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40 Tage lang die Wahrheit und nichts als die Wahrheit

Die Wissenschaft sagt, wir lügen bis zu 200 mal pro Tag. Der Journalist Jürgen Schmieder hatte die Nase voll von der Schummelei und fasste einen mutigen Entschluss: 40 Tage lang sagte er jedem ohne wenn und aber die ungeschminkte Wahrheit ins Gesicht.

Diese Zeit hat er im Buch „Du sollst nicht lügen!“ zusammengefasst. Im Lifestyle-Interview berichtet er Redakteur Ingo Beckendorf von seinen Erfahrungen.

Jürgen Schmieder. Foto: PR
? Meine Interview-Anfrage haben Sie mit „Herzlichen Grüßen“ zugesagt. War das ernst gemeint oder gelogen?
Schmieder: Das war ernst gemeint.

? Aber Sie kennen mich ja noch gar nicht?
Schmieder: Eben. Dann bin ich ja generell erst einmal höflich. Wenn ich Sie kennen und nicht mögen würde, aber Ihnen trotzdem „Herzliche Grüße“ schickte oder Ihnen „Guten Morgen“ wünschte, dann wäre es gelogen. Und das kommt im täglichen Umgang ziemlich oft vor.

? Wenn mir zum Beispiel ein verhasster Kollege „Guten Morgen“ wünscht und ich ihn nicht anlügen will, was antworte ich ihm dann?
Schmieder: Entweder gar nichts oder Sie sagen klar: ,Dir wünsche ich keinen Guten Morgen'. Beides wird früher oder später eine Reaktion hervorrufen, der Kollege erkundigt sich bei ihnen nach dem Grund für ihr Verhalten. Dann gibt es in den meisten Fällen ein reinigendes Gewitter und Sie haben danach ein ehrlicheres Verhältnis zueinander. So ging es mir oft während der 40 Tage: Ich musste viel diskutieren, aber es hat zu durchweg positiven Ergebnissen geführt.

? Wie kamen Sie darauf, 40 Tage die Wahrheit zu sagen?

Schmieder: Zur Fastenzeit hatte ich mir überlegt, worauf ich mal guten Gewissens verzichten könnte. Gleichzeitig fiel mir immer stärker auf, wie oft Menschen sich jeden Tag anlügen. Eine Kollegin wollte auf meine Kosten Urlaub machen, der ihr nicht zustand. Einem Kumpel wurde ein Auto mit verrostetem Innenraum überteuert verkauft. Es gibt unendlich viele Beispiel dafür: Menschen belügen sich tagtäglich. Das wollte ich für mich ändern.

? Wen haben sie denn so angelogen?
Schmieder: Meine Frau, meinen Chef, meine Freunde und Kollegen - eigentlich alle. So wie viele andere Menschen auch. Die Wissenschaft sagt sogar, wir lügen bis zu 200 mal am Tag. Aus Egoismus, aus Höflichkeit, weil es den Umgang miteinander einfacher macht oder um andere nicht zu verletzen.

? Geben sie uns ein Beispiel?
Schmieder: Ich hab' einer Kollegin mehrfach gesagt, dass ich ihren Kleidungsstil mag - obwohl ich ihn fürchterlich fand. Die Lüge basierte auf einem egoistischen Motiv: Ich wollte, dass Sie mich gut findet.

? Der Kollegin schmeicheln, dem Chef Recht geben, Freunde ausnutzen - lügen kann sich doch durchaus auszahlen, oder?
Schmieder: Ja, aber Lügen haben kurze Beine. Wenn die Lüge aufgedeckt wird, ist das damit verfolgte Ziel dahin. Außerdem verdrängt der Lügner gerne, dass es auch einen Angelogenen gibt - und der wird die Lüge so schnell nicht vergessen. Die angelogene Kollegin wird Ihnen nicht mehr vertrauen, der angelogene Chef auf Ihr Urteil keinen Wert mehr legen, die ausgenutzten Freunde sich von Ihnen zurückziehen.

? In
welcher Situation fiel es Ihnen am schwersten, die Wahrheit zu sagen?
Schmieder: Einer meiner besten Freunde hat seine Freundin betrogen. Ich hab es zuerst ihr gesagt, was noch ging. Dann aber hab ich ihm gesagt, dass ich ihr seinen Betrug verraten habe - das hat mich mörderische Überwindung gekostet.

? Wie hat er reagiert?
Schmieder: Er hat mir ein paar Mal in den Magen geboxt und mir die Rippe gebrochen. Mittlerweile sind wir aber wieder Freunde.

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Ebenfalls von Jürgen Schmieder: :: Mein Bauch gehört mir.


? Haben Sie das Lügen nach den 40 Tagen aufgegeben?
Schmieder: Nein – schon deshalb, weil es Lügen gibt, die ich toll finde. Wenn ich zum Beispiel einen Freund vor einer Prüfung mit einem überzeugten ,Das schaffst du schon' ermuntere, dann hab’ ich ja oft in Wirklichkeit überhaupt keine Ahnung, ob das stimmt. Trotzdem hilft es ihm, sogar wenn er sich denken kann, dass ich auch keine Ahnung hab’. Deutlich reduziert hab ich aber all die Lügen, die Menschen weh tun - und das haben alle honoriert, denen ich zunächst eine unbequeme Wahrheit sagen musste. Jetzt bin ich überall als ehrliche Haut bekannt, was sich wirklich gut anfühlt.

? Kennt die Wahrheit Grenzen?
Schmieder: Objektiv nicht, aber subjektiv betrachtet gibt es wahrscheinlich schon Situationen, in denen wir besser den Mund halten. Den Betrug meines besten Freundes zum Beispiel würde ich nicht noch einmal verraten. Hier wäre es besser gewesen, ihn dazu anzuhalten, ehrlich zu seiner Freundin zu sein - also der Wahrheit über Umwege zum Ziel zu verhelfen.

? Welche zentrale Erkenntnis haben Sie aus Ihrem Experiment gewonnen?
Schmieder: Die Konsequenzen der von mir ausgesprochenen Wahrheiten waren meist bei weitem nicht so stark, wie ich befürchtet hatte. Scheidung, Arbeitsplatzverlust oder das Ende von Freundschaften: So starke Reaktionen gibt es in den seltensten Fällen. Wir sollten uns selbst nicht zu sehr überschätzen. Insgesamt betrachtet schadet es wirklich nicht, öfter mal ehrlich zu sein: Wenn Sie das Essen im Restaurant einfach zum Kotzen fanden, wenn der Kollege sich im Büro wie der letzte Trottel verhält, wenn die Freundin in dem Kleid einen fetten Arsch hat - raus mit der Wahrheit. Es lohnt sich.

Interview: Ingo Beckendorf / Fotos: Schmieder / Verlag

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