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Leicht überzuckert
(2012-02-26 14:32:08)
Von Tobias Kessler
Geschmäcker und Gemüter sind verschieden – gerade bei Filmen, die mitten aufs Herz zielen. Nach der Pressevorführung bei der Berlinale konnte man Buhrufe hören, aber auch ein paar feuchte Augenpaare sehen. „Extrem laut und unglaublich nah“ erzählt vom jungen Oskar, dessen Vater am 11. September im World Trade Center stirbt. Der Sohn ist am Boden zerstört, denn sein Vater (Tom Hanks als Super-Dad) hatte ein äußerst enges Verhältnis zu ihm, entwarf mit ihm Expeditionen durch New York und versuchte, ihm die ganze Welt zu erklären.
Was nun von Vater bleibt, ist, neben einem leeren Sarg, ein Schlüssel in einem gelben Umschlag, auf dem der Name „Black“ steht? Zu welcher Tür passt der Schlüssel? Oder zu welchem Schließfach? Oskar begibt sich auf große Expedition durch New York und klappert nahezu alle „Blacks“ ab, unterstützt von dem stummen Mann (Max von Sydow), der seit einiger Zeit bei seiner Großmutter wohnt, nur „Der Mieter“ genannt wird und per Zettel kommuniziert.
Der Film ist die vierte Kino-Arbeit des Engländers Stephen Daldry („Der Vorleser“) und verströmt die Aura einer Prestigeproduktion, bei der alles edel zu sein hat: die Ausstattung (Oskars gebastelte Bücher sind kleine Design-Wunder), die Musik, die Bilder – da wirken selbst Oskars Angstträume von Silhouetten, die vom World Trade Center herabstürzen, ästhetisch ansprechend.
An den Darstellern liegt es nicht, dass sich rasch ein Gefühl der Überzuckerung einstellt: Der junge Thomas Horn gibt eine packende Vorstellung als traumatisierter Junge, der es schon vor dem 11. September nicht leicht hatte – der Film deutet an, dass er an einer autistischen Störung leidet. Sein feinnerviges Empfinden, seine Versuche, die Welt in Fakten und Zahlen einzuteilen, um ihr einen Sinn abzugewinnen, zeigt der Film in zwei atemlosen, höchst verdichteten Montagen. Das sind die stärksten Momente dieses Dramas, das sonst allzu kalkuliert aufs Gefühlige zielt und eine überdeutliche Musik einsetzt, die immer genau signalisiert, was der Zuschauer jetzt zu empfinden hat. Sandra Bullock, mit einer guten, stillen Darstellung, wirkt da wie eine Insel der Zurückhaltung in dieser Brandung der ausgebreiteten Gefühle. Dass der Film am Ende nahezu alle losen Schicksalsenden miteinander verknüpft, passt zu diesem Film, der von Traumata erzählen will, aber immer schon deren Bewältigung im Hinterkopf hat.
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