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Sprinter Reus versucht Doping-Problem auszublenden

Sprinter Julian Reus glaubt nicht an einen sauberen Wettkampf. Foto: Sven Hoppe

Sprinter Julian Reus glaubt nicht an einen sauberen Wettkampf. Foto: Sven Hoppe

Julian Reus ist wenige Monate vor dem größten Doping-Sündenfall der Leichtathletik bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul geboren worden.

«Es war das Jahr mit dem schmutzigsten Olympia-Sprintfinale der Geschichte mit Ben Johnson und Carl Lewis», sagte der 27 Jahre alte deutsche Rekordler über 100 Meter, der am Freitag bei der WM in London zum Vorlauf antreten wird. «Ich bin damit aufgewachsen. Ein Umdenkungsprozess hat nicht stattgefunden.»

Deutschlands schnellster Mann ist nicht frustriert, macht sich aber auch keine Illusionen, dass sich durch den russischen Doping-Skandal und die Suspendierung der Sportgroßmacht entscheidend etwas geändert hat. «Wenn man alles so sieht, wurde nichts getan», meinte der Läufer vom TV Wattenscheid 01, der das Erreichen des WM-Halbfinals anvisiert und das Doping-Problem ausblendet: «Ich gehe an den Start und darf mir keine Gedanken machen.»

Was soll er auch anderes machen? Der Sprint ist mit Doping vorbelastet, wie kaum eine andere Leichtathletik-Disziplin. Fast alle der schnellsten Flitzer der 2000er Jahre sind mit verbotenen Mitteln ertappt worden: Tyson Gay (USA/Bestzeit: 9,69 Sekunden), Yohan Blake (9,69), Asafa Powell (beide Jamaika/9,72), Justin Gatlin (9,74), Tim Montgomery (beide USA/9,78) oder Nesta Carter (Jamaika/9,78).

Der schnellste Mann des Globus, Usain Bolt, ist nach seinen bei der WM 2009 in Berlin aufgestellten Fabel-Weltrekorden über 100 Meter (9,58 Sekunden) und 200 Meter (19,19) oft verdächtigt, aber nie positiv getestet worden. Vor den letzten Sprints seines Lebens bei der WM in London gab sich der nie als engagierter Anti-Doping-Kämpfer aufgetretene Jamaikaner zumindest als Mahner für saubere Leistung. Nach dem Russland-Skandal müssten alle, die Schlechtes getan haben, damit aufhören, weil sonst «der Sport sterben» werde, sagte Bolt.

Die EM-Dritte über 200 Meter, Gina Lückenkemper, glaubt nicht daran, dass es einfach ist, Russlands Sportsysteme und andere Länder wie Äthiopien oder Kenia auf klaren Anti-Doping-Kurs zu trimmen. «Ich glaube es erst, wenn ich es sehe. Es ist ein kritisches Thema», sagte die 20-jährige Dortmunderin. Während sie sich im WM-Trainingslager in Kienbaum mit schwacher Internetverbindung abmühte, alle ihre Aufenthaltorte bis und bei der WM akribisch in das ADAMS-System einzutragen, damit Doping-Kontrolleure sie immer finden können, würde man «anderswo einen Scheiß darauf geben».

Mehr Chancengleichheit erwartet auch Rico Freimuth in London nicht. «Ich hoffe es, aber die Zeit, in der ich mich massiv aufgeregt habe, ist vorbei», sagte der WM-Dritte im Zehnkampf von 2015. Nicht ruhig bleiben kann er, wenn er den Namen Justin Gatlin hört. Der US-Sprinter war zweimal des Dopings überführt worden, hätte lebenslang gesperrt werden müssen, kam aber mit vier Jahren davon, weil er als Kronzeuge gegen seinen Trainer aussagte. «Er diskriminiert uns alle», schimpfte Freimuth vor dessen ersten WM-Auftritt am Freitag.

Eine Antwort auf die Frage, ob es im Olympiastadion von 2012 dopingfreier zugehen wird, hat auch der deutsche Cheftrainer nicht. «Wir wünschen uns, dass der Ausschluss des russischen Teams zu Reaktionen geführt hat», sagte Idriss Gonschinska. «Ich hoffe, dass wir einen Reinigungsprozess in der Leichtathletik erleben werden.»

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