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Darum ist Alexx Wesselsky (Eisbrecher) von so manch neuem Hit auf Deutsch genervt

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Eisbrecher live. Foto: Peter Klaunzer / dpa-Bildfunk

Sie singen nicht von „Sonne; Mond und Sternen“, wie es Eisbrecher-Frontmann Alexander „Alexx“ Wesselsky formuliert. Die Gruppe steht für eine Kombination aus knüppelharter Musik mit schonungslosen Texten. Am 10. Oktober gastiert Eisbrecher in Saarbrücken.

Wie sehr „Eisbrecher“ ein musikalische Ausdruck der hiesigen Verhältnisse und Ausdruck der eigenen Persönlichkeit sind, darüber sprach André de Vos mit „Eisbrecher“-Gründungsmitglied, Haupttexter und Sänger Alexander „Alexx“ Wesselsky.

Wenn man die heutige Masse an Veröffentlichungen betrachtet, scheint es bei euch noch in den Texten das „Spezielle“ zu geben, dass ihr den besonderen Dreh findet, um noch einmal etwas auszudrücken, was so noch nicht gesagt wurde?

ALEXX: Das ist schön, wenn du das so siehst. Es ist nur, als wir angefangen haben, Musik zu machen, da waren wir noch eine Ausnahme, die es jenseits der Toten Hosen, der Ärzte und Peter Maffay wagt, harte Mucke mit deutschen Texten zu machen. Also: Da gab es nichts. Und von denen, die damals mit dabei waren, ist niemand mehr da. Außer Rammstein, sage ich jetzt einmal. Nimmt man die Zeit von 1997 bis 2000, 2003 und vergleicht das mit jetzt, da wurde das Radio von den H-Blockx, den Guano Apes und sonstwem dominiert.

Und immer mit englischen Texten?

ALEXX: Genau. Keiner hat deutsch gesungen. Heute ist alles auf den Kopf gestellt. Heute singt alles deutsch. Alles. Aber es gibt keine Rockmusik mehr. Also: Rock ist weg. Und das, was wir uns an deutschen Texten um die Ohren hauen lassen dürfen, ist ja schlimm. Da wünschte man sich, es würde eine Quote gegen „neue deutsche Schlager“ geben, die nur noch das „Leben“, den „Hedonismus“, das „Ich“, das „Wir“ feiern: „Ein Hoch auf uns!“, „Wir sind groß!“. Ich frage mich nur, warum? Sind die einfach nur „groß“, weil sie groß sind? Ich bin 1,93. Und du? „Ein Hoch auf uns“? Warum? Was ist daran so toll, was wir Deutschen, die Jugendlichen, die Mittelalten, gerade so Großes tun? Weil wir einen Schulterklopfer brauchen für die Scheißpolitik, die wir unterstützen? Also, da habe ich so meine Probleme mit.

Und gerade das ist wahrscheinlich der Unterschied für euren Erfolg: dass ihr euch den Stereotypen entzieht und dann doch noch etwas zu sagen habt?

ALEXX: Wir können es uns erlauben, größere Themenfelder aufzubrechen und anzugehen, weil wir eine Rockband sind. Und wir müssen uns nicht nach den Regeln des verfluchten Formatradios richten. Wir können tun und lassen, was wir wollen. Wenn jemand mit uns spricht, ist es selten genug, denn Rock ist medienmäßig schwer anzubringen. Im Radio finden wir praktisch nicht statt, aber andererseits müssen wir auch keine Hit-Ballade machen. Wir müssen keine Single machen, die „Tante Emma“ gefällt.

Und ihr könnt deshalb praktisch auch in jede Richtung akustisch austeilen?

ALEXX: Man kann sagen, „Eisbrecher ist scheiße, weil die „Sachen sagen, die ich nicht hören will“. Ja, dann haben wir alles richtig gemacht, weil, dafür Rockmusik da ist. Es muss nicht immer politisch sein, aber wenn eine Rockband behauptet, eine Rockband zu sein, dann muss sie auch ab und zu mal einem in den Hintern treten, ob es einem passt oder nicht.

Viele sind unangenehm berührt:  die direkten Texte, diese schonungslose Offenheit, wie schon bei der Platte davor, „Schock“. Da waren ja viele Lieder sehr persönlich strukturiert. Man könnte denken: Was ist der Alexx nur für ein Mensch, der Songs wie „Zwischen uns“ oder „Unschuldsengel“ schreibt und immer noch „Miststück“ bringt?

ALEXX: Ich singe eben nicht von Sonne, Mond und Sternen, nicht von „Deinen blauen Augen“, ich singe nicht davon, wie schön es wäre, ich und du im Bettchen, Kinder und glückliche Zukunft. Das machen ja genug andere. Ich verstehe völlig die Grundtendenz: Das Leben ist anstrengend genug, ich will Spaß, ich will tanzen, ich will mir nicht noch Probleme vor die Nase hauen lassen. Da muss ich sagen: „Kannst du alles machen. Ist mir recht.“ Genauso wie bei Leuten die mir sagen: Alles schlimm, schreib’ nur Texte wie „Schlachtbank“ und „Schock“.

Inwiefern scheint der echte Alexander Wesselsky beim Alexx auf der Bühne durch? Manche scheinen das gar nicht auseinander halten zu können?

ALEXX: Da gebe ich dir einhundertprozentig Recht, aber dann darf der Daniel Craig auch keinen James Bond spielen. Und was macht denn Ralph Fiennes, der den SS-Bastard namens Amon Göth (KZ-Kommandant und „Schlächter von Płaszów“, Anm. d. Red.) bei „Schindlers Liste“ so bösartig spielt, dass ihn alle hassen? Oder wenn Buchautoren solche Bücher und einfach klaffende Themen in unserer Gesellschaft thematisieren? Dann darfst du auch nicht über den Holocaust reden, dann gar nichts! Und man muss den Holocaust nicht erlebt haben, um darüber zu sprechen. Muss ich Soldat gewesen sein, um zu sagen, ich verweigere den Wehrdienst?

Was treibt dich im Innersten an, Lieder von „Was ist hier los?“ über „Der Wahnsinn“ bis „Das Leben wartet nicht“ zu komponieren und zu singen?

ALEXX: Also, man darf Empathie haben, man sollte Empathie haben. Und wer das hat, der kann sich in viele Köpfe reindenken und in sehr viele Situationen hineinphantasieren. Das ist unser Job: Wir haben Empathie, wir haben Phantasie. Ich muss nicht alles selbst erleben, aber ich kann die Gefühle von Menschen antizipieren. Ich kann Bücher lesen und sie weitertransportieren. Ich kann mit Leuten reden und deren Geschichten nehmen. Ich nehme einfach, was mich umgibt, und thematisiere es. Und wenn die Leute immer so stumpf glauben, all das müsse autobiografisch sein, natürlich nicht. (lacht)

Aber selbst schwarzer Humor kann sehr lustig sein?

ALEXX: Wenn man Eisbrecher bierernst nimmt, liegt man mindestens genauso falsch, wie man falsch liegt, wenn man Rammstein bierernst nimmt. Wir sind schon Komödianten. Wir sind auch Satiriker und Ironiker, und wir stellen uns nicht über die Dinge, sondern mittenrein. Aber der Deutschen Kernkompetenz war eben noch nie die Ironie und noch nie die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen.

Sehr ihr euch auch als eine politische Band?

ALEXX: Wir sind „nicht politisch“, wir sind aber „auch politisch“. Das muss man klar sehen. Wir sind nicht die Entscheidenden, vielleicht nicht die, die Antworten geben, die, die Ausrufezeichen setzen, aber die vielleicht versuchen, Ausrufezeichen und Fragezeichen umzuschmieden, irgendwie auch etwas zu tun und uns nicht nur hinzustellen, sexy auszusehen, toll die Hüften kreisen zu lassen, und dann sagen die Mädchen: „Oh, ist der cool! Der ist zwar doof wie die Nacht, aber er hat das richtige Deo, hat eine tolle Hose und ist in der Bravo.“ Ich meine, ganz ehrlich, dazu sind wir zu alt, und darum geht es uns schon seit 20 Jahren nicht mehr.

Mit Verwendung von SZ-Material (André de Vos).

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