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Zähneputzen im Kollektiv will gelernt sein
(2012-01-10 08:41:10)
Von SZ-Redaktionsmitglied Philip Weber
Saarbrücken. Ganz feuchte Hände hat der sonst so souveräne Justus, als er den Briefumschlag der Universität des Saarlandes öffnet. Noch eine Absage hieße weitere sechs Monate Hotel Mama, und das gilt es nun wirklich dringend zu vermeiden. Als erstes fällt eine Zahlungsaufforderung heraus. Ausgehend davon, dass diese ominöse Saarbrücker Uni für die Bearbeitung seiner Bewerbung keine 152 Euro verlangt, sondern um den Semesterbeitrag bittet, malt sich Justus beglückt die neuen Freiheiten des Studentenlebens aus.
Drei Tage später geht es per Mitfahrgelegenheit aus dem städtisch geprägten Ruhrpott ins beschauliche Saarland auf WG-Suche. "Ist nicht ganz Berlin oder Hamburg, aber da kann man ja auch mal ein Praktikum machen", redet sich Justus seinen neuen Wohnort schön. Die Inserate waren nicht die kreativsten. Alle suchen sie einen "netten und lustigen Mitbewohner". Wer sucht denn bitte auch "langweilige und ungepflegte Idioten"?
Um Punkt zwölf öffnet "Ach Mensch, voll toll, dass du da bist. Hi! Ich bin die Suse! Willste nen Tee?" die Tür. Justus hasst Tee, aber das muss Dreadlock-Suse ja nicht gleich auf die Nase gebunden werden: "Äh ja, gerne!" So viel Klischee schockt sogar ihn als ehemaligen Waldorfschüler. Im Wohnzimmer sitzen bereits die Kontrahenten. Fünf Leute, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Von Cordhose bis Leopardenmini, von Jesuslatschen bis "Ed Hardy"-Mütze, alles dabei. Einzige Gemeinsamkeit: Alle trinken Tee und sehen aus, als hätten sie lieber einen Kaffee. Der zähe Small Talk wird glücklicherweise durch den Auftritt der Jury, angeführt von Öko-Suse, unterbrochen. "So, das sind wir also: Bernd, Alfi, Julia und mich kennt ihr ja schon". Halleluja! Es ist doch nicht die "Kommune 1", die anderen sehen ganz normal aus. Nach dem obligatorischen Rundgang durch die Wohnung und einem tiefgründigen Gespräch mit Bernd über lokale Biere steht Justus' Entscheidung fest: "Bernd scheint lässig, Julia ist 'ne Schnitte: Spitzen Bude!". Jetzt gilt es im Kreuzverhör Sandalen-Johnny und Konsorten auszustechen.
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Zurück im Wohnzimmer beginnt Suses Fragestunde. Es entsteht der Eindruck, der Hauptpreis sei ein Flug mit dem Herzblatt-Helikopter ins Romantikhotel im Schwarzwald - hoffentlich mit Julia, nicht mit Suse. Es fehlt nur das vor die Frage geschobene "Kandidat 3?". Justus' Konkurrenz disqualifiziert sich relativ schnell. Ed Hardy braucht Stunden im Bad, die Leopardentussi findet Spülen "voll eklig", Jesus spielt überraschenderweise Schlagzeug und die anderen beiden fallen auch nicht gerade durch unwiderstehlichen Charme auf. Zum Schluss holt Suse mit einer Ernsthaftigkeit zur letzten Frage aus, als ginge es um die politische Gesinnung: "Ähm, gleich haben wir's: Ich hoffe, ihr gehört nicht zu denen, die beim Zähneputzen das Wasser laufen lassen?". Siegessicher rutscht es Justus raus: "Nee, ich bin sogar so knauserig, ich putze überhaupt nicht die Zähne!" Während sich Julia und Bernd einen Ast lachen, weil die wohl bescheuertste Frage des Tages als solche entlarvt wurde, fehlt es Suse scheinbar an jeglichem Sinn für Ironie: "Aha."
Nach kurzer Beratung verkündet "Bernd Bohlen", Justus sei im "Recall". Man treffe sich abends um acht "Uff de Nauwies" auf ein Bier mit den anderen beiden "Tagessiegern". Heißt: Nicht mit der geplanten Mitfahrgelegenheit zurück zu Mutti, sondern "Suses Inquisition die Zweite" und Übernachtung in der Jugendherberge.
Entgegen Justus' Vermutung wird es ein toller Abend. Bernd ist nach fünf Bier noch lustiger, Julia sieht noch besser aus und Suse kann sogar lachen. Nachdem zugunsten von Jägermeister das Biertrinken eingestellt wurde, klärt Bernd die Anwärter auf. Julia und ihm sei es egal, sie fänden alle super. Hinge alles von Suse ab.
Am nächsten Tag wird Justus mit einem Höllenschädel vom Klingeln seines Handys wach: "Hi du, hier ist die Suse! War voll toll, dass du da warst. War voll schwer, uns zu entscheiden. Es tut mir superleid, aber wir haben uns für die Maxime entschieden. Sorry, ne? Tut mir echt voll leid!"
Mittlerweile ist ein halbes Jahr vergangen. Justus hat ein Zimmer, ist mit Julia zusammen und geht in seiner Casting-WG ein und aus. Suse wohnt nicht mehr dort. Sowohl Bernd als auch Alfi hatten beim Zähneputzen ständig das Wasser laufen lassen. Und Justus weiß jetzt, warum Suse sich gegen ihn entschieden hatte: "Habt ihr gesehen? Der hat so'n Lakotz-Polo an, geht ja wohl mal gar nicht!"
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