Aufmacher
Homburger Mediziner schafft Durchburch in der Krebsforschung
(2009-10-21 14:45:04)
Michael Pfreundschuh zeigt neue Wege in der Früherkennung von Leukämie auf – Jahrelange Testreihen wurden doch noch von Erfolg gekrönt Vier Jahre lang forschte Michael Pfreundschuh an der Homburger Uni-Klinik, ohne seinem Ziel näher zu kommen. Im fünften Jahr gelang ihm dann eine grundlegende Entdeckung, die die Krebsforschung voranbringt.
Homburg. Es gebe auf der Welt zwei frustrierende Berufe, sagte der Schriftsteller John Le Carré – Journalisten und Spione: „Stundenlang passiert bei denen gar nichts, und dann kommt plötzlich ein irrer Rummel.“ Nun, bei Wissenschaftlern sieht die Welt noch viel ernüchternder aus: „Vier Jahre haben wir uns vergeblich abgemüht, bestimmte Zellstrukturen im ganzen Universum zu finden – und dann kam im fünften Jahr der Durchbruch, es war unglaublich“, erklärt Professor Michael Pfreundschuh, Direktor der Klinik für Innere Medizin I am Uniklinikum in Homburg und ein weltweit anerkannter Experte in der Krebsforschung. Jemand aus seiner Forschergruppe hatte zufällig eine neue Zellmembran ins Labor mitgebracht, so dass es in Homburg erstmals überhaupt gelingen konnte, bei bösartigen Bluterkrankungen eine allgemeine Struktur zu identifizieren. „Die neue Membran trug zufällig eine Zielstruktur, die die früheren Membranen nicht enthalten hatten, und diese Struktur war das Zielmolekül der Paraproteine von 15 Prozent aller Patienten mit Plasmozytom“, betont Pfreundschuh. Er veröffentlichte diese Entdeckung in der jüngst erschienen Ausgabe der wissenschaftlichen Zeitschrift „The Lancet Oncology“ – und damit ist der Homburger Durchbruch in der Plasmozytomforschung nun auch weltweit in Fachkreisen bekannt. Plasmozytome oder multiple Myelome sind bösartige Erkrankungen des Knochenmarks, die durch ein unkontrolliertes Wachstum von Plasmazellen im Knochenmark entstehen, erklärt Pfreundschuh. Diese Plasmazellen produzieren Antikörper, sogenannte Paraproteine, die sich im Serum der Patienten nachweisen lassen. „Wir haben nun vermutet, dass bestimmte Antigene durch eine chronische Stimulation des Immunsystems zur bösartigen Entartung von Plasmazellen und damit zu Blutkrebs-Erkrankungen führen können“, so Pfreundschuh weiter, „diese Plasmazellen erkennen das Antigen und produzieren dann Paraprotein-Antikörper dagegen. Damit hatten wir den Dreh- und Angelpunkt für unsere Tests: Wir wollten nachweisen, dass diese Paraprotein-Antikörper gegen ein und dasselbe Antigen gerichtet sind.“ Und damit wurde erstmals ein einwandfrei beweisbarer Risikofaktor ausgemacht, der auf 15 Prozent der Plasmozytom-Patienten zutrifft: Die aus Medizinern, Chemikern und Molekularbiologen bestehende Gruppe um Professor Pfreundschuh stellte fest, dass dieses Antigen, das das Immunsystem stimuliert, gegenüber Normalpersonen verändert ist: es trägt eine zusätzliche Phosphatgruppe. Aus dieser Information ließ sich nun ein Test entwickeln, der im Homburger Carreras-Zentrum für Immun- und Gentherapie angewendet wird. „Risikopatienten, die mit einem entsprechenden Schreiben ihres Arztes zu uns kommen, können diesen Test machen“, betont Pfreundschuh. Was geht aus diesem Test hervor? ,,Da diese Zielstruktur einen Risikofaktor darstellt und dominant vererbt wird, also auf 50 Prozent der Kinder, kann man jetzt erstmals die familiäre Häufung von Plasmozytomen erklären,“ sagt Pfreundschuh, „mit unserem Test können wir also Familienmitglieder mit einem erhöhten und einem nicht-erhöhten Risiko voneinander unterscheiden.“ Nachdem bei Brust- und Darmkrebs schon längere Zeit Gene bekannt seien, die mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko einhergehen, stellt das in Homburg identifizierte Gen erstmals eine solche Erkenntnis bei bösartigen Blutkrankheiten dar. Christine Maack
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