St. Ingbert

Enrotherm: Das mysteriöse Ende einer St. Ingberter Firma
Von Von SZ-Redakteur Lothar Warscheid Veröffentlicht: Freitag, 22. Februar 2013, 14:34 Uhr

Die St. Ingberter Spezialglas-Firma Enrotherm hat alle Mitarbeiter entlassen.
Foto: BuB
Der St. Ingberter Spezialglas-Hersteller Enrotherm ist von der Geschäftsführung einfach dichtgemacht worden. 40 Mitarbeiter stehen auf der Straße. Sie haben außerdem in diesem Jahr noch kein Geld bekommen.

Die St. Ingberter Spezialglas-Firma Enrotherm hat alle Mitarbeiter entlassen. Foto: BuB


St. Ingbert/Saarbrücken. Wütende und frierende Menschen, verschlossene Türen, heruntergelassene Rolltore. Beim St. Ingberter Spezialglas-Hersteller Enrotherm tut sich nichts mehr. Nach den Fastnachtsferien hatten die rund 40 Mitarbeiter ihre fristlose Kündigung erhalten (wir berichteten). Sie waren aufgefordert worden, gestern zu erscheinen, um zu erfahren, wie es weitergeht. Zwischenzeitlich wurden sie per Post darüber informiert, dass „diese außerordentliche Betriebsversammlung entfällt“. Der Grund sei die „sofortige Schließung der Enrotherm GmbH“. Sie kamen trotzdem. Alle sind verzweifelt. „Wir haben dieses Jahr noch keinen Cent an Lohn und Gehalt gesehen“, erzählen sie. Viele sind älter und schon lange dabei. „Seit 31 Jahren arbeite ich hier“, sagt Pierre Mayer. „Jetzt stehe ich vor dem Nichts.“

In der vergangenen Woche hieß es in einer E-Mail an unsere Zeitung, die Firma sei verkauft worden, die Verwaltung werde nach Ostdeutschland verlagert. Unterzeichnet hatte die angebliche neue Geschäftsführerin S.M. Kramer. Auch von ihr war gestern nichts zu sehen. Stattdessen hing am Briefkasten ein Zettel, dass die Firma nach Falkenstein im Vogtland verzogen sei – in die Schlossstraße 10. Dort weiß man nichts von einem Glashersteller. Der örtliche Gewerbeverein „Blauer Punkt“ hat in diesem Haus seinen Sitz, ebenso ein Bekleidungsgeschäft und ein Reisebüro. „Ansonsten gibt es nur noch ein paar Wohnungen“, erzählt ein Mitarbeiter des „Blauen Punkts“.

Innen stapeln sich unter dem Enrotherm-Briefkasten förmliche Zustellungen des Arbeitsgerichts Neunkirchen. Die bisherigen Geschäftsführer und Inhaber, Rüdiger Thies und Werner Ewen, sind nicht erreichbar. Die Forderungen von Enrotherm werden inzwischen von der Firma Swissvent aus Stans (Schweiz) eingetrieben. „Bis 18. Februar sollte alles beglichen sein, obwohl häufig noch keine Rechnungen vorlagen“, berichtet der Inhaber eines Schreinerbetriebs. Eine Anfrage unserer Zeitung bei Swissvent bleibt unbeantwortet.

Wie kann es weitergehen? „Ich rate den Mitarbeitern, Insolvenzantrag zu stellen“, sagt der Saarbrücker Fachanwalt Jochen Eisenbeis. Dann müsste sich die Geschäftsführung gegenüber dem Insolvenzgericht äußern. Läge der Straftatbestand der Insolvenzverschleppung vor, „ist das eine sehr ernste Angelegenheit“. Auf jeden Fall müsste die Geschäftsführung nach Eintritt der Insolvenz „persönlich haften“. „Die Mitarbeiter haben darüber hinaus auch rückwirkend drei Monate Anspruch auf Insolvenzausfallgeld“, ergänzt Ulrich Schacht, Rechtschutz-Sekretär der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), Bezirk Saarbrücken. Gestern hat Enrotherm auch den Wirtschaftsausschuss des Saar-Landtages beschäftigt. Der wirtschaftspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Hubert Ulrich, forderte die Landesregierung auf, „schnellstmöglich mit den Verantwortlichen in Kontakt zu treten“. „Jetzt stehe ich vor dem Nichts.“ Pierre Mayer, seit 31 Jahren bei Enrotherm beschäftigt


Meinung

Rechte mit Füßen getreten

Von SZ-Redakteur Lothar Warscheid

Eine funktionierende Rechtsordnung ist für ein gedeihliches Gemeinwesen unverzichtbar. Das gilt nicht zuletzt im Wirtschaftsleben. Der Staat sollte sich zwar möglichst aus dem Wirtschaftsgeschehen heraushalten, muss aber einen stabilen Ordnungsrahmen schaffen und dafür sorgen, dass dieses Regelwerk auch eingehalten wird. Bei Enrotherm handeln die Verantwortlichen offenbar so, als wenn es keine Gesetze gäbe. Die Arbeitnehmer-Rechte werden massiv mit Füßen getreten und die Geschäftsführung fühlt sich für die Folgen ihres Handelns anscheinend nicht verantwortlich. Das darf ihr nicht durchgehen. Vielleicht ist diese Sache inzwischen sogar eine Angelegenheit für den Staatsanwalt.



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