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Die Toten und das Leben
(2012-02-25 14:26:20)
Von Thomas Reinhardt
Die Toten helfen dem jungen Mann zurück ins Leben. Ganz allmählich und gegen viele Widerstände. Roman Kogler (Thomas Schubert) wurde früh von seiner Mutter verstoßen, im Alter von 14 Jahren trat er einen Gleichaltrigen bei einem Streit zu Tode. Jetzt ist er 19 und verbüßt eine Haftstrafe in einem Jugendgefängnis in Niederösterreich. Der verschlossene Einzelgänger möchte eine frühzeitige Haftentlassung beantragen. Doch dazu muss er eine Arbeit nachweisen. In der Zeitung liest er eine Stellenausschreibung eines Bestattungsunternehmers. Obwohl ihm sein Bewährungshelfer abrät, beginnt Roman während seines Freiganges als Bestatter zu arbeiten. Und diese Arbeit und die Erfahrungen, die er dabei macht, verändern ihn und sein Leben.
Der Österreicher Karl Markovics wurde als Schauspieler bekannt, sein größter Erfolg war die Rolle des Salomon Sorowitsch in Stefan Ruzowitzkys „Die Fälscher“ (2007), der den Oscar als bester fremdsprachiger Film gewann. Mit „Atmen“ hat Markovics nun sein Regiedebüt vorgelegt, das nach Cannes zu den Filmfestspielen eingeladen wurde und in der Reihe „Quinzaine des Realisateurs“ gelaufen ist.
Die Charakterstudie des stoischen, lustlos und unnahbar wirkenden Jugendlichen ist ruhig und unspektakulär, aber genau beobachtet erzählt und dabei überraschend stilsicher inszeniert. Im Knast und auch in der Leichenhalle, zwei gesellschaftlichen Tabubereichen, herrscht ein monotoner Alltag: immer dieselben Tagesabläufe, dieselben Tätigkeiten, dieselben Handgriffe. Freigang, Rückkehr, Kontrollen, Sport, Essen, Schlafen. Und dazu kommen die gnadenlosen Machtverhältnisse in diesen verschlossenen Welten, denen Roman immer wieder ausgesetzt ist. So wird der junge Mann bei seiner neuen Arbeit mit besonderem Argwohn beobachtet, und der zynische Bestatter Rudolf Kienast (Georg Friedrich) macht ihm das Leben schwer.
Markovics und sein hervorragender Kameramann Martin Gschlacht setzen die Geschichte mit langen Einstellungen und packenden Bildern stilsicher um. Die wirken zum einen dokumentarisch, zum anderen, bei den Szenen im Schwimmbad, strahlen sie eine große Poesie aus. Es wird wenig geredet in diesem Film, aber wenn, dann sitzen die Dialoge. Als Roman seine Mutter trifft, will er von ihr wissen: „Warum hast Du mich weggegeben?“ – „Das war das Beste, was ich in meinem Leben gemacht habe“, antwortet sie trocken.
Mit viel Feingefühl und trockenem Humor setzt der Regisseur der feindseligen Welt (dem überforderten Bewährungshelfer, den frustrierten Staatsvertretern) einen großen Humanismus entgegen und öffnet seinem ungeliebten Helden, dem die Orientierung in seiner Gesellschaft fehlt, die Tür zu einem neuen Leben wenigstens einen kleinen Spalt breit. Und auch die schauspielerischen Leistungen beeindrucken: Die Charaktere sind großartig gespielt, vor allem der junge Hauptdarsteller überzeugt mit großer Präsenz.
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