ungarn erste Löcher in den Eisernen Vorhang schnitten, Botschaftsflüchtlinge weltweit für Schlagzeilen sorgten und die Leipziger auf die Straße gingen („Wir sind das Volk!“), war Honeckers Schicksal besiegelt. Am 17. Oktober 1989 wurde er vom Politbüro entmachtet, schon wenige Wochen später begannen „Untersuchungen“, die sogar zu seinem Ausschluss aus der SED führten. Alles brach über ihm zusammen: Vorwürfe des Machtmissbrauchs, Verhaftung, Krebs-Diagnose, ja beinahe sogar Obdachlosigkeit, von der ihn nur ein Pastor durch Asyl im Pfarrhaus von Lobetal bewahrte.

Es folgte eine abenteuerliche Flucht über Moskau, dann in die dortige chilenische Botschaft, Rückkehr nach Deutschland, Inhaftierung in Moabit, Anklage und Prozess (vor allem wegen seiner Verantwortung für die Mauer-Toten), der allerdings im Januar 1993 mit der Einstellung des Verfahrens endete. Honecker wurde zugebilligt, zu krank für eine Verhandlung zu sein. Sofort nach seiner Freilassung flog er zu Ehefrau Margot nach Santiago de Chile, wo er am 29. Mai 1994 im Alter von 81 Jahren starb. Bis zu seinem bitteren Ende war er davon überzeugt, auf der richtigen Seite gestanden zu haben. Margot Honecker glaubt das bis heute.
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