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Vom Aufstieg und Fall des Entertainers Bill Cosby

Bill Cosby in Pittsburgh im Innenhof des Allegheny County Courthouse (Landgericht). Foto: Gene J. Puskar

Bill Cosby in Pittsburgh im Innenhof des Allegheny County Courthouse (Landgericht). Foto: Gene J. Puskar

Ein bisschen aus der Zeit gefallen sieht er schon aus. Bill Cosby sitzt im schlabbrigen Kapuzenpulli auf der Bühne, neben ihm eine Box Taschentücher und eine Flasche Wasser.

Mitten im Witz, beim Gag über eine Frau im Publikum, putzt er sich mit langsamen Handbewegungen die Nase, knüllt das Papier zusammen, lässt es hinter den Tisch fallen. «Jetzt sei still, Jackie, oder ich schwöre, die Security wird dich holen kommen.» Gelächter im Saal.

Die Fans hat der Entertainer an diesem Abend im Jahr 2012 etwas außerhalb von Chicago auf seiner Seite, wie ein Video-Mitschnitt des Auftritts zeigt. Zwanglos und entspannt spielt Cosby sein Programm durch, gibt wie zu Sitcom-Zeiten den onkelhaften Geschichtenerzähler, den stets leicht verdatterten Ehemann, den von der Welt befremdeten Weltbürger. Anekdoten hat er in seiner Karriere genug gesammelt, aber ein Thema durchzieht das Witze-Repertoire: Cosbys Verhältnis zu, seinen Umgang mit, seine immer neue Verwunderung über - Frauen.

«Es ist wie mit einer jüngeren Schwester: Man muss sie rauswerfen, wenn sie anfangen, sich schlecht zu benehmen», scherzt Cosby über die Frau im Saal. Bei Ehefrauen sei das schon anders: «Nach ein paar Jahren Ehe spielen Frauen nicht mit dir, du wirst sie nicht in Verlegenheit bringen.» Und dann sagt Cosby einen Satz, der irgendwie stellvertretend klingt für seine Lage nach den Vorwürfen sexueller Übergriffe in 60 Fällen, die teils Jahrzehnte zurückliegen: «Wenn du dich an etwas nicht erinnern kannst, ist das dein Problem.»

79 Jahre ist Cosby alt, Mitte Juli feiert er seinen 80. Geburtstag. Altersflecken zeichnen sein Gesicht, zu Gerichtsanhörungen kommt er mit Gehstock und schiebt sich dann etwas schwerfällig zum Eingang. Er hakt sich bei Verteidigern unter, tapst hinterher. Ende April hatte er in einem Interview erklärt, seit etwa zwei Jahren blind zu sein - eines Morgens sei er aufgewacht und habe nicht mehr sehen können. Sogar den Gang zum Stuhl auf der Bühne müsse er Stunden vor einer Show mit Hilfe einer am Boden markierten Linie üben.

Altersschwach oder nicht, Cosby muss sich den Vorwürfen stellen. Zumindest denen der früheren Angestellten der Temple University in Philadelphia, Andrea Constand. In dem am 5. Juni beginnenden, ersten Strafprozess gegen den früheren Star aus «Die Bill Cosby Show» lautet der Vorwurf, Cosby habe ihr im Januar 2004 Tabletten verabreicht und sie in seinem Haus sexuell belästigt. Bei einer Verurteilung drohen mehrere Jahre Gefängnis, auf freiem Fuß ist Cosby derzeit nur dank einer Kaution von einer Million Dollar (894 000 Euro).

Erste Gehversuche als Entertainer machte William Henry Cosby in den 1960er Jahren in einem Nachtclub in New York, bald folgten Engagements in Spielfilmen und TV-Serien. Der Durchbruch kam, als er mit der Krimi-Serie «Tennisschläger und Kanonen» als erster schwarzer Schauspieler einen Emmy gewann. Die nach ihm selbst benannte Show in den Jahren zwischen 1984 bis 1992 mit mehr 200 Folgen brachte ihm Millionen ein, auch an den Wiederholungen verdiente er kräftig.

Vor allem aber führte Cosby den Alltag der Afroamerikaner in das von weißen Darstellern dominierte TV-Universum ein. «Unnachgiebig brachte Mister Cosby im Alleingang eine neue Bewusstseinsebene in die Hauptsendezeit», schrieb die «New York Times» zu der im Jahr 1992 ausgestrahlten letzten Folge. Für die «Los Angeles Times» war die Show eine «Darstellung herzerwärmender familiärer Beständigkeit».

Wo ist er hin, dieser Vorzeigevater, der Grimassen-Schneider mit den ulkigen Stimmen, der Lieblings-Quatschkopf im Abendprogramm von Millionen Amerikanern? Für Fans aus Cosbys besten Tagen sind seine Auftritte am Gericht das traurige Ende eines in Ungnade gefallenen Alleinunterhalters in der Fernseh-Nation USA. Seine von den Vorwürfen erstickte Show, mit der er seiner Laufbahn als Comedian noch einmal etwas Leben einhauchen wollte, hieß ausgerechnet «Far From Finished» - noch lange nicht fertig.

Mindestens 60 Frauen haben Cosby nach einer Zählung der «Washington Post» sexuelle Belästigung, Missbrauch oder Vergewaltigung vorgeworfen. Weil die meisten Fälle verjährt sind, bleibt ihnen heute nur der Gang zum Zivilgericht: Mindestens sieben Zivilklagen wegen Verleumdung, sexueller Nötigung oder sexueller Belästigung haben 13 Frauen der Zeitung zufolge in drei Bundesstaaten gegen ihn angestrengt. Für sie wäre eine Verurteilung Cosbys ein spätes Machtwort der Justiz in einem Land, in dem Vergewaltigungen, vor allem an Colleges und Universitäten, zu oft übersehen, hingenommen oder nicht strafrechtlich verfolgt werden.

Man kann nur vermuten, ob die Skandal-Schlagzeilen und der Alltag an der Seite von Anwälten und auch innerhalb der Familie Cosby Spuren hinterlassen haben. Cosbys Frau Camille scheint sich öffentlich so bedeckt wie nur möglich zu halten. Vier Töchter im Alter von 40 bis 52 Jahren haben die beiden, der einzige Sohn wurde im Alter von 27 Jahren in Los Angeles auf der Straße ausgeraubt und erschossen.

Evan, die jüngste Tochter, hält jedenfalls zu ihrem Vater, der einst der gefühlte Zweit-Vater so vieler TV-Zuschauer war: «Er liebt und respektiert Frauen. Er begeht weder Missbrauch, noch ist er gewalttätig oder ein Vergewaltiger», schreibt Evan Cosby beim Verband afroamerikanischer Zeitungsverleger NNPA. «Sicher, wie viele Berühmtheiten, die sich von Gelegenheiten in Versuchung bringen ließen, hatte er seine Affären, aber das war zwischen ihm und meiner Mutter. Sie haben es verarbeitet und sind darüber hinweg, und ich bin froh, dass sie es für sich und unsere Familie getan haben.»

Gerichtsdokumente

Klageschrift

Interview mit NNPA

Evan Cosbys Essay bei NNPA

Washington Post

Vanity Fair zum Fall Constand

Website Bill Cosby

"Bill Cosby Show" bei IMDb

New York Times zu letzter Folge, 1992

Los Angeles Times zu letzter Folge, 1992

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