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Rocco-Macher Thilo Ziegler klärt auf: Darum werden Konzert-Tickets immer teurer

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Thilo Ziegler (l.) bei den Vorbereitungen für's Electro Magnetic (2013). Archivfoto: Becker & Bredel

Sie machen schon drei Festivals. „Rocco del Schlacko“, dessen 19. Ausgabe im August läuft, ist Ihr Baby, das Sie schon zu Ihren Schülerzeiten aus der Taufe hoben. Dazu kommen nächste Woche Ihr drittes „Urban Art!-HipHop-Festival“ und die sechste Ausgabe Ihres „Electro Magnetic“-Festival. Sie steigen am Freitag und Samstag im Völklinger Weltkulturerbe. Reicht das nicht? Warum machen Sie jetzt noch im Herbst im Auftrag der Landesregierung „Colors of Pop“?

ZIEGLER Die Aufgabe hat mich einfach gereizt. Neues zu kreieren.

Damals haben Sie gesagt: Ich werde über Land fahren und mit Kulturschaffenden reden und mir einen Überblick verschaffen und daraus ein Profil entwickeln. Ist „Colours of Pop“ tatsächlich so entstanden?

ZIEGLER Im Kulturministerium gab es die Überlegung, ein neues Festival zu initiieren. Parallel dazu hat sich der Poprat ähnliches überlegt. Das wurde irgendwann zusammengeworfen. Dann begann unter Beteiligung aller möglichen Kulturträger eine Art Bestandsaufnahme. Ich arbeite ja seit über 15 Jahren im Saarland im Bereich Popkultur und dachte, die meisten zu kennen. Das Gegenteil war der Fall. Man lernt auf einmal Leute aus Mode, Musical oder Fantastik kennen. Die erste Festivalausgabe ist jetzt bewusst nachwuchsorientiert angelegt. Wir wollen die verschiedenen Bereiche der Popkultur hier neu vernetzen. Das war ein komplizierter Weg.

Das Programm enthält viel Bekanntes: Die „Rotationen“, die „Krimitage“, die „Tage für elektro­akustische und visuelle Musik“, die Wirtschaftsmesse. „Colors of Pop“ wirkt ein bisschen wie ein Potpourri des Vorhandenen. Besteht das Konzept vor allem darin, einen Überblick zu geben?

ZIEGLER Ja, das ist der springende Punkt. Es ging um Vernetzung. Nur dadurch ist der Aufbau eines Festivals möglich. Andererseits soll es Vorhandenes stärken. Nehmen wir etwa die Krimitage: Ob sie ohne „Colors of Pop“ weiter stattfinden können, weiß man nicht. Oder unser Poetry Slam im Staatstheater: Wir glauben, dass die Szene dadurch mehr Aufmerksamkeit bekommt. Völlig neue Festivalorte können wir mit unserem Budget nicht kreieren. Wenn ich am Landwehrplatz einen aufmachen wollte, wäre das gesamte Budget weg. Um es mal in eine Relation zu setzen: Unser Gesamtbudget ist mit 350 000 Euro in etwa so hoch wie der eines ausverkauften Konzerts in der Saarlandhalle.

Was ist in der neuen Rolle anders? Ist der Druck geringer als bei einem Festival, für das man persönlich finanziell geradesteht?

ZIEGLER Druck spüre ich immer den gleichen und mache ich mir selbst. Man hat da ja auch einen eigenen Anspruch, etwas zu leisten.

Ist das Colors-Festival auch eine Generalprobe für das, was der Poprat hier etablieren will?

ZIEGLER Nein. Als Poprat-Vereinsmitglied gesprochen, würde ich sagen, dass dieser ein sehr breites Konzept aufgelegt hat, inwieweit sich der Bereich Popkultur im Saarland entwickeln könnte. Der Pop­rat unterstützt das Festival zwar, aber es ist keine Dependance.

Wie ist das kulturelle Angebot der Region? Nicht im Vergleich zu Monopolregionen, sondern zu vergleichbaren Randgebieten?

ZIEGLER Eine große Kulturszene ist für eine Region generell wichtiger, als man das auf den ersten Blick glauben mag. Hätten wir hier keine Landeshauptstadt, keine eigene ARD-Anstalt, keine größeren Universitäten, wäre die Region deutlich geschwächt. Bezogen auf die Größe der Region passiert hier sehr viel. Strukturell betrachtet hingegen ist das hier eher dünn. Stichwort Live-Clubs, Stichwort zeitgemäße Veranstaltungshalle. Da wird man aufpassen müssen, dass man nicht von immer mehr Tourneeplänen verschwindet. Da muss etwas passieren. Dringend nötig wäre eine Halle, die für Sport und U-Musik als Arena genutzt werden könnte. Heute übliche Bühnenshows passen in die Saarlandhalle nicht hinein.

Was müsste getan werden, um das hier vorhandene kreative Potenzial besser zu heben und zu etablieren? Was wäre für Sie am Wichtigsten?

ZIEGLER Das ist wie die Huhn-oder-Ei-Frage. Wir haben hier gute Ansätze in vielen Branchen und könnten da ganz selbstbewusst sein. Man müsste das mehr nach außen tragen. Und darf die Kreativen nicht abwandern lassen.

Wie wird sich der Freizeitmarkt entwickeln? Ändern sich Rezeptionsgewohnheiten? Wird die Evento­­manie mit ausgefeilten Bespaßungskonzepten immer wichtiger? Oder gibt es Gegenbewegungen hin zum Reduzierten, Authentischen?

ZIEGLER Die Entwicklung der letzten 15 Jahre war total verrückt. Zu D-Mark-Zeiten kosteten Tonträger im Schnitt über 30 Mark. Heute kosten sie zehn Euro. Eine Eintrittskarte für ein Konzert in der Saarlandhalle hat früher 40 Mark gekostet, heute 50 Euro. „Rock am Ring“ hat 135 Mark gekostet, heute 210 Euro bei gleichwertigem Programm. Mit anderen Worten: Der gesamte Musikmarkt hat sich verschoben. Künstler müssen sich live profilieren anstatt über MTV oder eine Platten-Promo. Kosten rund um die Band wie Reisekosten, Bühnenbilder und Videos sind vor 15 Jahren noch von Plattenfirmen bezahlt worden, heute ist das auf die Live-Industrie abgewälzt worden. Deshalb haben aufwändige Bühnenshows enorm an Wichtigkeit gewonnen. So ist der ganze Eventcharakter entstanden. Dieser Trend ist jetzt wieder am abebben, weil da künstlerisch die Qualität nicht immer mithalten konnte. Da gibt es jetzt ein Umdenken, von zuvor gehypten, nicht guten Künstlern wieder Abstand zu nehmen.

Der Markt war also überdreht?

ZIEGLER Irgendwann war der am hippsten, der ein Feuerwerk von nicht nur 80 Metern abgefeuert hat, sondern eben 120 Meter hoch – in der Art lief das. Jetzt wird langsam wieder die Qualität der Musik wichtiger als die Höhe eines Feuerwerks.

Der Teufelskreislauf bleibt: Wer Geld machen will, muss touren. Weil aber alle am Kuchen mitverdienen wollen – Labels, Gema, Konzertveranstalter – verteuert sich der Konzertmarkt. Ist da nicht langsam die Schmerzgrenze erreicht?

ZIEGLER Alleine die Gema-Gebühren haben sich seit 2012 im Konzertgeschäft vervierfacht. Ja, die Schmerzgrenze bei Eintrittspreisen ist erreicht. Aber ich sehe noch nicht, dass die Branche die Reißleine zieht und das Ganze deckelt.

Was ist die größte Aufgabe beim Konzipieren eines Festivals wie „Rocco del Schlacko“, das bei einem Etat von gut 2,5 Millionen Euro seit März quasi ausverkauft ist?

ZIEGLER Das richtige Setting zu finden. Man muss sich etwa fragen, ob man für Künstler 100 000 Euro mehr ausgeben soll oder nicht. Und man den Leuten deshalb höhere Eintrittspreise zumuten soll oder nicht.

Entscheidet der Ziegler das alleine oder berät er sich mit vielen?

ZIEGLER Grundsätzlich muss man das alleine entscheiden. Aber ich bin ein sehr kommunikativer Mensch; ich rede da vorher mit ganz, ganz vielen Leuten drüber. Auch darüber, was es heißt, zeitgenössisch zu sein. Eigentlich muss man heute „vor-zeitgenössisch“ sein. Also heute schon den Trend der nächsten Jahre treffen. Heute schon erschnuppern, ob Bands ihre Fan-Botschaft verlassen. Ob sie zu sehr in den Mainstream gehen oder ob sie „credibel“, also glaubhaft, bleiben. Ein Programm muss breit sein, darf aber nicht zu breit, zu kommerziell sein. Das heißt dann: „Silbermond“ nein, aber „Wir sind Helden“ ja. Die waren Erfinder eines Genres mit zeitgenössischer studentischer Philosophie, was man von „Silbermond“ nicht sagen kann.

Wie schnell kann ein Festival seine Seele verlieren?

ZIEGLER Was man 20 Jahre aufgebaut hat, ist oft mit einem Fehler kaputt. Wenn ich für 2018 die Hälfte des Programms falsch platziere, ist die Sache gelaufen. Ansonsten bin ich kein Freund von Hypes und Trends. Langsamer zu arbeiten, bringt mehr Beständigkeit. Ich baue bei „Rocco“ also keinen Street-Food-Markt auf und setze nicht auf hochgehypte, kurzzeitige Pseudo-Musiktrends.

Wenn man überschlägt, dass der „Rocco“-Etat bei 2,5 Millionen Euro liegt und 24 000 Karten zum Preis von knapp 100 Euro verkauft werden, ist das ein Minusgeschäft. Also sind andere Einnahmequellen wie Catering, Merchandising, Sponsoring überlebensnotwendig, oder?

ZIEGLER Durch Eintrittsgelder können die Kosten nicht gedeckt werden, das ist klar. Ein paar Hebel hat man dadurch, dass es auch varia­ble Kosten gibt. Eine Bandgage hängt von der Besucherzahl ab und so fort.

Wieviel hat man als Veranstalter mit den Künstlern selbst zu tun?

ZIEGLER Eher wenig. Die haben Einzelbetreuung bei uns, klar. Ansonsten aber verkennt man gerne, dass solche Auftritte Arbeit sind. Morgens besoffen aus dem Tourbus herausfallen und den ganzen Tag feiern, das gibt es sehr selten.

Wie verwöhnt sind die Bands? Wieviel Allüren gibt es da?

ZIEGLER In 90 Prozent der Fälle ist das alles sehr entspannt. Aber natürlich wollen die alle eigene Duschen und Umkleidekabinen und Import-Getränke und so weiter. Ansonsten fahren die nach dem Gig im Tourbus meistens gleich weiter. In der Regel nach Frankfurt. Wir haben aber auch schon nachts Flieger gechartert, damit Bands bei uns in Köllerbach spielen.

Entscheiden die Leute in der heutigen, angebotsübersättigten Freizeitindustrie genauer und kurzfristiger als früher, welche Kulturangebote sie nutzen? Wird deshalb das Inszenieren von Erlebniswelten immer wichtiger? Und die Leute immer wählerischer?

ZIEGLER Total. Qualität ist so wichtig wie noch nie. Die Leute haben nur ein limitiertes Zeitkontingent. Also suchen sie sich lieber weniger aus, dafür Besseres. Das lässt sich auch mit Zahlen untermauern. Viele jährlich stattfindende kostenlose Veranstaltungen haben sinkende Besucherzahlen. Umgekehrt werden bei 50 Prozent Besuchquote trotzdem 100 Prozent der Umsätze erzielt. Eine Konzertreise nach Düsseldorf oder Hamburg ist eben sieben Mal so teuer wie der Konzertbesuch in Saarbrücken.

Wohin wird sich die Freizeitindustrie in den nächsten 20 Jahren entwickeln? Wird es noch mehr virtuelle Welten geben? Oder die Rückkehr zum Handgemachten?

ZIEGLER Vielleicht wird in fünf Jahren Madonna in Saarbrücken auftreten. Aber dann als Hologramm auf der Bühne stehen und ihre ganze Welttournee an einem Tag spielen. Wenn man zurückschaut, dann hat die Entwicklung des mp3-Formats die gesamte Musikindustrie auf den Kopf gestellt. Jetzt haben wir iTunes statt CDs. Ein Festival wie „Rocco“ hätte es ohne digitale Revolution nie gegeben. Weil wir in der Medialisierung von einem Fernsehsender abhängig gewesen wären. Erst durch das Netz konnten wir die „Rocco“-Idee national nach außen tragen.

Das Netz hat den Markt erst demokratisiert?

ZIEGLER Heute kann jeder sich selbst aufbauen. Ohne Plattenfirma. Mit kleinsten Budgets. Video drehen, auf Youtube hochschießen. Gut sein. Viral werden. Am Start sein. Also muss man nicht mehr bei Universal in Berlin auf dem Schoß sitzen. Man kann Genetikk und Powerwolf auch in Saarbrücken hochziehen. Das ist ein Geschenk. Kein Talent-Buyer einer Plattenfirma entscheidet mehr, wer ins Rennen geschickt wird. Das ist unfassbar gut.

Und das Geheimnis ist es dann, herauszufinden, was warum wie populär wird. Nur: Wie kann man im Meer des Vorhandenen den Überblick behalten?

ZIEGLER Ja, klar. Wie komme ich mit der Ohnmacht der Möglichkeiten klar? Man redet mit Leuten. Man erschnüffelt Tendenzen. Ansonsten aber ist alles zu einhundert Prozent subjektiv. Aber irgendwann wird es dann doch objektiv: Wenn man entscheiden muss, ob wer auf der Haupt- oder Nebenbühne spielt. Ob mittags oder abends.

Wie groß ist der Reiz, Entdecker zu sein? Bands herauszufischen?

ZIEGLER Das ist nicht mein Job. Das würde mir nichts bringen. Ich bin ja kein Band-Manager.

Gibt es Festival-Checklisten? Was wann von wem zu machen ist?

ZIEGLER Das ist tägliche Arbeit. Man weiß, woran man denken muss. Bäcker gucken sich ja morgens auch nicht die Brötchen-Rezeptur an.

Wieviel Musik hören Sie selbst?

ZIEGLER Ich habe zuhause kein Musikabspielgerät. Das ist meine musikfreie Zone. Ich höre im Büro und im Auto Musik.

Das Gespräch führte Christoph Schreiner (SZ).

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