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Zwei Brüder aus Saarlouis fürchten, dass IS-Anhänger ihre Familie verschleppt haben

Muhamad Amin und sein Bruder Walid (von links), kurdische Flüchtlinge aus Syrien.  Muhamad  Amin lebt seit 15 Monaten in Völklingen und versucht seitdem, seine Familie - Ehefrau und die Kinder Ana (18 Monate) und Ali (3 Jahre) - zu sich zu holen.

Muhamad Amin und sein Bruder Walid (von links), kurdische Flüchtlinge aus Syrien. Muhamad Amin lebt seit 15 Monaten in Völklingen und versucht seitdem, seine Familie - Ehefrau und die Kinder Ana (18 Monate) und Ali (3 Jahre) - zu sich zu holen.

Bilos Sonos Blick richtet sich nach unten. Er kämpft mit den Tränen, wirkt müde, gebrochen, und sucht nach Worten. „Ich habe nur den einen Wunsch, dass meine Familie wieder freikommt“, sagt er. Sein Bruder Salamon sitzt neben ihm. Auch er scheint abwesend, schaut ins Leere. Tiefe, dunkle Ränder unter seinen Augen zeugen von dem, was er in den vergangenen Tagen durchmachen musste. „Wir fühlen uns wie gelähmt. Wir können nicht schlafen, wir können nicht aufstehen. Es gibt einfach nichts, was wir tun können“, sagt Salamon. „Wir befürchten das Schlimmste.“

Das Schlimmste, das, wovor die beiden Brüder am meisten Angst haben, ist, dass ihre Familie getötet wurde. Ihr Vater, ihre Mutter, die Schwester und der Bruder.

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, den 24. Februar, wurde das Heimatdorf ihrer Familie – Tal-Sakra, im Nordosten Syriens – von Terroreinheiten des Islamischen Staates (IS) angegriffen. Mehr als 300 Bewohner Tal-Sakras und der umliegenden Dörfer, allesamt assyrische Christen , wie die Familie von Bilos und Salamon, wurden von den Terroristen verschleppt. 15 sollen enthauptet worden sein. 23 Geiseln sind gegen Lösegeld-Zahlung wieder in Freiheit.

„Ein Teil der Bewohner konnte in die nahe gelegene Stadt Al-Hasaka fliehen. Dort kümmert sich Bischof Mar Aphrum um die Flüchtlinge , aber noch sind die Namen all derer nicht alle aufgelistet worden, die den IS-Truppen entkommen konnten“, sagt Charli Kanoun. Er ist der Sprecher der assyrischen Christengemeinde im Saarland, lebt, wie Bilos und Salamon, in Saarlouis und steht in engem Kontakt mit den Brüdern, die seit mehr als zehn Tagen kein Lebenszeichen ihrer Familie erhalten haben. Befände sich die Familie noch auf der Flucht, hätte sich bestimmt eine Möglichkeit ergeben, die Brüder zu kontaktieren, meint Kanoun. Daher sei es naheliegend, dass sie in der Hand der IS-Terroristen sei.

„Wir kümmern uns um die Brüder , so gut es geht. Aber mit einer solchen Katastrophe sind wir als Verein einfach überfordert“, sagt Kanoun, der seinen Ärger über die Tatenlosigkeit westlicher Regierungen Luft macht: „Das Volk der assyrischen Christen ist eine kleine Minderheit, die gerade dem zweiten Genozid innerhalb 100 Jahren ausgesetzt ist. In den Museen auf der ganzen Welt werden unsere Errungenschaften bestaunt. Aber jetzt werden wir von Islamisten getötet, und der Westen schaut tatenlos zu. Es gibt kein Land, das uns beschützt.“

Die assyrische Christengemeinde im Saarland sei bereit, die 23 freigelassenen Geiseln ins Saarland zu holen und die Kosten für den Transport und die Unterbringung zu zahlen. „Ich habe die Zusage, dass ich unser Anliegen vor dem Landtag vorbringen kann. Nur der Termin steht noch nicht fest“, sagt Kanoun. Sollte die Landeregierung grünes Licht für das Vorhaben geben, müsste nur noch Berlin zustimmen, aber das, sagt Kanoun, sei eher ein formeller Akt.

Für Salamon und seinen Bruder ist das kein Trost. Salamon, 27, lebt seit einem Jahr in Saarlouis . Vier Monate war er davor auf der Flucht, kam über den Libanon, die Türkei und Griechenland nach Deutschland. Geflohen ist er aus Angst vor dem IS, nachdem IS-Anhänger in die Stadt Al-Shadadi eingedrungen waren, in der sein Vater arbeitete und die Familie lebte. Seine Familie floh in ihr Heimatdorf Tal-Sakra. Salamon, damals Mathematik-Student, sollte in den Westen, um die Familie später dort hinzuholen. „Wir hatten nicht genug Geld, um alle gemeinsam zu fliehen“, erzählt er.

Sein Bruder Bilos, 26, war als Minenexperte beim Militär, als seine Familie aus Al-Shadadi raus musste. Er wollte ihr helfen, desertierte und machte sich mit dem Studentenausweis seines Bruders auf die Flucht nach Deutschland. 17 Mal sei er kontrolliert worden, erzählt er, nie habe es Probleme gegeben. Als er jedoch in eine Kontrolle von IS-Anhängern geriet, sei er aufgeflogen. „Das da auf dem Foto bist nicht du. Das ist dein Bruder, hat der Kontrolleur zu mir gesagt. Er kannte ihn von früher, aber hat mich passieren lassen“, erzählt Bilos, der vor sechs Monaten über Syrien, die Türkei und Griechenland nach Deutschland kam.

Er und sein Bruder besitzen längst eine Aufenthaltsgenehmigung, aber ihr Plan, die Familie nach Deutschland zu holen, wurde vor zehn Tagen von den IS-Terroristen zunichte gemacht. Neben der Ungewissheit sind es vor allem die Hilflosigkeit und die Tatenlosigkeit, die beide zermürbt.

„Wenn wir nicht bald ein Lebenszeichen von unserer Familie bekommen, gehen wir zurück und suchen nach ihr“, sagt Bilos. „Wir fühlen uns schuldig. Wir sind hier in Sicherheit und können nichts tun. Der Gedanke, sehen zu müssen, wie unsere Familie hinter Gittern ist oder geköpft wird, ist unerträglich“, sagt Salamon. „Wenn unserer Familie etwas passiert, wollen wir nicht mehr leben.“Bürokratische Hindernisse und monatelange Wartezeiten bei der Aufnahme syrischer Flüchtlinge hat der Saarländische Flüchtlingsrat (SFR) bei einer Pressekonferenz in Saarlouis am Freitag kritisiert. Am konkreten Fall von Muhamad Kher Amin wurde gezeigt, mit welchen bürokratischen Hürden Flüchtlinge umgehen müssen. Amin, kurdischer Flüchtling aus Syrien, lebt seit 15 Monaten in Völklingen und versucht seitdem, seine Familie – Ehefrau und die Kinder Ana (18 Monate) und Ali (3 Jahre) – zu sich zu holen.

Bereits am 9. September 2014 habe die zuständige Ausländerbehörde in Saarbrücken dem Antrag auf Familienzusammenführung zugestimmt, erklärte Peter Nobert vom SFR. „Seit sechs Monaten liegen alle notwenigen Papiere, für die man rund 1500 Euro zahlen muss, im deutschen Konsulat in Istanbul , aber es tut sich nichts“, sagte Nobert. Warum, werde nicht mitgeteilt. In der Regel werde ein solcher Antrag binnen weniger Tage bearbeitet und die Einreise nach Deutschland genehmigt. Seit neun Monaten lebt die Familie nun schon bei Verwandten in Istanbul und wartet auf grünes Licht vom Konsulat.

Walid Amin, der Bruder von Muhamad, lebt seit acht Jahren in Völklingen und war in den letzten Monaten mehrmals selbst in Istanbul , um beim Konsulat vorstellig zu werden. „Ich wurde immer vertröstet, aber Gründe für die Verzögerung wurden nicht genannt. Ich kann dieses Verhalten nicht verstehen“, sagte er.

Auch beim Flüchtlingsrat herrscht Unverständnis über die Verzögerung beim Konsulat. Von einem „krassen Fall“ spricht Peter Nobert, der das Auswärtige Amt in der Pflicht sieht. „Wenn Flüchtlinge hier sind, muss die Familienzusammenführung schnell passieren“, betonte.
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